Antisemitismus ist ein Wahn
Antisemitismus ist keine Meinung. Er ist auch nicht bloß ein Vorurteil unter vielen. Er ist ein geschlossenes Erklärungssystem, das aus jedem Widerspruch einen neuen Beweis macht. Ist ein Jude reich, bestätigt das seine angebliche Macht. Ist er arm, tarnt er sich. Ist Israel militärisch stark, gilt es als imperialistisch. Ist Israel verwundbar, wird sein Existenzrecht zur Diskussion gestellt. Wehrt sich ein Jude, ist er aggressiv. Wehrt er sich nicht, ist er verdächtig. Der Antisemit kann innerhalb dieses Systems niemals irren, weil sein Irrtum die Voraussetzung des Systems ist. Darum ist Antisemitismus ein Wahn. Nicht, weil jeder Antisemit psychiatrisch krank wäre. Das wäre medizinisch falsch und politisch bequem. Sondern weil antisemitisches Denken nach der Logik des Wahns funktioniert: Es ist immun gegen Tatsachen, besessen von verborgenen Mächten und überzeugt davon, hinter der sichtbaren Welt eine geheime Regie entdeckt zu haben.
von Serdar Somuncu
von Serdar Somuncu
Kaum jemand hat diese Struktur eindrucksvoller beschrieben als Daniel Paul Schreber, ein hochgebildeter Jurist und Senatspräsident am Oberlandesgericht Dresden. 1903 veröffentlichte er seine Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken. Darin errichtete er ein ungeheuer komplexes paranoides System aus göttlichen Strahlen, Stimmen, Nerven, Verfolgung und einer ihm zugedachten Erlöserrolle. Schreber war überzeugt, unsichtbare Mächte wirkten auf seinen Körper und seine Gedanken ein. Geräusche, Zufälle und selbst Einwände gegen seine Überzeugungen wurden in seinem System zu Bestätigungen. Auch die kulturell überlieferte Figur des ,,ewigen Juden" montierte er in dieses private Weltgebäude ein. Schreber war kein politischer Vordenker des Antisemitismus. Sein Fall zeigt etwas Grundsätzlicheres: wie aus Angst, Kränkung und Kontrollverlust eine Totalerklärung entsteht, in der alles mit allem verbunden ist und nichts mehr zufällig sein darf. Genau so arbeitet der Antisemitismus. Er verwandelt gesellschaftliche Widersprüche in die Absicht einer Personengruppe. Kapitalismus und Kommunismus, Finanzmacht und Revolution, Liberalismus und Bolschewismus können gleichzeitig ,,jüdisch" sein. Dass sich diese Vorwürfe gegenseitig ausschließen, stört den Antisemiten nicht. Der Widerspruch ist kein Fehler seines Denkens, sondern dessen Treibstoff.
Was bei Schreber ein privates Wahnsystem blieb, wurde bei Jörg Lanz von Liebenfels zur politischen Lehre. Der ehemalige Zisterziensermönch und selbst ernannte Adelige vermischte um 1900 Rassenlehre, Esoterik, Sexualangst, Frauenhass und christliche Versatzstücke zur sogenannten Ariosophie. In seiner Zeitschrift Ostara erzählte er von einer höherwertigen blonden ,,Rasse", die durch angeblich minderwertige Menschen, ,,Rassenmischung" und weibliche Sexualität bedroht werde. Juden erschienen nicht mehr als Individuen, sondern als Träger einer zersetzenden Gegenmacht. Lanz' Denken war grotesk, aber nicht harmlos. Es versprach Erlösung: Wenn man die angeblichen Verderber erkenne, aussondere und beherrsche, werde die Welt wieder rein. Ob und wie stark Lanz Adolf Hitler persönlich beeinflusste, ist historisch umstritten. Unstrittig ist, dass seine Ostara-Hefte zu jenem völkisch-antisemitischen Milieu gehörten, aus dem der Nationalsozialismus schöpfte. Aus dem privaten Wahn wurde eine Ideologie, aus der Ideologie eine Zeitschrift, aus der Zeitschrift ein Milieu und aus dem Milieu irgendwann eine Handlungsanweisung. Der Wahnsinn bekam eine Druckerpresse, eine Partei und schließlich einen Staat. Dabei war Judenfeindschaft lange vor Lanz und lange vor dem Wort Antisemitismus vorhanden. Im christlichen Europa wurden Juden über Jahrhunderte als Christusmörder, Brunnenvergifter, Wucherer und Ritualmörder verfolgt. Während der Pest sollten sie die Brunnen vergiftet haben. Wenn ein christliches Kind verschwand, wurde behauptet, Juden hätten es entführt, getötet und sein Blut für religiöse Zwecke verwendet. Die Anschuldigungen waren frei erfunden, kosteten aber unzählige Menschen das Leben. 1879 gab Wilhelm Marr diesem alten Hass einen scheinbar modernen Namen. Der Begriff ,,Antisemitismus" sollte Judenfeindschaft wissenschaftlich klingen lassen und verwandelte Religion in vermeintliche Biologie. Nun half nicht einmal mehr Taufe oder Assimilation, weil der Jude nicht mehr als Gläubiger, sondern als unveränderliche ,,Rasse" galt. Im Nationalsozialismus verbanden sich diese religiösen Bilder, der moderne Rassenwahn, der Verschwörungsglaube und die industrielle Bürokratie zur Ermordung von sechs Millionen europäischen Juden. Seitdem sind die alten Motive nicht verschwunden. Sie wechseln nur ihre Kleidung. Aus dem Wucherer wird der globale Finanzier, aus dem Ritualmörder der Kinderfresser, aus dem Brunnenvergifter der Hersteller vergifteter Impfstoffe, aus der jüdischen Weltverschwörung eine namenlose Elite aus ,,Globalisten", ,,Rothschilds", George Soros, Hollywood und Wall Street. Das Wort Jude muss nicht einmal fallen. Es reicht, die jahrhundertealten Bilder aufzurufen.
Der gefälschte Text der Protokolle der Weisen von Zion behauptete eine geheime jüdische Versammlung, die nach Weltherrschaft strebe. Obwohl die Fälschung seit mehr als hundert Jahren nachgewiesen ist, wird sie bis heute verbreitet. Stalin ließ in der sogenannten Ärzteverschwörung überwiegend jüdische Mediziner beschuldigen, sowjetische Führer ermorden zu wollen. Nach den Anschlägen vom 11. September wurde erzählt, tausende Juden seien nicht zur Arbeit im World Trade Center erschienen. In der Coronapandemie wurden Bill Gates, Impfstoffhersteller und jüdische Familien zu Teilen eines einzigen Plans erklärt. QAnon machte daraus die Geschichte einer satanischen Elite, die Kinder gefangen halte und ihnen Blut für die Gewinnung von Adrenochrom abzapfe. Immer wieder dieselbe Dramaturgie: unschuldige Kinder, geheime Eliten, Blut, Geld und eine kleine Gruppe Eingeweihter, die behauptet, als einzige die Wahrheit erkannt zu haben. In Deutschland wurde Ken Jebsen zu einer wichtigen Übergangsfigur zwischen linkem Antiimperialismus, Medienmisstrauen und verschwörungsideologischer Querfront. Er war Moderator beim RBB, bevor eine von ihm verfasste E-Mail eine Antisemitismusdebatte auslöste. Darin schrieb er unter anderem, er wisse, wer ,,den Holocaust als PR erfunden" habe. Jebsen bestritt stets, Antisemit zu sein und erklärte den Satz später anders. Der RBB trennte sich dennoch von ihm. Mit KenFM baute er anschließend eine Gegenöffentlichkeit auf, in der sich berechtigte Medienkritik, Anti-Amerikanismus, Reichsbürgerdenken, Coronaleugnung und die Vorstellung einer verborgenen Steuerungszentrale immer stärker vermischten. Die Bundeszentrale für politische Bildung widmete seinem Aufstieg später eine ganze Podcastserie über den Erfolg von Verschwörungserzählungen. Jebsen ist wichtig, weil er zeigt, dass Antisemitismus heute selten mit dem Bekenntnis beginnt, Juden zu hassen. Er beginnt mit dem Satz, man stelle nur Fragen. Dann folgen die immer gleichen Fragen: Wer kontrolliert die Medien? Wem gehören die Banken? Wer profitiert von Kriegen? Wer hindert ,,uns" daran, die Wahrheit auszusprechen? Die Antworten bleiben oft angedeutet. Das Publikum kennt sie bereits. Antisemitismus funktioniert als kultureller Code, gerade weil die Namen austauschbar geworden sind. Besonders perfide ist die Rückkehr der Ritualmordlegende im Gewand des Kinderschutzes. Wer könnte gegen den Schutz von Kindern sein? Genau deshalb eignet sich das Thema so gut als moralische Tarnkappe. Reale Verbrechen wie die von Jeffrey Epstein werden mit erfundenen Erzählungen über satanische Eliten, Kinderblut und Kannibalismus verschmolzen. Aus notwendiger Aufklärung wird ein kosmisches Komplott.
Xavier Naidoo demonstrierte 2026, wie schnell diese Bildwelt wieder aktiviert werden kann. Auf einer Veranstaltung gegen sexuelle Gewalt an Kindern sprach er von ,,Menschenfressern" und sagte: ,,Die fressen unsere Babys." Zuvor hatte er bereits mit der Chiffre ,,Tothschild" gespielt und QAnon-Erzählungen verbreitet, wonach Kindern in satanischen Ritualen Blut abgezapft werde. Später hatte er sich von Verschwörungserzählungen distanziert, doch mit diesen neuen Äußerungen kehrte er genau in jene Bildwelt zurück. Man muss das Wort Jude nicht aussprechen, wenn das kulturelle Gedächtnis den Rest erledigt. Bei einer weiteren Epstein-Kundgebung unter dem Titel ,,Schutz von Minderjährigen" trat neben Naidoo auch die rechte Influencerin Michelle Gollan auf. Gollan arbeitet meist subtiler: mit Straßeninterviews, der Pose des unbefangenen Fragens und Erzählungen von ,,Kulturmarxismus", ,,Transgenderideologie" und bedrohten Kindern. Hinzu kommt eine erinnerungspolitische Abwehr, wenn sie es nach eigener Aussage ,,gestört" findet, alles auf die zwölf Jahre des Nationalsozialismus zu beziehen. Keine einzelne dieser Aussagen beweist ein geschlossenes antisemitisches Weltbild. Zusammen mit Auftritten in einem verschwörungsideologischen Umfeld zeigen sie jedoch, wie moderne rechte Kommunikation funktioniert: Man liefert Codes, Affekte und Andeutungen und überlässt dem Publikum die letzte Konsequenz. Von hier führt ein Weg in ein Milieu, das sich politisch für das genaue Gegenteil hält. Tilo Jung ist kein rechter Influencer und es gibt keinen seriösen Grund, ihn mit Naidoo, Gollan oder Jebsen gleichzusetzen. Gerade deshalb ist seine Rolle interessant. Jung, Jahrgang 1985, wurde mit seinem YouTube-Format Jung & Naiv bekannt. Sein Prinzip besteht darin, Politikern, Wissenschaftlern und Journalisten scheinbar einfache, manchmal absichtlich naive Fragen zu stellen. Er sitzt regelmäßig in der Bundespressekonferenz, führt oft sehr lange Gespräche und hat sich damit außerhalb klassischer Redaktionen eine erhebliche publizistische Reichweite aufgebaut. Sein Verdienst besteht darin, dass er Gesprächspartner ausführlicher antworten lässt, als es das Fernsehen gewöhnlich erlaubt, und sich nicht mit jeder eingeübten Politikerformel zufriedengibt. Gleichzeitig tritt Jung zunehmend als moralische Kontrollinstanz des deutschen Journalismus auf, gewissermaßen als Moralapostel Nummer eins. Seine Naivität ist längst keine Naivität mehr, sondern eine Methode. Und jede Methode wird problematisch, wenn sie nur in eine Richtung bohrt. Als Jung bei der Eröffnungspressekonferenz der Berlinale eine Frage ausdrücklich ,,im Lichte der Unterstützung der deutschen Regierung für den Genozid in Gaza" stellte, lag das Urteil bereits in der Frage. Im weiteren Festivalbetrieb wurde die Gaza-Abfrage beinahe zum täglichen Ritual. So kann aus dem Interview ein Gesinnungstest werden: Wer zustimmt, hat Haltung; wer zögert, muss sich rechtfertigen; wer widerspricht, steht unter Verdacht.
Das macht Tilo Jung nicht zum Antisemiten. Israelische Kriegsführung darf und muss kritisch befragt werden. Jung ist außerdem selbst nach Israel und in die palästinensischen Gebiete gereist und hat sich mit unterschiedlichen Stimmen auseinandergesetzt. Fragwürdig wird sein Framing dort, wo maximale Begriffe nicht mehr geprüft, sondern vorausgesetzt werden. Im weiteren Umfeld dieser Argumentation erscheint der Antisemitismusvorwurf zudem oft nur als Instrument, mit dem Kritik unterdrückt werde; die deutsche Staatsräson, eine ,,Israel-Lobby" oder einschüchternde Netzwerke werden dann zu einer nahezu allmächtigen Erklärung dafür, warum die eigene Position keinen Konsens findet. Diese Gedanken stammen nicht alle von Jung. Doch seine suggestive Fragetechnik kann ihnen den Anschein einer bereits bewiesenen Wahrheit geben. An diesem Punkt berühren sich linke und rechte Narrative, obwohl ihre Sprecher einander verachten. Der Rechte spricht von Globalisten und Rothschilds, der Linke von Zionisten und Israel-Lobby. Der Rechte glaubt, eine verborgene Elite kontrolliere Medien und Politik. Der Linke glaubt, ein proisraelisches Netzwerk kontrolliere, was in Deutschland gesagt werden dürfe. Der Rechte fantasiert von geraubten Kindern. Der linke Aktivist spricht vom jüdischen Staat bevorzugt als absichtlichem Kindermörder. Reales Leid wird dabei nicht erfunden: In Gaza sind sehr viele Kinder getötet worden. Der antisemitische Umschlag beginnt dort, wo aus der notwendigen Untersuchung konkreter Angriffe eine zeitlose Wesenseigenschaft Israels wird und das Bild des kindermordenden Juden im modernen Gewand des kindermordenden Zionisten zurückkehrt. Gerade ein Journalist mit einem ausgeprägten moralischen Anspruch müsste diese Traditionslinien erkennen. Sonst wird die eigene gute Absicht zur Immunisierung. Weil man gegen Krieg, für Menschenrechte und für Palästinenser sei, könne die eigene Sprache unmöglich antisemitisch wirken. Das ist jener Mechanismus, der auch bei Ken Jebsen zu beobachten war: Nicht die Wirkung und Struktur einer Erzählung werden geprüft, sondern die Selbstauskunft des Erzählers. Ich bin Humanist, also kann mein Weltbild nicht menschenfeindlich sein. Ich bin Antifaschist, also kann meine Feindschaft gegen Juden kein Antisemitismus sein. Diese Selbsttäuschung hat in der deutschen Linken eine lange Tradition. Mitglieder der RAF ließen sich in Lagern palästinensischer Gruppen ausbilden und verstanden Israel als Außenposten des amerikanischen Imperialismus. Der moralische Bankrott dieser Haltung zeigte sich 1976 in Entebbe. Mitglieder der deutschen Revolutionären Zellen und der palästinensischen PFLP entführten ein Passagierflugzeug. In Uganda wurden israelische und mehrere jüdische Geiseln von den übrigen Passagieren getrennt. Ein deutscher Terrorist nahm damit nur drei Jahrzehnte nach Auschwitz erneut eine Selektion von Juden vor und hielt sich trotzdem für einen antifaschistischen Idealisten.
Das ist die zentrale Selbsttäuschung des linken Antisemitismus: Er erkennt sich nicht als Hass, sondern als Moral. Er nennt Terror ,,Widerstand", Juden ,,Zionisten" und die Abschaffung Israels ,,Dekolonisierung". Weil er sich selbst auf der Seite der Unterdrückten verortet, hält er seine Feindbilder automatisch für aufgeklärt. Die RAF und die PFLP sind Geschichte, die Struktur aber lebt weiter. Die Bühne ist heute seltener ein Trainingslager als ein Kulturfestival, ein Podcast, eine Universität oder ein Popkonzert. Das zeigt die gegenwärtige Kontroverse um Macklemore. Der amerikanische Rapper hat seine Solidarität mit Palästinensern zum zentralen Teil seiner öffentlichen Rolle gemacht. Sein Song Hind's Hall unterstützt die propalästinensischen Campusproteste, wirft Israel Apartheid und Genozid vor und erklärt die Gleichsetzung von Antizionismus und Antisemitismus zur Lüge. Während eines Auftritts im Vorprogramm von Ed Sheeran rief Macklemore ,,Free Palestine" und spielte den Song vor Bildern aus Gaza. Daraufhin wurde er von der weiteren Tour ausgeschlossen; mehrere andere Musiker zogen sich aus Solidarität ebenfalls zurück. Macklemore kündigte an, eine Million Dollar für palästinensische Hilfsorganisationen zu spenden. In Gaza wurde zwischen den Trümmern ein Wandbild von ihm mit Palästinensertuch und erhobener Faust gemalt. Humanitäre Hilfe für Palästinenser ist richtig. ,,Free Palestine" ist für sich genommen kein antisemitischer Satz. Und ein Künstler darf Israel scharf kritisieren. Ebenso kann man den Ausschluss Macklemores für falsch und für einen Eingriff in die Kunstfreiheit halten. Auffällig ist jedoch die geradezu religiöse Heldenproduktion, die um solche Gesten entsteht. Der Künstler wird nicht mehr danach beurteilt, ob er den Konflikt erklärt, sondern ob er das richtige Bekenntnis ablegt. Ein Ruf, ein Tuch und ein Lied genügen zur moralischen Heiligsprechung. Dabei besitzt auch dieser Fall eine verdrängte Vorgeschichte. Macklemore trat 2014 mit schwarzer Perücke, Bart und großer gebogener Kunstnase auf - ein Kostüm, das von vielen als antisemitische Karikatur verstanden wurde. Er entschuldigte sich und erklärte, keine solche Absicht gehabt zu haben; die Anti-Defamation League akzeptierte damals seine Entschuldigung. Das sollte man erwähnen, ohne so zu tun, als entlarve ein geschmackloses Kostüm automatisch alles, was er zwölf Jahre später über Gaza sagt. Aber man darf ebenso fragen, warum ein Milieu, das jede kulturelle Kränkung bis ins Detail analysiert, ausgerechnet bei der jüdischen Erfahrung so großzügig wird, sobald der Betreffende das richtige Palästina-Bekenntnis ablegt.
Der Fall ist Teil eines internationalen Trends. Popkultur, Filmfestivals und soziale Medien produzieren heute politische Heilige in Echtzeit. Beim Glastonbury-Festival rief der Sänger der britischen Punkrap-Gruppe Bob Vylan ,,Death, death to the IDF", und ein Teil des Publikums antwortete begeistert. Man kann die israelische Armee für schwere Vergehen verantwortlich machen und trotzdem erkennen, dass der rhythmische Ruf nach dem Tod einer Gruppe keine Friedensbotschaft ist. Aus Kritik wird Erregung, aus Erregung Gemeinschaft, aus Gemeinschaft die Lust, gemeinsam einen Feind zu markieren. In den Vereinigten Staaten zeigte Kanye West die offenste Variante dieses Wahns. Er kündigte an, gegen jüdische Menschen ,,death con 3" zu gehen, verbreitete Fantasien jüdischer Kontrolle und äußerte Bewunderung für Hitler. Hier braucht es keine komplizierte Auslegung. Es ist der alte Antisemitismus in der Sprache des digitalen Größenwahns. Dass ein internationaler Superstar trotz solcher Aussagen immer wieder Millionen Menschen erreicht, zeigt, wie schwach die behauptete gesellschaftliche Ächtung tatsächlich ist. Subtiler und deshalb interessanter ist der spanische Schauspieler Javier Bardem. Sein Engagement gegen das Leiden in Gaza und seine Kritik an der israelischen Regierung sind nicht an sich antisemitisch. Er hat Antisemitismus ausdrücklich zurückgewiesen. Problematisch wurde es, als er 2026 einen Beitrag verbreitete, der die spanische Migrationskrise mit Israel verband. Man wisse nicht, wer die Krise ,,inszeniert" habe, hieß es sinngemäß, aber man wisse, wem ein geschwächtes und destabilisiertes Spanien nütze: Israel. Damit verlässt man die überprüfbare Kritik an einer Regierung und betritt das Reich der Verschwörung. Plötzlich steht der jüdische Staat auch hinter einer spanisch-marokkanischen Krise, weil er angeblich von Unordnung profitiert. Das ist die klassische Frage des Wahns: Cui bono? Wem nützt es? Und sobald ein Nutzen behauptet ist, gilt er bereits als Beweis für die Urheberschaft. In Frankreich erklärte Jean-Luc Mélenchon 2024 ausgerechnet während eines drastischen Anstiegs judenfeindlicher Taten, Antisemitismus sei nur noch ,,residual". Schon zuvor hatte er dem jüdischen Finanzminister Pierre Moscovici vorgeworfen, nicht französisch, sondern in der Sprache der ,,internationalen Finanzwelt" zu denken. In Großbritannien nannte Jeremy Corbyn Vertreter von Hamas und Hisbollah einst ,,friends", was er später bedauerte. In all diesen Fällen geht es nicht darum, jede Entgleisung gleichzusetzen. Es geht um das wiederkehrende Muster: die Herabstufung jüdischer Angst, die Romantisierung der erklärten Feinde Israels und die Vorstellung, Juden oder der jüdische Staat gehörten zu einer fremden internationalen Macht. Macklemore, Bardem, Jung, Corbyn und Mélenchon sind nicht dasselbe. Wer sie unterschiedslos ,,Antisemiten" nennt, beendet die Analyse, bevor sie begonnen hat. Entscheidend ist nicht die Erstellung einer schwarzen Liste, sondern die Frage, wann legitime Kritik in ein altes Weltbild kippt. Das geschieht bei Verschwörung statt Beleg, bei Kollektivschuld statt individueller Verantwortung, bei Dämonisierung statt Kritik, bei der Umkehr von Tätern und Opfern und beim Maßstab, den man nur an Israel anlegt. Diese internationale Verschiebung findet ihre deutsche Entsprechung inzwischen auch in Wahlergebnissen. Bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl am 20. September 2026 wurde die Linkspartei mit 25,7 Prozent stärkste Kraft. In Mecklenburg-Vorpommern gewann gleichzeitig die AfD mit 38,2 Prozent; die Linke kam dort auf 6,5 Prozent. Beide Ergebnisse sind politisch verschieden, zeigen aber eine Polarisierung, in der die Mitte an Bindekraft verliert und moralisch geschlossene Milieus an Einfluss gewinnen.
Der Erfolg der Berliner Linken ist nicht als antisemitisches Wahlergebnis zu denunzieren. Viele Menschen haben sie aus nachvollziehbaren Gründen gewählt: wegen Mieten, sozialer Ungleichheit oder Frust über die bisherigen Regierungsparteien. Wer jeden Linken zum Antisemiten erklärt, macht es sich so billig wie die Gegenseite. Aber der Wahlsieg darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Teile der Partei ein ernstes Problem haben. Die Bundespartei bezeichnet Israels Vorgehen in Gaza inzwischen offiziell als Völkermord. Der aus der Partei ausgeschlossene Aktivist Ramsis Kilani stellt den 7. Oktober in einen Deutungsrahmen ,,struktureller Gewalt" und ,,Unterdrückung", wodurch das Massaker weniger als eigenständige Tat denn als beinahe zwangsläufige Folge erscheint. Der Neuköllner Linke Ahmed Abed bezeichnete den israelischen Bürgermeister von Bat Jam als ,,Völkermörder". Auf einer Linke-Wahlkampfveranstaltung in Neukölln wurde ein Lied mit der Zeile ,,Death to the IDF" gespielt. Die Spitzenkandidatin Elif Eralp distanzierte sich davon. Entscheidend wird sein, ob solchen Distanzierungen Konsequenzen folgen oder ob sie nur kommunikative Feuerlöscher nach dem nächsten Eklat bleiben. Beim BSW bezeichnete Sahra Wagenknecht den israelischen Militäreinsatz als ,,Vernichtungsfeldzug". Das ist nicht dasselbe wie offener Judenhass. Aber die Wortwahl rückt Israel sprachlich in die Nähe eines planmäßigen Ausrottungsprojekts und bedient damit in Deutschland einen historischen Resonanzraum, den niemand überhören kann. Die AfD wiederum gibt sich gern als Schutzmacht der Juden gegen ,,importierten Antisemitismus". Gleichzeitig nannte Björn Höcke das Berliner Holocaust-Mahnmal ein ,,Denkmal der Schande" und verlangte eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad. Der frühere AfD-Politiker Wolfgang Gedeon sprach von der Holocaust-Erinnerung als ,,Zivilreligion", nannte Holocaustleugner ,,Dissidenten" und raunte über eine mögliche ,,zionistische Lobbyorganisation", die deutschen Interessen entgegenwirke. Die rechte Doppelstrategie ist offensichtlich: Man instrumentalisiert Israel gegen Muslime und arbeitet gleichzeitig an der Entlastung der deutschen Geschichte.
Gleichzeitig verbindet sich ein Teil der westlichen Linken mit islamistischen Bewegungen, die nahezu alles bekämpfen, wofür diese Linke zu Hause einzustehen behauptet. Eine Bewegung versteht sich als feministisch, queer, säkular und antiautoritär und romantisiert Organisationen, deren Gesellschaftsbild patriarchal, religiös und autoritär ist. Dieser Widerspruch wird nur möglich, wenn man Menschen nicht mehr nach ihren Handlungen und Überzeugungen beurteilt, sondern ihnen feste Rollen in einem Welttheater zuweist: hier der westliche Unterdrücker, dort der nichtwestliche Unterdrückte. Wer als unterdrückt markiert ist, kann in diesem Modell kaum noch Täter sein. Dabei muss präzise gesprochen werden. Der Islam ist keine einheitliche politische Organisation und Muslime sind keine homogene Masse. Es gibt liberale, säkulare, konservative, feministische und queere Muslime. Kritik an Islamismus und religiös begründeter Unterdrückung darf nicht in pauschalen Muslimhass kippen. Aber ebenso falsch ist es, die dokumentierte Realität islamistischer Herrschaft aus Angst vor dem Rassismusvorwurf zu verschweigen. Nach Angaben von ILGA World kriminalisierten 2026 weltweit 65 UN-Mitgliedstaaten einvernehmliche gleichgeschlechtliche Beziehungen. In sieben Staaten ist dafür die Todesstrafe gesetzlich vorgesehen; darunter Iran, Saudi-Arabien, Mauretanien und Jemen. Das ist nicht ausschließlich ein islamisches Phänomen, doch islamisch begründete Strafordnungen spielen dabei eine zentrale Rolle. Internationale Befragungen zeigen zudem eine sehr geringe gesellschaftliche Akzeptanz von Homosexualität in zahlreichen mehrheitlich muslimischen Ländern, wenn auch mit erheblichen Unterschieden zwischen Ländern, Generationen und Individuen. In Saudi-Arabien wurden wichtige Reformen durchgesetzt. Frauen dürfen Auto fahren, unter bestimmten Bedingungen selbstständiger reisen und sichtbarer am Berufsleben teilnehmen. Gleichzeitig schreibt das kodifizierte Personenstandsrecht nach Einschätzung von Human Rights Watch männliche Vormundschaft und Diskriminierung bei Ehe, Scheidung und Entscheidungen über Kinder fort. Im Iran werden Frauen wegen des Kopftuchs überwacht und verfolgt. Die UN-Untersuchungsmission dokumentierte systematische Repression, Gewalt und verschärfte Überwachung nach den Protesten unter dem Motto ,,Frau, Leben, Freiheit". Homosexualität kann dort mit dem Tod bestraft werden. Wer in Berlin ,,Queers for Palestine" ruft, darf selbstverständlich solidarisch mit palästinensischen Zivilisten sein. Er sollte aber erklären können, warum die Rechte queerer Menschen aus seinem Blick verschwinden, sobald ihre Unterdrücker nicht weiß, westlich oder christlich sind. Die Ursache dieser Doppelmoral liegt in einem vereinfachten postkolonialen Weltbild. Israel wird als weiß, westlich, mächtig und kolonial markiert; Palästinenser erscheinen als machtlos und deshalb moralisch unschuldig. Dass etwa die Hälfte der israelischen Juden familiäre Wurzeln im Nahen Osten oder in Nordafrika hat, dass Juden aus arabischen und muslimischen Ländern vertrieben wurden und dass palästinensische Akteure eigene Ziele, Ideologien und Verantwortung besitzen, stört dieses Bild. Hinzu kommt der Campismus: Was gegen den Westen steht, gilt automatisch als fortschrittlich. So können autoritäre Regime, religiöse Fundamentalisten und Terrororganisationen zu Bündnispartnern einer Linken werden, die zu Hause jede Mikroaggression analysiert, aber bei der Steinigung, Hinrichtung oder Unterdrückung im Namen des Antiimperialismus plötzlich kulturelle Sensibilität entdeckt. Dieser moralische Mechanismus bestimmt auch die Debatte über Gaza. Am 7. Oktober 2023 überfielen Hamas und andere bewaffnete Gruppen Israel, ermordeten etwa 1.200 Menschen und verschleppten 251 Geiseln. UN-Untersuchungen fanden begründete Hinweise auf sexualisierte Gewalt einschließlich Vergewaltigung. Das war kein spontaner Gefängnisausbruch und keine symbolische Militäraktion, sondern ein gezieltes Massaker an Zivilisten.
Dieser Angriff ist nicht die gesamte Vorgeschichte des Konflikts. Besatzung, Siedlungspolitik, Blockade, Vertreibung und palästinensisches Leid gehören ebenfalls zur Wahrheit. Aber Vorgeschichte ist keine Entschuldigung. Wer beim russischen Angriff auf die Ukraine darauf besteht, dass geopolitische Vorgeschichten das Selbstverteidigungsrecht der Ukraine nicht auslöschen, kann beim 7. Oktober nicht plötzlich behaupten, Kontext verwandele Mord in Widerstand. Israel hatte und hat das Recht, seine Bevölkerung zu verteidigen, die Geiseln zu befreien und die militärische Struktur der Hamas zu bekämpfen. Dieses Recht ist kein Freibrief. Auch ein angegriffener Staat bleibt an das humanitäre Völkerrecht gebunden. Das entsetzliche Sterben palästinensischer Zivilisten, die Zerstörung Gazas, mögliche unverhältnismäßige Angriffe, Vertreibung, Hunger und menschenverachtende Äußerungen israelischer Regierungsmitglieder müssen untersucht und gegebenenfalls bestraft werden. Kritik an Netanjahu, seiner Regierung, der Siedlungspolitik oder konkreten Kriegsverbrechen ist nicht antisemitisch. Wer jede Israelkritik so nennt, entwertet den Begriff und erschwert den Kampf gegen wirklichen Antisemitismus. Aber auch ,,Genozid" ist mehr als ein moralischer Superlativ. Nach der UN-Konvention verlangt der Tatbestand neben bestimmten Handlungen die Absicht, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe ganz oder teilweise zu zerstören. Der Internationale Gerichtshof hat im Verfahren Südafrika gegen Israel bis heute kein abschließendes Urteil darüber gefällt, ob Israel einen Genozid begeht. Er hat Schutzrechte der Palästinenser als plausibel anerkannt und vorläufige Maßnahmen angeordnet; das Hauptverfahren läuft. Amnesty International und andere Organisationen sprechen von Genozid, zahlreiche Juristen widersprechen. Wer die Frage als längst rechtskräftig entschieden darstellt, verbreitet Gewissheit, wo juristisch weiterhin Streit besteht. Der Begriff Genozid ist völkerrechtlich nicht ausschließlich für die Shoah reserviert. Nicht jede Verwendung in Bezug auf Gaza setzt Gaza automatisch mit Auschwitz gleich, und nicht jeder, der sie verwendet, ist Antisemit. Eine solche Behauptung wäre selbst unredlich. Moralisch verwerflich wird es dort, wo die Shoah als rhetorische Schablone benutzt, Israel zum neuen Nazideutschland erklärt und ausgerechnet Juden die Rolle ihrer früheren Mörder zugeschoben wird. Dann dient das Leid der Palästinenser nicht mehr ihrer Rettung, sondern der historischen Entlastung der Deutschen: Endlich sind die Juden Täter, und die Nachfahren der Täter dürfen wieder Richter sein. Inflationär ist der Begriff dort, wo er nicht der juristischen Prüfung, sondern der maximalen Dämonisierung dient; wo jede zivile Katastrophe zum Vernichtungsplan, jeder israelische Soldat zum SS-Mann und jeder Zweifel am Vorwurf zum Beweis jüdischer Macht wird. Das relativiert die Shoah nicht deshalb, weil nur sie Genozid genannt werden dürfte. Es relativiert sie, weil ihre konkreten Täter, Methoden und Ziele zur austauschbaren Metapher werden. Wer über Gaza spricht, muss deshalb auch sagen, was die Hamas ist. Der Name ist die arabische Abkürzung für ,,Islamische Widerstandsbewegung". Sie entstand 1987 als palästinensischer Zweig der Muslimbruderschaft. Ihre Charta von 1988 definiert Palästina als islamisches Land, erhebt den Kampf gegen Israel zur religiösen Pflicht und übernimmt offen antisemitische Motive. Artikel 7 zitiert eine Überlieferung über das Töten von Juden am Ende der Zeiten. Artikel 22 verbreitet klassische Verschwörungsfantasien über jüdische Kontrolle von Geld, Medien, Revolutionen und Kriegen.
2017 veröffentlichte Hamas ein moderater klingendes Grundsatzpapier. Darin behauptet sie, ihr Konflikt richte sich gegen das ,,zionistische Projekt", nicht gegen Juden als Juden. Zugleich erkennt sie Israel nicht an, beansprucht Palästina vom Jordan bis zum Mittelmeer und hält am bewaffneten Widerstand als strategischer Option fest. Das alte Weltbild wurde nicht durch eine demokratische oder rechtsstaatliche Ordnung ersetzt. Der 7. Oktober zeigte, was die Praxis wert war. Hamas unterdrückt auch Palästinenser. Amnesty International dokumentierte Entführungen, Folter und summarische Hinrichtungen angeblicher Kollaborateure. 2014 wurden mindestens 21 Menschen innerhalb von zwei Tagen hingerichtet, teilweise nach grob unfairen oder gar keinen Verfahren. 2025 gingen Hamas-Sicherheitskräfte gegen palästinensische Demonstranten vor, die ein Ende des Krieges und der Hamas-Herrschaft verlangten; berichtet wurde von Drohungen und Schlägen. Wer Palästinenser ernst nimmt, darf sie nicht mit der Organisation identifizieren, die sie beherrscht. Wirkliche Solidarität mit Palästinensern müsste deshalb zugleich den Schutz der Zivilbevölkerung, die Freilassung der Geiseln, die Entmachtung der Hamas und eine politische Perspektive auf Selbstbestimmung neben einem sicheren Israel verlangen. Wer nur die israelische Flagge verbrennt und zur ,,Intifada" ruft, kämpft nicht für Frieden. Er verlängert den Krieg als Identität. Währenddessen wird jüdisches Leben in Deutschland messbar unsicherer. 2025 registrierte das Bundeskriminalamt 6.548 antisemitische Straftaten, erneut ein Höchststand. RIAS dokumentierte 8.725 antisemitische Vorfälle, durchschnittlich 24 pro Tag, darunter vier Fälle extremer Gewalt, 178 Angriffe und 257 Bedrohungen. Die Kategorien von Polizei und Meldestellen sind nicht identisch, aber die Richtung ist eindeutig. Jüdische Menschen werden bedroht, angespuckt, geschlagen und für eine Regierung verantwortlich gemacht, die sie nicht gewählt haben und deren Politik sie möglicherweise selbst ablehnen.
Gleichzeitig versichern Politiker routiniert, Antisemitismus habe ,,keinen Platz" in Deutschland. Natürlich hat er einen Platz. Auf Schulhöfen, an Universitäten, in Kommentarspalten, auf Demonstrationen, in Parteien, Kulturinstitutionen, Redaktionen und Parlamenten. Er kommt von rechts, von links, aus islamistischen Milieus und aus der gesellschaftlichen Mitte. Meist kommt er nicht mit Hakenkreuz und Springerstiefeln. Er kommt als Friedensappell, Elitenkritik, Kinderschutz, Menschenrechtskampagne, Popkonzert oder akademische Dekolonisierung. Gerade intellektuelle Kreise sind nicht immun. Bildung schützt nicht vor einem Wahnsystem, wenn sie nur dazu dient, das Ressentiment komplizierter auszudrücken. Wer alte Narrative von jüdischer Macht, Blutdurst und Weltkontrolle in die Sprache von ,,Zionismus", ,,Lobby", ,,Siedlerkolonialismus" und ,,Genozid" übersetzt, hat das Vorurteil nicht automatisch überwunden. Vielleicht hat er ihm nur ein Seminar gegeben. Die entscheidende Grenze verläuft deshalb nicht zwischen rechts und links, Deutschen und Migranten, Juden und Muslimen. Sie verläuft zwischen Menschen, die Widersprüche aushalten, und Menschen, die für alles einen dämonischen Urheber brauchen. Zwischen denen, die palästinensisches Leid sehen können, ohne den 7. Oktober zu leugnen, und denen, die jüdisches Leid sehen können, ohne palästinensisches Leben abzuwerten. Zwischen Kritik und Obsession. Antisemitismus beginnt dort, wo der Jude oder der jüdische Staat nicht mehr nach denselben Maßstäben beurteilt wird wie alle anderen, sondern zum Schlüssel des Weltübels wird. Er endet nicht durch Lippenbekenntnisse. Er endet erst, wenn wir seine wechselnden Masken erkennen. Auch dann, wenn sie die Farben unserer eigenen politischen Heimat tragen
16.09.26
©Serdar Somuncu
Das neue Buch - Lügen -Kulturgeschichte einer menschlichen Schwäche"
*Serdar Somuncu ist Schauspieler und Regisseur
Quellenhinweise: Die historischen Angaben zu Daniel Paul Schreber folgen seinen Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken und der Forschung zu seinem paranoiden System. Zur Geschichte und zu den Erscheinungsformen des Antisemitismus siehe die Bundeszentrale für politische Bildung und die IHRA-Arbeitsdefinition. Die Verbindung von RAF und palästinensischen Gruppen dokumentiert ebenfalls die Bundeszentrale für politische Bildung; zur Selektion in Entebbe siehe Zeitgeschichte digital. Ken Jebsens Entwicklung ist Gegenstand der bpb-Serie Cui Bono; die damalige RBB-Kontroverse dokumentierte der Deutschlandfunk. Tilo Jungs Berlinale-Frage ist im Original bei Jung & Naiv zu sehen. Zu Xavier Naidoos Äußerungen berichtete der SWR, zur Epstein-Kundgebung mit Michelle Gollan Democ. Die Vorgänge um Macklemore wurden von Reuters und AP dokumentiert; zu Bob Vylan berichtete der Guardian. Kanyes Äußerungen und deren Folgen fasst AP zusammen; über Javier Bardems Beitrag berichtete Euronews. Zur Kriminalisierung gleichgeschlechtlicher Beziehungen siehe ILGA World, zur Lage von Frauen in Saudi-Arabien Human Rights Watch und zur Repression im Iran das UN-Menschenrechtsbüro. Die Definition des Völkermords bietet die UN, der Verfahrensstand Südafrika gegen Israel findet sich beim Internationalen Gerichtshof. Die Hamas-Charta von 1988 ist im Avalon Project der Yale Law School dokumentiert; Berichte über Folter und Hinrichtungen durch Hamas veröffentlichte Amnesty International. Die deutschen Fallzahlen stammen vom Bundeskriminalamt und aus dem RIAS-Jahresbericht 2025.
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Was bei Schreber ein privates Wahnsystem blieb, wurde bei Jörg Lanz von Liebenfels zur politischen Lehre. Der ehemalige Zisterziensermönch und selbst ernannte Adelige vermischte um 1900 Rassenlehre, Esoterik, Sexualangst, Frauenhass und christliche Versatzstücke zur sogenannten Ariosophie. In seiner Zeitschrift Ostara erzählte er von einer höherwertigen blonden ,,Rasse", die durch angeblich minderwertige Menschen, ,,Rassenmischung" und weibliche Sexualität bedroht werde. Juden erschienen nicht mehr als Individuen, sondern als Träger einer zersetzenden Gegenmacht. Lanz' Denken war grotesk, aber nicht harmlos. Es versprach Erlösung: Wenn man die angeblichen Verderber erkenne, aussondere und beherrsche, werde die Welt wieder rein. Ob und wie stark Lanz Adolf Hitler persönlich beeinflusste, ist historisch umstritten. Unstrittig ist, dass seine Ostara-Hefte zu jenem völkisch-antisemitischen Milieu gehörten, aus dem der Nationalsozialismus schöpfte. Aus dem privaten Wahn wurde eine Ideologie, aus der Ideologie eine Zeitschrift, aus der Zeitschrift ein Milieu und aus dem Milieu irgendwann eine Handlungsanweisung. Der Wahnsinn bekam eine Druckerpresse, eine Partei und schließlich einen Staat. Dabei war Judenfeindschaft lange vor Lanz und lange vor dem Wort Antisemitismus vorhanden. Im christlichen Europa wurden Juden über Jahrhunderte als Christusmörder, Brunnenvergifter, Wucherer und Ritualmörder verfolgt. Während der Pest sollten sie die Brunnen vergiftet haben. Wenn ein christliches Kind verschwand, wurde behauptet, Juden hätten es entführt, getötet und sein Blut für religiöse Zwecke verwendet. Die Anschuldigungen waren frei erfunden, kosteten aber unzählige Menschen das Leben. 1879 gab Wilhelm Marr diesem alten Hass einen scheinbar modernen Namen. Der Begriff ,,Antisemitismus" sollte Judenfeindschaft wissenschaftlich klingen lassen und verwandelte Religion in vermeintliche Biologie. Nun half nicht einmal mehr Taufe oder Assimilation, weil der Jude nicht mehr als Gläubiger, sondern als unveränderliche ,,Rasse" galt. Im Nationalsozialismus verbanden sich diese religiösen Bilder, der moderne Rassenwahn, der Verschwörungsglaube und die industrielle Bürokratie zur Ermordung von sechs Millionen europäischen Juden. Seitdem sind die alten Motive nicht verschwunden. Sie wechseln nur ihre Kleidung. Aus dem Wucherer wird der globale Finanzier, aus dem Ritualmörder der Kinderfresser, aus dem Brunnenvergifter der Hersteller vergifteter Impfstoffe, aus der jüdischen Weltverschwörung eine namenlose Elite aus ,,Globalisten", ,,Rothschilds", George Soros, Hollywood und Wall Street. Das Wort Jude muss nicht einmal fallen. Es reicht, die jahrhundertealten Bilder aufzurufen.
Der gefälschte Text der Protokolle der Weisen von Zion behauptete eine geheime jüdische Versammlung, die nach Weltherrschaft strebe. Obwohl die Fälschung seit mehr als hundert Jahren nachgewiesen ist, wird sie bis heute verbreitet. Stalin ließ in der sogenannten Ärzteverschwörung überwiegend jüdische Mediziner beschuldigen, sowjetische Führer ermorden zu wollen. Nach den Anschlägen vom 11. September wurde erzählt, tausende Juden seien nicht zur Arbeit im World Trade Center erschienen. In der Coronapandemie wurden Bill Gates, Impfstoffhersteller und jüdische Familien zu Teilen eines einzigen Plans erklärt. QAnon machte daraus die Geschichte einer satanischen Elite, die Kinder gefangen halte und ihnen Blut für die Gewinnung von Adrenochrom abzapfe. Immer wieder dieselbe Dramaturgie: unschuldige Kinder, geheime Eliten, Blut, Geld und eine kleine Gruppe Eingeweihter, die behauptet, als einzige die Wahrheit erkannt zu haben. In Deutschland wurde Ken Jebsen zu einer wichtigen Übergangsfigur zwischen linkem Antiimperialismus, Medienmisstrauen und verschwörungsideologischer Querfront. Er war Moderator beim RBB, bevor eine von ihm verfasste E-Mail eine Antisemitismusdebatte auslöste. Darin schrieb er unter anderem, er wisse, wer ,,den Holocaust als PR erfunden" habe. Jebsen bestritt stets, Antisemit zu sein und erklärte den Satz später anders. Der RBB trennte sich dennoch von ihm. Mit KenFM baute er anschließend eine Gegenöffentlichkeit auf, in der sich berechtigte Medienkritik, Anti-Amerikanismus, Reichsbürgerdenken, Coronaleugnung und die Vorstellung einer verborgenen Steuerungszentrale immer stärker vermischten. Die Bundeszentrale für politische Bildung widmete seinem Aufstieg später eine ganze Podcastserie über den Erfolg von Verschwörungserzählungen. Jebsen ist wichtig, weil er zeigt, dass Antisemitismus heute selten mit dem Bekenntnis beginnt, Juden zu hassen. Er beginnt mit dem Satz, man stelle nur Fragen. Dann folgen die immer gleichen Fragen: Wer kontrolliert die Medien? Wem gehören die Banken? Wer profitiert von Kriegen? Wer hindert ,,uns" daran, die Wahrheit auszusprechen? Die Antworten bleiben oft angedeutet. Das Publikum kennt sie bereits. Antisemitismus funktioniert als kultureller Code, gerade weil die Namen austauschbar geworden sind. Besonders perfide ist die Rückkehr der Ritualmordlegende im Gewand des Kinderschutzes. Wer könnte gegen den Schutz von Kindern sein? Genau deshalb eignet sich das Thema so gut als moralische Tarnkappe. Reale Verbrechen wie die von Jeffrey Epstein werden mit erfundenen Erzählungen über satanische Eliten, Kinderblut und Kannibalismus verschmolzen. Aus notwendiger Aufklärung wird ein kosmisches Komplott.
Xavier Naidoo demonstrierte 2026, wie schnell diese Bildwelt wieder aktiviert werden kann. Auf einer Veranstaltung gegen sexuelle Gewalt an Kindern sprach er von ,,Menschenfressern" und sagte: ,,Die fressen unsere Babys." Zuvor hatte er bereits mit der Chiffre ,,Tothschild" gespielt und QAnon-Erzählungen verbreitet, wonach Kindern in satanischen Ritualen Blut abgezapft werde. Später hatte er sich von Verschwörungserzählungen distanziert, doch mit diesen neuen Äußerungen kehrte er genau in jene Bildwelt zurück. Man muss das Wort Jude nicht aussprechen, wenn das kulturelle Gedächtnis den Rest erledigt. Bei einer weiteren Epstein-Kundgebung unter dem Titel ,,Schutz von Minderjährigen" trat neben Naidoo auch die rechte Influencerin Michelle Gollan auf. Gollan arbeitet meist subtiler: mit Straßeninterviews, der Pose des unbefangenen Fragens und Erzählungen von ,,Kulturmarxismus", ,,Transgenderideologie" und bedrohten Kindern. Hinzu kommt eine erinnerungspolitische Abwehr, wenn sie es nach eigener Aussage ,,gestört" findet, alles auf die zwölf Jahre des Nationalsozialismus zu beziehen. Keine einzelne dieser Aussagen beweist ein geschlossenes antisemitisches Weltbild. Zusammen mit Auftritten in einem verschwörungsideologischen Umfeld zeigen sie jedoch, wie moderne rechte Kommunikation funktioniert: Man liefert Codes, Affekte und Andeutungen und überlässt dem Publikum die letzte Konsequenz. Von hier führt ein Weg in ein Milieu, das sich politisch für das genaue Gegenteil hält. Tilo Jung ist kein rechter Influencer und es gibt keinen seriösen Grund, ihn mit Naidoo, Gollan oder Jebsen gleichzusetzen. Gerade deshalb ist seine Rolle interessant. Jung, Jahrgang 1985, wurde mit seinem YouTube-Format Jung & Naiv bekannt. Sein Prinzip besteht darin, Politikern, Wissenschaftlern und Journalisten scheinbar einfache, manchmal absichtlich naive Fragen zu stellen. Er sitzt regelmäßig in der Bundespressekonferenz, führt oft sehr lange Gespräche und hat sich damit außerhalb klassischer Redaktionen eine erhebliche publizistische Reichweite aufgebaut. Sein Verdienst besteht darin, dass er Gesprächspartner ausführlicher antworten lässt, als es das Fernsehen gewöhnlich erlaubt, und sich nicht mit jeder eingeübten Politikerformel zufriedengibt. Gleichzeitig tritt Jung zunehmend als moralische Kontrollinstanz des deutschen Journalismus auf, gewissermaßen als Moralapostel Nummer eins. Seine Naivität ist längst keine Naivität mehr, sondern eine Methode. Und jede Methode wird problematisch, wenn sie nur in eine Richtung bohrt. Als Jung bei der Eröffnungspressekonferenz der Berlinale eine Frage ausdrücklich ,,im Lichte der Unterstützung der deutschen Regierung für den Genozid in Gaza" stellte, lag das Urteil bereits in der Frage. Im weiteren Festivalbetrieb wurde die Gaza-Abfrage beinahe zum täglichen Ritual. So kann aus dem Interview ein Gesinnungstest werden: Wer zustimmt, hat Haltung; wer zögert, muss sich rechtfertigen; wer widerspricht, steht unter Verdacht.
Das macht Tilo Jung nicht zum Antisemiten. Israelische Kriegsführung darf und muss kritisch befragt werden. Jung ist außerdem selbst nach Israel und in die palästinensischen Gebiete gereist und hat sich mit unterschiedlichen Stimmen auseinandergesetzt. Fragwürdig wird sein Framing dort, wo maximale Begriffe nicht mehr geprüft, sondern vorausgesetzt werden. Im weiteren Umfeld dieser Argumentation erscheint der Antisemitismusvorwurf zudem oft nur als Instrument, mit dem Kritik unterdrückt werde; die deutsche Staatsräson, eine ,,Israel-Lobby" oder einschüchternde Netzwerke werden dann zu einer nahezu allmächtigen Erklärung dafür, warum die eigene Position keinen Konsens findet. Diese Gedanken stammen nicht alle von Jung. Doch seine suggestive Fragetechnik kann ihnen den Anschein einer bereits bewiesenen Wahrheit geben. An diesem Punkt berühren sich linke und rechte Narrative, obwohl ihre Sprecher einander verachten. Der Rechte spricht von Globalisten und Rothschilds, der Linke von Zionisten und Israel-Lobby. Der Rechte glaubt, eine verborgene Elite kontrolliere Medien und Politik. Der Linke glaubt, ein proisraelisches Netzwerk kontrolliere, was in Deutschland gesagt werden dürfe. Der Rechte fantasiert von geraubten Kindern. Der linke Aktivist spricht vom jüdischen Staat bevorzugt als absichtlichem Kindermörder. Reales Leid wird dabei nicht erfunden: In Gaza sind sehr viele Kinder getötet worden. Der antisemitische Umschlag beginnt dort, wo aus der notwendigen Untersuchung konkreter Angriffe eine zeitlose Wesenseigenschaft Israels wird und das Bild des kindermordenden Juden im modernen Gewand des kindermordenden Zionisten zurückkehrt. Gerade ein Journalist mit einem ausgeprägten moralischen Anspruch müsste diese Traditionslinien erkennen. Sonst wird die eigene gute Absicht zur Immunisierung. Weil man gegen Krieg, für Menschenrechte und für Palästinenser sei, könne die eigene Sprache unmöglich antisemitisch wirken. Das ist jener Mechanismus, der auch bei Ken Jebsen zu beobachten war: Nicht die Wirkung und Struktur einer Erzählung werden geprüft, sondern die Selbstauskunft des Erzählers. Ich bin Humanist, also kann mein Weltbild nicht menschenfeindlich sein. Ich bin Antifaschist, also kann meine Feindschaft gegen Juden kein Antisemitismus sein. Diese Selbsttäuschung hat in der deutschen Linken eine lange Tradition. Mitglieder der RAF ließen sich in Lagern palästinensischer Gruppen ausbilden und verstanden Israel als Außenposten des amerikanischen Imperialismus. Der moralische Bankrott dieser Haltung zeigte sich 1976 in Entebbe. Mitglieder der deutschen Revolutionären Zellen und der palästinensischen PFLP entführten ein Passagierflugzeug. In Uganda wurden israelische und mehrere jüdische Geiseln von den übrigen Passagieren getrennt. Ein deutscher Terrorist nahm damit nur drei Jahrzehnte nach Auschwitz erneut eine Selektion von Juden vor und hielt sich trotzdem für einen antifaschistischen Idealisten.
Das ist die zentrale Selbsttäuschung des linken Antisemitismus: Er erkennt sich nicht als Hass, sondern als Moral. Er nennt Terror ,,Widerstand", Juden ,,Zionisten" und die Abschaffung Israels ,,Dekolonisierung". Weil er sich selbst auf der Seite der Unterdrückten verortet, hält er seine Feindbilder automatisch für aufgeklärt. Die RAF und die PFLP sind Geschichte, die Struktur aber lebt weiter. Die Bühne ist heute seltener ein Trainingslager als ein Kulturfestival, ein Podcast, eine Universität oder ein Popkonzert. Das zeigt die gegenwärtige Kontroverse um Macklemore. Der amerikanische Rapper hat seine Solidarität mit Palästinensern zum zentralen Teil seiner öffentlichen Rolle gemacht. Sein Song Hind's Hall unterstützt die propalästinensischen Campusproteste, wirft Israel Apartheid und Genozid vor und erklärt die Gleichsetzung von Antizionismus und Antisemitismus zur Lüge. Während eines Auftritts im Vorprogramm von Ed Sheeran rief Macklemore ,,Free Palestine" und spielte den Song vor Bildern aus Gaza. Daraufhin wurde er von der weiteren Tour ausgeschlossen; mehrere andere Musiker zogen sich aus Solidarität ebenfalls zurück. Macklemore kündigte an, eine Million Dollar für palästinensische Hilfsorganisationen zu spenden. In Gaza wurde zwischen den Trümmern ein Wandbild von ihm mit Palästinensertuch und erhobener Faust gemalt. Humanitäre Hilfe für Palästinenser ist richtig. ,,Free Palestine" ist für sich genommen kein antisemitischer Satz. Und ein Künstler darf Israel scharf kritisieren. Ebenso kann man den Ausschluss Macklemores für falsch und für einen Eingriff in die Kunstfreiheit halten. Auffällig ist jedoch die geradezu religiöse Heldenproduktion, die um solche Gesten entsteht. Der Künstler wird nicht mehr danach beurteilt, ob er den Konflikt erklärt, sondern ob er das richtige Bekenntnis ablegt. Ein Ruf, ein Tuch und ein Lied genügen zur moralischen Heiligsprechung. Dabei besitzt auch dieser Fall eine verdrängte Vorgeschichte. Macklemore trat 2014 mit schwarzer Perücke, Bart und großer gebogener Kunstnase auf - ein Kostüm, das von vielen als antisemitische Karikatur verstanden wurde. Er entschuldigte sich und erklärte, keine solche Absicht gehabt zu haben; die Anti-Defamation League akzeptierte damals seine Entschuldigung. Das sollte man erwähnen, ohne so zu tun, als entlarve ein geschmackloses Kostüm automatisch alles, was er zwölf Jahre später über Gaza sagt. Aber man darf ebenso fragen, warum ein Milieu, das jede kulturelle Kränkung bis ins Detail analysiert, ausgerechnet bei der jüdischen Erfahrung so großzügig wird, sobald der Betreffende das richtige Palästina-Bekenntnis ablegt.
Der Fall ist Teil eines internationalen Trends. Popkultur, Filmfestivals und soziale Medien produzieren heute politische Heilige in Echtzeit. Beim Glastonbury-Festival rief der Sänger der britischen Punkrap-Gruppe Bob Vylan ,,Death, death to the IDF", und ein Teil des Publikums antwortete begeistert. Man kann die israelische Armee für schwere Vergehen verantwortlich machen und trotzdem erkennen, dass der rhythmische Ruf nach dem Tod einer Gruppe keine Friedensbotschaft ist. Aus Kritik wird Erregung, aus Erregung Gemeinschaft, aus Gemeinschaft die Lust, gemeinsam einen Feind zu markieren. In den Vereinigten Staaten zeigte Kanye West die offenste Variante dieses Wahns. Er kündigte an, gegen jüdische Menschen ,,death con 3" zu gehen, verbreitete Fantasien jüdischer Kontrolle und äußerte Bewunderung für Hitler. Hier braucht es keine komplizierte Auslegung. Es ist der alte Antisemitismus in der Sprache des digitalen Größenwahns. Dass ein internationaler Superstar trotz solcher Aussagen immer wieder Millionen Menschen erreicht, zeigt, wie schwach die behauptete gesellschaftliche Ächtung tatsächlich ist. Subtiler und deshalb interessanter ist der spanische Schauspieler Javier Bardem. Sein Engagement gegen das Leiden in Gaza und seine Kritik an der israelischen Regierung sind nicht an sich antisemitisch. Er hat Antisemitismus ausdrücklich zurückgewiesen. Problematisch wurde es, als er 2026 einen Beitrag verbreitete, der die spanische Migrationskrise mit Israel verband. Man wisse nicht, wer die Krise ,,inszeniert" habe, hieß es sinngemäß, aber man wisse, wem ein geschwächtes und destabilisiertes Spanien nütze: Israel. Damit verlässt man die überprüfbare Kritik an einer Regierung und betritt das Reich der Verschwörung. Plötzlich steht der jüdische Staat auch hinter einer spanisch-marokkanischen Krise, weil er angeblich von Unordnung profitiert. Das ist die klassische Frage des Wahns: Cui bono? Wem nützt es? Und sobald ein Nutzen behauptet ist, gilt er bereits als Beweis für die Urheberschaft. In Frankreich erklärte Jean-Luc Mélenchon 2024 ausgerechnet während eines drastischen Anstiegs judenfeindlicher Taten, Antisemitismus sei nur noch ,,residual". Schon zuvor hatte er dem jüdischen Finanzminister Pierre Moscovici vorgeworfen, nicht französisch, sondern in der Sprache der ,,internationalen Finanzwelt" zu denken. In Großbritannien nannte Jeremy Corbyn Vertreter von Hamas und Hisbollah einst ,,friends", was er später bedauerte. In all diesen Fällen geht es nicht darum, jede Entgleisung gleichzusetzen. Es geht um das wiederkehrende Muster: die Herabstufung jüdischer Angst, die Romantisierung der erklärten Feinde Israels und die Vorstellung, Juden oder der jüdische Staat gehörten zu einer fremden internationalen Macht. Macklemore, Bardem, Jung, Corbyn und Mélenchon sind nicht dasselbe. Wer sie unterschiedslos ,,Antisemiten" nennt, beendet die Analyse, bevor sie begonnen hat. Entscheidend ist nicht die Erstellung einer schwarzen Liste, sondern die Frage, wann legitime Kritik in ein altes Weltbild kippt. Das geschieht bei Verschwörung statt Beleg, bei Kollektivschuld statt individueller Verantwortung, bei Dämonisierung statt Kritik, bei der Umkehr von Tätern und Opfern und beim Maßstab, den man nur an Israel anlegt. Diese internationale Verschiebung findet ihre deutsche Entsprechung inzwischen auch in Wahlergebnissen. Bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl am 20. September 2026 wurde die Linkspartei mit 25,7 Prozent stärkste Kraft. In Mecklenburg-Vorpommern gewann gleichzeitig die AfD mit 38,2 Prozent; die Linke kam dort auf 6,5 Prozent. Beide Ergebnisse sind politisch verschieden, zeigen aber eine Polarisierung, in der die Mitte an Bindekraft verliert und moralisch geschlossene Milieus an Einfluss gewinnen.
Der Erfolg der Berliner Linken ist nicht als antisemitisches Wahlergebnis zu denunzieren. Viele Menschen haben sie aus nachvollziehbaren Gründen gewählt: wegen Mieten, sozialer Ungleichheit oder Frust über die bisherigen Regierungsparteien. Wer jeden Linken zum Antisemiten erklärt, macht es sich so billig wie die Gegenseite. Aber der Wahlsieg darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Teile der Partei ein ernstes Problem haben. Die Bundespartei bezeichnet Israels Vorgehen in Gaza inzwischen offiziell als Völkermord. Der aus der Partei ausgeschlossene Aktivist Ramsis Kilani stellt den 7. Oktober in einen Deutungsrahmen ,,struktureller Gewalt" und ,,Unterdrückung", wodurch das Massaker weniger als eigenständige Tat denn als beinahe zwangsläufige Folge erscheint. Der Neuköllner Linke Ahmed Abed bezeichnete den israelischen Bürgermeister von Bat Jam als ,,Völkermörder". Auf einer Linke-Wahlkampfveranstaltung in Neukölln wurde ein Lied mit der Zeile ,,Death to the IDF" gespielt. Die Spitzenkandidatin Elif Eralp distanzierte sich davon. Entscheidend wird sein, ob solchen Distanzierungen Konsequenzen folgen oder ob sie nur kommunikative Feuerlöscher nach dem nächsten Eklat bleiben. Beim BSW bezeichnete Sahra Wagenknecht den israelischen Militäreinsatz als ,,Vernichtungsfeldzug". Das ist nicht dasselbe wie offener Judenhass. Aber die Wortwahl rückt Israel sprachlich in die Nähe eines planmäßigen Ausrottungsprojekts und bedient damit in Deutschland einen historischen Resonanzraum, den niemand überhören kann. Die AfD wiederum gibt sich gern als Schutzmacht der Juden gegen ,,importierten Antisemitismus". Gleichzeitig nannte Björn Höcke das Berliner Holocaust-Mahnmal ein ,,Denkmal der Schande" und verlangte eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad. Der frühere AfD-Politiker Wolfgang Gedeon sprach von der Holocaust-Erinnerung als ,,Zivilreligion", nannte Holocaustleugner ,,Dissidenten" und raunte über eine mögliche ,,zionistische Lobbyorganisation", die deutschen Interessen entgegenwirke. Die rechte Doppelstrategie ist offensichtlich: Man instrumentalisiert Israel gegen Muslime und arbeitet gleichzeitig an der Entlastung der deutschen Geschichte.
Gleichzeitig verbindet sich ein Teil der westlichen Linken mit islamistischen Bewegungen, die nahezu alles bekämpfen, wofür diese Linke zu Hause einzustehen behauptet. Eine Bewegung versteht sich als feministisch, queer, säkular und antiautoritär und romantisiert Organisationen, deren Gesellschaftsbild patriarchal, religiös und autoritär ist. Dieser Widerspruch wird nur möglich, wenn man Menschen nicht mehr nach ihren Handlungen und Überzeugungen beurteilt, sondern ihnen feste Rollen in einem Welttheater zuweist: hier der westliche Unterdrücker, dort der nichtwestliche Unterdrückte. Wer als unterdrückt markiert ist, kann in diesem Modell kaum noch Täter sein. Dabei muss präzise gesprochen werden. Der Islam ist keine einheitliche politische Organisation und Muslime sind keine homogene Masse. Es gibt liberale, säkulare, konservative, feministische und queere Muslime. Kritik an Islamismus und religiös begründeter Unterdrückung darf nicht in pauschalen Muslimhass kippen. Aber ebenso falsch ist es, die dokumentierte Realität islamistischer Herrschaft aus Angst vor dem Rassismusvorwurf zu verschweigen. Nach Angaben von ILGA World kriminalisierten 2026 weltweit 65 UN-Mitgliedstaaten einvernehmliche gleichgeschlechtliche Beziehungen. In sieben Staaten ist dafür die Todesstrafe gesetzlich vorgesehen; darunter Iran, Saudi-Arabien, Mauretanien und Jemen. Das ist nicht ausschließlich ein islamisches Phänomen, doch islamisch begründete Strafordnungen spielen dabei eine zentrale Rolle. Internationale Befragungen zeigen zudem eine sehr geringe gesellschaftliche Akzeptanz von Homosexualität in zahlreichen mehrheitlich muslimischen Ländern, wenn auch mit erheblichen Unterschieden zwischen Ländern, Generationen und Individuen. In Saudi-Arabien wurden wichtige Reformen durchgesetzt. Frauen dürfen Auto fahren, unter bestimmten Bedingungen selbstständiger reisen und sichtbarer am Berufsleben teilnehmen. Gleichzeitig schreibt das kodifizierte Personenstandsrecht nach Einschätzung von Human Rights Watch männliche Vormundschaft und Diskriminierung bei Ehe, Scheidung und Entscheidungen über Kinder fort. Im Iran werden Frauen wegen des Kopftuchs überwacht und verfolgt. Die UN-Untersuchungsmission dokumentierte systematische Repression, Gewalt und verschärfte Überwachung nach den Protesten unter dem Motto ,,Frau, Leben, Freiheit". Homosexualität kann dort mit dem Tod bestraft werden. Wer in Berlin ,,Queers for Palestine" ruft, darf selbstverständlich solidarisch mit palästinensischen Zivilisten sein. Er sollte aber erklären können, warum die Rechte queerer Menschen aus seinem Blick verschwinden, sobald ihre Unterdrücker nicht weiß, westlich oder christlich sind. Die Ursache dieser Doppelmoral liegt in einem vereinfachten postkolonialen Weltbild. Israel wird als weiß, westlich, mächtig und kolonial markiert; Palästinenser erscheinen als machtlos und deshalb moralisch unschuldig. Dass etwa die Hälfte der israelischen Juden familiäre Wurzeln im Nahen Osten oder in Nordafrika hat, dass Juden aus arabischen und muslimischen Ländern vertrieben wurden und dass palästinensische Akteure eigene Ziele, Ideologien und Verantwortung besitzen, stört dieses Bild. Hinzu kommt der Campismus: Was gegen den Westen steht, gilt automatisch als fortschrittlich. So können autoritäre Regime, religiöse Fundamentalisten und Terrororganisationen zu Bündnispartnern einer Linken werden, die zu Hause jede Mikroaggression analysiert, aber bei der Steinigung, Hinrichtung oder Unterdrückung im Namen des Antiimperialismus plötzlich kulturelle Sensibilität entdeckt. Dieser moralische Mechanismus bestimmt auch die Debatte über Gaza. Am 7. Oktober 2023 überfielen Hamas und andere bewaffnete Gruppen Israel, ermordeten etwa 1.200 Menschen und verschleppten 251 Geiseln. UN-Untersuchungen fanden begründete Hinweise auf sexualisierte Gewalt einschließlich Vergewaltigung. Das war kein spontaner Gefängnisausbruch und keine symbolische Militäraktion, sondern ein gezieltes Massaker an Zivilisten.
Dieser Angriff ist nicht die gesamte Vorgeschichte des Konflikts. Besatzung, Siedlungspolitik, Blockade, Vertreibung und palästinensisches Leid gehören ebenfalls zur Wahrheit. Aber Vorgeschichte ist keine Entschuldigung. Wer beim russischen Angriff auf die Ukraine darauf besteht, dass geopolitische Vorgeschichten das Selbstverteidigungsrecht der Ukraine nicht auslöschen, kann beim 7. Oktober nicht plötzlich behaupten, Kontext verwandele Mord in Widerstand. Israel hatte und hat das Recht, seine Bevölkerung zu verteidigen, die Geiseln zu befreien und die militärische Struktur der Hamas zu bekämpfen. Dieses Recht ist kein Freibrief. Auch ein angegriffener Staat bleibt an das humanitäre Völkerrecht gebunden. Das entsetzliche Sterben palästinensischer Zivilisten, die Zerstörung Gazas, mögliche unverhältnismäßige Angriffe, Vertreibung, Hunger und menschenverachtende Äußerungen israelischer Regierungsmitglieder müssen untersucht und gegebenenfalls bestraft werden. Kritik an Netanjahu, seiner Regierung, der Siedlungspolitik oder konkreten Kriegsverbrechen ist nicht antisemitisch. Wer jede Israelkritik so nennt, entwertet den Begriff und erschwert den Kampf gegen wirklichen Antisemitismus. Aber auch ,,Genozid" ist mehr als ein moralischer Superlativ. Nach der UN-Konvention verlangt der Tatbestand neben bestimmten Handlungen die Absicht, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe ganz oder teilweise zu zerstören. Der Internationale Gerichtshof hat im Verfahren Südafrika gegen Israel bis heute kein abschließendes Urteil darüber gefällt, ob Israel einen Genozid begeht. Er hat Schutzrechte der Palästinenser als plausibel anerkannt und vorläufige Maßnahmen angeordnet; das Hauptverfahren läuft. Amnesty International und andere Organisationen sprechen von Genozid, zahlreiche Juristen widersprechen. Wer die Frage als längst rechtskräftig entschieden darstellt, verbreitet Gewissheit, wo juristisch weiterhin Streit besteht. Der Begriff Genozid ist völkerrechtlich nicht ausschließlich für die Shoah reserviert. Nicht jede Verwendung in Bezug auf Gaza setzt Gaza automatisch mit Auschwitz gleich, und nicht jeder, der sie verwendet, ist Antisemit. Eine solche Behauptung wäre selbst unredlich. Moralisch verwerflich wird es dort, wo die Shoah als rhetorische Schablone benutzt, Israel zum neuen Nazideutschland erklärt und ausgerechnet Juden die Rolle ihrer früheren Mörder zugeschoben wird. Dann dient das Leid der Palästinenser nicht mehr ihrer Rettung, sondern der historischen Entlastung der Deutschen: Endlich sind die Juden Täter, und die Nachfahren der Täter dürfen wieder Richter sein. Inflationär ist der Begriff dort, wo er nicht der juristischen Prüfung, sondern der maximalen Dämonisierung dient; wo jede zivile Katastrophe zum Vernichtungsplan, jeder israelische Soldat zum SS-Mann und jeder Zweifel am Vorwurf zum Beweis jüdischer Macht wird. Das relativiert die Shoah nicht deshalb, weil nur sie Genozid genannt werden dürfte. Es relativiert sie, weil ihre konkreten Täter, Methoden und Ziele zur austauschbaren Metapher werden. Wer über Gaza spricht, muss deshalb auch sagen, was die Hamas ist. Der Name ist die arabische Abkürzung für ,,Islamische Widerstandsbewegung". Sie entstand 1987 als palästinensischer Zweig der Muslimbruderschaft. Ihre Charta von 1988 definiert Palästina als islamisches Land, erhebt den Kampf gegen Israel zur religiösen Pflicht und übernimmt offen antisemitische Motive. Artikel 7 zitiert eine Überlieferung über das Töten von Juden am Ende der Zeiten. Artikel 22 verbreitet klassische Verschwörungsfantasien über jüdische Kontrolle von Geld, Medien, Revolutionen und Kriegen.
2017 veröffentlichte Hamas ein moderater klingendes Grundsatzpapier. Darin behauptet sie, ihr Konflikt richte sich gegen das ,,zionistische Projekt", nicht gegen Juden als Juden. Zugleich erkennt sie Israel nicht an, beansprucht Palästina vom Jordan bis zum Mittelmeer und hält am bewaffneten Widerstand als strategischer Option fest. Das alte Weltbild wurde nicht durch eine demokratische oder rechtsstaatliche Ordnung ersetzt. Der 7. Oktober zeigte, was die Praxis wert war. Hamas unterdrückt auch Palästinenser. Amnesty International dokumentierte Entführungen, Folter und summarische Hinrichtungen angeblicher Kollaborateure. 2014 wurden mindestens 21 Menschen innerhalb von zwei Tagen hingerichtet, teilweise nach grob unfairen oder gar keinen Verfahren. 2025 gingen Hamas-Sicherheitskräfte gegen palästinensische Demonstranten vor, die ein Ende des Krieges und der Hamas-Herrschaft verlangten; berichtet wurde von Drohungen und Schlägen. Wer Palästinenser ernst nimmt, darf sie nicht mit der Organisation identifizieren, die sie beherrscht. Wirkliche Solidarität mit Palästinensern müsste deshalb zugleich den Schutz der Zivilbevölkerung, die Freilassung der Geiseln, die Entmachtung der Hamas und eine politische Perspektive auf Selbstbestimmung neben einem sicheren Israel verlangen. Wer nur die israelische Flagge verbrennt und zur ,,Intifada" ruft, kämpft nicht für Frieden. Er verlängert den Krieg als Identität. Währenddessen wird jüdisches Leben in Deutschland messbar unsicherer. 2025 registrierte das Bundeskriminalamt 6.548 antisemitische Straftaten, erneut ein Höchststand. RIAS dokumentierte 8.725 antisemitische Vorfälle, durchschnittlich 24 pro Tag, darunter vier Fälle extremer Gewalt, 178 Angriffe und 257 Bedrohungen. Die Kategorien von Polizei und Meldestellen sind nicht identisch, aber die Richtung ist eindeutig. Jüdische Menschen werden bedroht, angespuckt, geschlagen und für eine Regierung verantwortlich gemacht, die sie nicht gewählt haben und deren Politik sie möglicherweise selbst ablehnen.
Gleichzeitig versichern Politiker routiniert, Antisemitismus habe ,,keinen Platz" in Deutschland. Natürlich hat er einen Platz. Auf Schulhöfen, an Universitäten, in Kommentarspalten, auf Demonstrationen, in Parteien, Kulturinstitutionen, Redaktionen und Parlamenten. Er kommt von rechts, von links, aus islamistischen Milieus und aus der gesellschaftlichen Mitte. Meist kommt er nicht mit Hakenkreuz und Springerstiefeln. Er kommt als Friedensappell, Elitenkritik, Kinderschutz, Menschenrechtskampagne, Popkonzert oder akademische Dekolonisierung. Gerade intellektuelle Kreise sind nicht immun. Bildung schützt nicht vor einem Wahnsystem, wenn sie nur dazu dient, das Ressentiment komplizierter auszudrücken. Wer alte Narrative von jüdischer Macht, Blutdurst und Weltkontrolle in die Sprache von ,,Zionismus", ,,Lobby", ,,Siedlerkolonialismus" und ,,Genozid" übersetzt, hat das Vorurteil nicht automatisch überwunden. Vielleicht hat er ihm nur ein Seminar gegeben. Die entscheidende Grenze verläuft deshalb nicht zwischen rechts und links, Deutschen und Migranten, Juden und Muslimen. Sie verläuft zwischen Menschen, die Widersprüche aushalten, und Menschen, die für alles einen dämonischen Urheber brauchen. Zwischen denen, die palästinensisches Leid sehen können, ohne den 7. Oktober zu leugnen, und denen, die jüdisches Leid sehen können, ohne palästinensisches Leben abzuwerten. Zwischen Kritik und Obsession. Antisemitismus beginnt dort, wo der Jude oder der jüdische Staat nicht mehr nach denselben Maßstäben beurteilt wird wie alle anderen, sondern zum Schlüssel des Weltübels wird. Er endet nicht durch Lippenbekenntnisse. Er endet erst, wenn wir seine wechselnden Masken erkennen. Auch dann, wenn sie die Farben unserer eigenen politischen Heimat tragen
16.09.26
©Serdar Somuncu
Das neue Buch - Lügen -Kulturgeschichte einer menschlichen Schwäche"
*Serdar Somuncu ist Schauspieler und Regisseur
Quellenhinweise: Die historischen Angaben zu Daniel Paul Schreber folgen seinen Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken und der Forschung zu seinem paranoiden System. Zur Geschichte und zu den Erscheinungsformen des Antisemitismus siehe die Bundeszentrale für politische Bildung und die IHRA-Arbeitsdefinition. Die Verbindung von RAF und palästinensischen Gruppen dokumentiert ebenfalls die Bundeszentrale für politische Bildung; zur Selektion in Entebbe siehe Zeitgeschichte digital. Ken Jebsens Entwicklung ist Gegenstand der bpb-Serie Cui Bono; die damalige RBB-Kontroverse dokumentierte der Deutschlandfunk. Tilo Jungs Berlinale-Frage ist im Original bei Jung & Naiv zu sehen. Zu Xavier Naidoos Äußerungen berichtete der SWR, zur Epstein-Kundgebung mit Michelle Gollan Democ. Die Vorgänge um Macklemore wurden von Reuters und AP dokumentiert; zu Bob Vylan berichtete der Guardian. Kanyes Äußerungen und deren Folgen fasst AP zusammen; über Javier Bardems Beitrag berichtete Euronews. Zur Kriminalisierung gleichgeschlechtlicher Beziehungen siehe ILGA World, zur Lage von Frauen in Saudi-Arabien Human Rights Watch und zur Repression im Iran das UN-Menschenrechtsbüro. Die Definition des Völkermords bietet die UN, der Verfahrensstand Südafrika gegen Israel findet sich beim Internationalen Gerichtshof. Die Hamas-Charta von 1988 ist im Avalon Project der Yale Law School dokumentiert; Berichte über Folter und Hinrichtungen durch Hamas veröffentlichte Amnesty International. Die deutschen Fallzahlen stammen vom Bundeskriminalamt und aus dem RIAS-Jahresbericht 2025.
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