Liebe in Zeiten der Demokratie
Japaner haben es leicht. Das Kokuhaku, das Liebesgeständnis, muss traditionell im dritten Date erfolgen. In der aktuellen Diskussion um die Neuauszählung der Bundestagswahl 2025 kann diese einfache Regel den Ausweg bieten.
von Alexander Kira
von Alexander Kira
Haben Sie schon einmal jemandem Ihre Liebe gestanden? Jedes für und wider abgewogen und sich dann doch getraut? Uaaa!!! Dann wissen Sie in welcher Situation sich der Wahlprüfungsausschuss des Bundestages befindet. In Japan ist es leicht - das Kokuhaku muss beim dritten Date erfolgen. Aber auch auf die Frage, ob die Bundestagswahl auf der Suche nach 9.500 Stimmen des BSW neu ausgezählt werden sollte, lässt sich diese bewährte Regel anwenden.
Jemandem seine Liebe gestehen ist schon eine Sache für sich. Im besten Fall wird man zurückgewiesen. Das ist schmerzhaft und sehr peinlich. Doch die eigentlichen Probleme beginnen erst, wenn das Gegenüber die Liebe erwidert. Freilich nicht auf dem Oberstufenschulhof. Anders aber, wenn beide Parteien verheiratet sind. Mit anderen Partnern. Mit Kindern in der Grundschule. Einem frisch finanzierten Eigenheim. Und natürlich mit dem aktuellen Partner als Arbeitskollegen.
Tränen, Rosenkriege, Sorgerechtsquerelen drohen. Doch es kommt der magische Moment, wo man das alles ausblendet, da die Liebe es Wert ist.
Der Wahlprüfungsausschuss des Deutschen Bundestages kann ein Lied davon singen - und das ist leider nicht das Deutschlandlied. Zwar sind die Gerüchte frei erfunden, dass er in rosa gestrichenen Räumen tagt und dort statt harten Abgeordnetenbänken eine fluffige Sitzlandschaft vorzufinden ist. Unwahr ist auch, dass das Catering statt Kaffee und Selters gleicher Temperatur, Rosé-Champagner und Erdbeeren mit Schlagsahne serviert.
Wahr ist aber, dass der Wahlprüfungsausschuss händeringend nach oben zum Monitorwürfel blickt und sagt: Lieber Wahlgott, erhöre uns: Was sollen wir tun: Einer Partei fehlen 9.500 Stimmen zum Einzug in den Bundestag und wir haben durchaus Hinweise, dass bereits erfolgte Nachzählungen zu ihren Gunsten ausgefallen sind. Was sollen wir bloß tun? Wie so häufig, wenn man die Götter anruft, weiß man bereits die Antwort. Doch wie beim Kokuhaku ist das Zögern nur zu verständlich. Was wenn die 9.500 Stimmen auftauchen? Zwar hat die rituelle Beschimpfung des Bundeskanzlers als Small-Talk-Thema gemeinhin das obligatorische Gespräch über das Wetter ersetzt. Aber wirklich wünschen kann sich kein Mensch ein weiteres Szenario der Destabilisierung, wenn wieder außerhalb des Fahrplans eine neue Regierung gebildet werden müsste. Wie bei einem Liebesgeständnis drohen Tränen, Anwaltskosten und Scheidungskinder. Und am Ende gewinnt häufig keiner. Der Liebesbote Amor verzieht sich in solchen Situationen milde lächelnd nach oben in himmlische Gefilde und sucht sich neue Opfer für seine Pfeile. Auch das Recht kennt die Problematik und nennt sie ,,Gerechtigkeit durch Verfahren" - eine absolute Gerechtigkeit würde den Rechtsstaat lähmen. Deshalb gibt auch die Verjährung. Sonst würden allenthalben streitlustige Germanen in Bärenfällen mit Keulen oder altrömische Legionäre in voller Montur an der Tür Klingeln um Forderungen aus grauer Vorzeit einzutreiben.
Bei der Neuauszählung der Bundestagswahl hieße der Gewinner jedoch nicht Amor, sondern Demokratie. Und anders als Amor schleicht sie sich nicht mit einem ironischen ,,Ooooops" davon. Sie wird stärker, auch und sogar dann, wenn das Ergebnis dem Willen der Wähler entspricht. Sidenote: Wer sich die Bedeutung von Regeln bei Wahlen vergegenwärtigen möchte, der kann einmal spaßeshalber eine Staatsrechtsvorlesung besuchen. Staatsrecht I, Staatsorganisationsrecht. Bereits in den ersten Minuten wird dort nämlich klar, dass Wahlen die Apotheke des Rechts sind, bei der jeder kleinste Unregelmäßigkeit ein Riesenproblem sind.
Eine realistische Betrachtung der Dinge aber könnte dem Wahlprüfungsausschuss des Bundestages die Entscheidung etwas einfacher machen. Wer sagt denn, dass das BSW der Sieger der Neuauszählung wird? Vielleicht gewinnt die CDU am Ende die absolute Mehrheit durch vergessene Kartons in Berlin Kreuzberg und Gelsenkirchen? Und Edmund Stoiber haben nach seiner Lesart 2002 knapp 6.000 Stimmen die Kanzlerschaft gekostet. Die CDU / CSU Fraktion ist die wahre Leidensgenossin des BSW und hat Anlass zur Solidarität.
Oder es kommt endlich ans Licht, dass die SPD in Bayern Wahlkreis um Wahlkreis frustrierten CSU-Wählern abgeluchst hat. Oder die FDP hat erdrutschartig alle Wahlkreise an der Ostsee geholt, was wegen Schlechtwetter falsch übermittelt wurde. Das klingt doch wie Musik in den Ohren in der Klingehöferstraße 8! Oder die Tierschutzpartei findet endlich ihr verdientes Gehör: Bei der Landtagswahl 2024 in Brandenburg hatte sie schon doppelt so viele Stimmen wie FDP, da scheint ein Einzug in den Bundestag vorbei an der FDP und direkt in die Koalition mit der CDU beinahe das wahrscheinlichste Szenario. Mein Meer von Möglichkeiten.
Denn ein Kokuhaku geht nicht immer schlecht aus. Im Gegenteil, es gibt sie nicht zu knapp: Liebesgeschichten mit Happy End. Kurz: All you need is love!
28.11.2025
Alexander Kira hat über internationalen Menschenrechtsschutz provomiert und ist Jurist, Moderator und Kabarettist. Er lebt und schreibt im Herzen von Berlin.
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Jemandem seine Liebe gestehen ist schon eine Sache für sich. Im besten Fall wird man zurückgewiesen. Das ist schmerzhaft und sehr peinlich. Doch die eigentlichen Probleme beginnen erst, wenn das Gegenüber die Liebe erwidert. Freilich nicht auf dem Oberstufenschulhof. Anders aber, wenn beide Parteien verheiratet sind. Mit anderen Partnern. Mit Kindern in der Grundschule. Einem frisch finanzierten Eigenheim. Und natürlich mit dem aktuellen Partner als Arbeitskollegen.
Tränen, Rosenkriege, Sorgerechtsquerelen drohen. Doch es kommt der magische Moment, wo man das alles ausblendet, da die Liebe es Wert ist.
Der Wahlprüfungsausschuss des Deutschen Bundestages kann ein Lied davon singen - und das ist leider nicht das Deutschlandlied. Zwar sind die Gerüchte frei erfunden, dass er in rosa gestrichenen Räumen tagt und dort statt harten Abgeordnetenbänken eine fluffige Sitzlandschaft vorzufinden ist. Unwahr ist auch, dass das Catering statt Kaffee und Selters gleicher Temperatur, Rosé-Champagner und Erdbeeren mit Schlagsahne serviert.
Wahr ist aber, dass der Wahlprüfungsausschuss händeringend nach oben zum Monitorwürfel blickt und sagt: Lieber Wahlgott, erhöre uns: Was sollen wir tun: Einer Partei fehlen 9.500 Stimmen zum Einzug in den Bundestag und wir haben durchaus Hinweise, dass bereits erfolgte Nachzählungen zu ihren Gunsten ausgefallen sind. Was sollen wir bloß tun? Wie so häufig, wenn man die Götter anruft, weiß man bereits die Antwort. Doch wie beim Kokuhaku ist das Zögern nur zu verständlich. Was wenn die 9.500 Stimmen auftauchen? Zwar hat die rituelle Beschimpfung des Bundeskanzlers als Small-Talk-Thema gemeinhin das obligatorische Gespräch über das Wetter ersetzt. Aber wirklich wünschen kann sich kein Mensch ein weiteres Szenario der Destabilisierung, wenn wieder außerhalb des Fahrplans eine neue Regierung gebildet werden müsste. Wie bei einem Liebesgeständnis drohen Tränen, Anwaltskosten und Scheidungskinder. Und am Ende gewinnt häufig keiner. Der Liebesbote Amor verzieht sich in solchen Situationen milde lächelnd nach oben in himmlische Gefilde und sucht sich neue Opfer für seine Pfeile. Auch das Recht kennt die Problematik und nennt sie ,,Gerechtigkeit durch Verfahren" - eine absolute Gerechtigkeit würde den Rechtsstaat lähmen. Deshalb gibt auch die Verjährung. Sonst würden allenthalben streitlustige Germanen in Bärenfällen mit Keulen oder altrömische Legionäre in voller Montur an der Tür Klingeln um Forderungen aus grauer Vorzeit einzutreiben.
Bei der Neuauszählung der Bundestagswahl hieße der Gewinner jedoch nicht Amor, sondern Demokratie. Und anders als Amor schleicht sie sich nicht mit einem ironischen ,,Ooooops" davon. Sie wird stärker, auch und sogar dann, wenn das Ergebnis dem Willen der Wähler entspricht. Sidenote: Wer sich die Bedeutung von Regeln bei Wahlen vergegenwärtigen möchte, der kann einmal spaßeshalber eine Staatsrechtsvorlesung besuchen. Staatsrecht I, Staatsorganisationsrecht. Bereits in den ersten Minuten wird dort nämlich klar, dass Wahlen die Apotheke des Rechts sind, bei der jeder kleinste Unregelmäßigkeit ein Riesenproblem sind.
Eine realistische Betrachtung der Dinge aber könnte dem Wahlprüfungsausschuss des Bundestages die Entscheidung etwas einfacher machen. Wer sagt denn, dass das BSW der Sieger der Neuauszählung wird? Vielleicht gewinnt die CDU am Ende die absolute Mehrheit durch vergessene Kartons in Berlin Kreuzberg und Gelsenkirchen? Und Edmund Stoiber haben nach seiner Lesart 2002 knapp 6.000 Stimmen die Kanzlerschaft gekostet. Die CDU / CSU Fraktion ist die wahre Leidensgenossin des BSW und hat Anlass zur Solidarität.
Oder es kommt endlich ans Licht, dass die SPD in Bayern Wahlkreis um Wahlkreis frustrierten CSU-Wählern abgeluchst hat. Oder die FDP hat erdrutschartig alle Wahlkreise an der Ostsee geholt, was wegen Schlechtwetter falsch übermittelt wurde. Das klingt doch wie Musik in den Ohren in der Klingehöferstraße 8! Oder die Tierschutzpartei findet endlich ihr verdientes Gehör: Bei der Landtagswahl 2024 in Brandenburg hatte sie schon doppelt so viele Stimmen wie FDP, da scheint ein Einzug in den Bundestag vorbei an der FDP und direkt in die Koalition mit der CDU beinahe das wahrscheinlichste Szenario. Mein Meer von Möglichkeiten.
Denn ein Kokuhaku geht nicht immer schlecht aus. Im Gegenteil, es gibt sie nicht zu knapp: Liebesgeschichten mit Happy End. Kurz: All you need is love!
28.11.2025
Alexander Kira hat über internationalen Menschenrechtsschutz provomiert und ist Jurist, Moderator und Kabarettist. Er lebt und schreibt im Herzen von Berlin.
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