Deutschlands Hang zu Schwachsinn: Wir uns sinnbefreite Beschäftigung krank macht
Friedrich Merz forderte im Mai letzten Jahres, dass mehr gearbeitet werden müsste. Seine Wirtschaftsministerin folgte ihm im Juli, Holger Schäfer vom Institut der Wissenschaft vor wenigen Wochen. Nun tobt zusätzlich eine Debatte über vermeintlich hohe Krankenstände in Deutschland - es wird unterstellt, dass Arbeitnehmer häufig blau machen. Dabei ist die hohe Abwesenheit von Arbeit ein Problem, das mit zunehmend unproduktiven und schwachsinnigen Tätigkeiten einhergeht.
von Daniel Nuber
von Daniel Nuber
Als Fachwirt im Gesundheits- und Sozialwesen bin ich zweifach gebeutelt: Ich muss mich mit irrsinnigen, betriebswirtschaftlichen und kaufmännischen Verfahren auseinandersetzen, die sehr oft weder Sinn noch Ziel haben und gehe dem in einem Geschäftsfeld nach, das aus dem letzten Loch pfeift. Trotz der kraftvoll klatschenden Prominenten und Politikern während Corona haben sich überraschenderweise keine Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen verbessert. Im Gegenteil: Die Last auf den Schultern von Ärzten, Pflege- und Verwaltungskräften wächst seit Jahren und die Anzahl an dummen, sinnbefreiten Tätigkeiten ebenfalls. Knapp 15 Krankheitstage im Durchschnitt pro Mitarbeiter sind noch sehr gering im Angesicht der Frustration und der psychischen Belastung, die offensichtlich nicht nur im medizinischen Bereich ausgehalten werden müssen, auf den ich mich aber in diesem Text konzentrieren möchte. Merz, seine Vorgänger und seine Gehilfen sind die Brandbeschleuniger, die mit solchen hirnrissigen Unterstellungen, es würde zu oft blau gemacht werden, denjenigen vor die Füße scheißen, die das von der Politik zerstörte System noch irgendwie versuchen aufrechtzuerhalten.
Jens Spahn hatte es während seiner Zeit als Gesundheitsminister geschafft, die Krankenkassenbeiträge nicht steigen zu lassen. Das kam beim Wähler gut an. Nur wie er das geschafft hat, hat niemand hinterfragt - er zwang die Kassen nämlich dazu, ihre Ersparnisse aufzubrauchen, statt steigende Kosten mit Beitragserhöhungen aufzufangen. Das hat super während seiner Amtszeit funktioniert und danach war ihm eh wurscht, was kommt - da war er ja nicht mehr verantwortlich. Seit er glücklicherweise nicht mehr im Amt ist, müssen notwendigerweise die Beitragszahlungen ständig steigen, denn nicht nur die Kosten explodieren, auch Rücklagen müssen geschaffen werden, die ja nicht mehr da sind. Konsequenzen dieser Fehlpolitik? Gar keine. Stattdessen blödelt er im Bundestag herum und erzählt hier und da Stuss in Talkshows. Die Kohle, die er noch während seiner Fehlbesetzung als Minister hätte durch Beitragserhöhungen eintreiben müssen(!), fehlt nun natürlich an allen Ecken und Enden. Das sorgt noch immer für hohen Kostendruck in einem Gesundheitssystem, das praktisch gelebter Sozialismus in einem demokratischen Land ist - es mangelt am einfachsten, Kritik nach oben darf nicht geübt werden und die Obrigkeit muss nie für Fehler einstehen, ganz gleich, wie groß oder klein sie auch sind, aber sich selbst zu bereichern ist irgendwie okay (Maskendeals und so).
Nun könnten Sie meinen, dass das ein politisches Spiel gewesen sei, das beim Fußvolk - außer den jetzigen Beitragserhöhungen - keine spürbare Wirkung entfaltet hätte. Damit lägen Sie falsch. Der Kostendruck der Krankenkassen löst enormen Kostendruck bei den Behandlern aus, weil jede Gelegenheit genutzt wird, um erbrachte Leistungen nicht bezahlen zu müssen. Beispiel: Patient A wird wochenlang intensivmedizinisch behandelt. Alles in hunderten Seiten Patientendaten dokumentiert und nachweisbar. Die Rechnung über einen hohen fünfstelligen Betrag geht an seine Krankenkasse und die sagt: nö, glauben wir nicht. Musste A denn wirklich 7 Wochen auf der Intensivstation liegen? Musste er denn wirklich beatmet werden? War denn die Herzoperation wirklich notwendig? Hätte er nicht auf Eigenrechnung in einem Hotel in Ibiza gesund werden können? Dann kommt der Medizinische Dienst um die Ecke geiert, der sich als unabhängige Gutachterstelle darstellt, aber trotzdem vor allem Nachweise über die Unabdingbarkeit der Behandlungen haben will und zieht jedes Wort in Zweifel. Nicht selten endet das dann in einem Rechtsstreit, mit dem sich dann auch Gerichte befassen müssen. Keiner der Beteiligten kann etwas dafür. Ursprung dieses nicht seltenen Verfahrens sind massive politische Fehlentscheidungen, die bis heute nicht korrigiert wurden. Die Frustration darüber wächst aber unter den Beschäftigten. Sie dürfen raten, wer dann den Nachweis erbringen muss, dass die Therapien bei A medizinisch indiziert waren. Richtig! Der Behandler. Während der Patient schon entlassen oder tot ist, muss der sich dann mit Gutachten und Stellungnahmen auseinandersetzen - so, dass ihm wiederum Zeit fehlt, um sich um andere Patienten zu kümmern. Ärzte und Pflegekräfte sind im Krankenhaus zu mehr als der Hälfte ihrer Arbeitszeit Schreibkräfte. Jeder Furz muss aufgeschrieben werden, oft sogar mehrfach, Versicherungen wollen Gutachten, Gerichte ebenfalls. Das frustriert. Und Frustration führt auf Dauer zu Depressionen und die führen auf direktem Weg in den Krankenstand. Warum führen wir nicht einfach ein, dass die Krankenkassen und der Medizinischen Dienst nachweisen müssen, dass die Behandlung nicht notwendig war? Sie verfügen über alle Behandlungsdaten und könnten das ohne Weiteres tun. Dass sie das nicht wollen, hat einen Grund: Sie hoffen darauf, dass der Behandler auf die Zahlung verzichtet, weil ihm der Rechtsstreit über die Kosten zu aufwendig ist. Einer von verdammt vielen Systemfehlern.
Ein ungleich größeres betriebs- und volkswirtschaftliches Problem sind sinnbefreite Beschäftigungen, die ich gar nicht so sinnlos beschrieben kann, wie sie sind und sich anfühlen. Ein Beispiel aus jüngster Zeit aus meinem Arbeitsleben: Im Krankenhaus gibt es unzählige Gefahrenstoffe. Sauerstoff, ätzende Mittel und so weiter, an denen sich Menschen verletzen können oder bei unsachgemäßer Handhabung auch Brände oder gar Explosionen entstehen könnten. Dass gefährliche Stoffe nicht in beliebiger Menge auf Stationen gebunkert werden dürfen, sehe ich absolut ein. Was weder ich noch sonst jemand, den ich kenne, versteht: Dass die Warenerfassung nur ein einziges Mal im Jahr stattfinden muss. Nehmen wir an, auf Ihrer Station dürfen nur zehn Sauerstoffflaschen sein. Heute zählen Sie nach - es sind 9, jippy, alles richtig gemacht. Zwei Tage darauf sind es 26 Flaschen. Weil die niemand mehr zählen und schon gar nicht melden muss, hat das überhaupt keine Konsequenzen. Gar keine. Null. Nada. Also ist es auch vollkommen egal, dass Sie zwei Tage vorher sogar weniger als die erlaubten hatten. Warum zählen wir sie dann überhaupt? Nun denken Sie bloß nicht, dass nur offensichtlich gefährliche Stoffe erfasst werden müssen - wäre ja viel zu einfach. Es muss auch dokumentiert sein, wie viele Handseifen vorhanden sind und - kein Witz - auch, in welcher Form. Handelt es sich um Flüssigseife? Oder um Kernseife? Oder sind es Überreste von Heisenbergs Crystal Meth? An dieser Quatschaufgabe sind Pflegekräfte, Hygienebeauftragte, Verwaltungs- und Führungskräfte und Aufsichtsbehörden beteiligt. Und das dauert wochenlang, weil jede noch so kleine Flasche genau erfasst werden muss.
Das ist keine Arbeit. Das ist Beschäftigung. Von Beschäftigung haben wir sehr viel - wir könnten selbst 30 Tage in der gesamten Gesellschaft krank sein und trotzdem produktiver, wenn wir solche Aufgaben, die reinige Beschäftigungsmaßnahmen sind, durch produktive Arbeiten ersetzen würden. Mehr Beispiele gefällig? Wenn Sie als Patient in einem Krankenhaus aufgenommen werden, wird sowohl eine digitale als auch eine analoge Patientenakte für Sie angelegt. Sämtliche Behandlungen, Befunde und Dokumentationen werden digital im Patientenmanagementsystem eingepflegt. Nun glauben Sie bloß nicht, dass das ausreicht. Alle(!) Befunde, Briefe und sonstige Unterlagen, die in dieser Software gespeichert sind, werden spätestens nach Ihrer Entlassung ausgedruckt, in Ihre Papierakte gelegt, dann eingescannt und weggeworfen. Ich krieg' schon beim Schreiben ein Burnout.
Die Frage nach dem Warum kann ich sogar rational beantworten: Weil die Software, die für das Patientenmanagement genutzt wird, in der Regel kein zertifiziertes Medizinprodukt und damit deutlich günstiger in der Anschaffung ist. Weil die Zertifizierung fehlt, werden die digital vorhandenen Untersuchungsdaten jedoch so behandelt, als seien sie nie vollzogen worden. Das Krankenhaus könnte also nachweisen, dass Sie da waren, wenn aber wieder einmal die Behandlungsnotwendigkeit angezweifelt wird und nichts in Papierform vorhanden ist, heißt es, das Klinikum hätte mit Ihnen nichts gemacht und dementsprechend keine abrechenbaren Leistungen generiert. Irrsinn, oder? Und nun stellen Sie sich vor, Sie haben sechs, sieben oder mehr Jahre studiert und sich ausbilden lassen, um am Ende einen erheblichen Teil ihres Lebens damit zuzubringen, digitale Unterlagen auszudrucken, einzuscannen, in dasselbe digitale System einzupflegen und dann wegzuwerfen. Wie sollen Sie da nicht krank werden? Falls Sie sich fragen, warum die eingescannten Dokumente problemlos in demselben Managementsystem abgespeichert werden dürfen: Weil der Scan das Vorhandensein in Papierform beweist und die Papierform die Abrechnungsgrundlage bildet.
Das hört damit aber ja nicht auf. Kennen Sie Compliance? Eine super Sache - schafft noch mehr Beschäftigung. Unternehmen (und zwar ganz gleich, ob im Gesundheitswesen oder woanders) erfinden Regelungen, an die sich dann mit ihnen zusammenarbeitende Unternehmen halten müssen. Auch das hat in meiner Branche echte Folgen. Wenn wir eine Fortbildungsveranstaltung mit Sponsoren organisieren, dann bringt jeder Sponsor eigene Regeln mit, an die wir uns halten wollen müssen. Das kann alles beinhalten: Ethische Regelungen, die definieren, wie wir miteinander umgehen sollen, Transparenzregelungen bis hin zu Ausweiskontrollen von Vertretern, wenn diese bei den genannten Veranstaltungen einen Stand aufstellen möchten. Weil das immer anders ist, gibt es keinen Standard. Firma A möchte Identitätskontrollen, Firma B nicht. Firma B möchte aber gerne, dass auf den Flyern gegendert wird, Firma C möchte das auf keinen Fall, hätte aber gerne ein Bild von Honecker auf den Flyern, weil der noch immer Ehrenvorsitzender im Vorstand ist. Das ist nur Schwachsinn, der nichts, aber auch wirklich überhaupt nichts bringt - und zwar niemandem. Ich weiß aber aus eigener Erfahrung, dass es Menschen gibt, die unglaublich viel Bock haben, mit ihren eigenen erfundenen Regelungen anderen Menschen auf die Nerven zu gehen, die von den Geldern, die sie für die Befolgung ebendieser erhalten, abhängig sind. Nur deshalb wird das gemacht. Produktiv und sinnvoll ist das zu keinem einzigen Zeitpunkt - und: auch das ist etwas, das frustriert und krank machen kann, eben weil es völlig beliebig und sinnbefreit ist.
Einen großen Stellenwert im Beschäftigungsbingo hat auch das Beschwerdemanagement. Heutzutage beschwert sich jeder über alles - besonders in der Gesundheitsbranche, weil die Krankenkassenkarte als Zugangberechtigung zu einem All You Can Eat-Buffet verstanden wird. Wenn also Luise am Samstag um 3:00 Uhr nachts beschließt, mit ihren seit drei Wochen bestehenden Fußschmerzen in die Notaufnahme zu gehen, dann muss sie natürlich auch sofort behandelt werden. ,,Es kann nicht sein", wird sie später in den Google-Bewertungen schreiben, ,,dass ich da über 8 Stunden warten muss!" Und dann, wird sie sich weiter echauffieren, wird sie von dem Arzt, der gerade einmal 23 Stunden gearbeitet hat und doch dementsprechend frisch und motiviert sein muss, in zwei Minuten abgewimmelt. Unglaublich! Weil die Compliance (da haben wir den Scheiß wieder) des Hauses es so vorsieht, muss auf diesen geistigen Durchfall seriös geantwortet werden. Sie möge sich doch gerne an das Beschwerdemanagement wenden, dann würde Ihr Fall geprüft werden. Luise macht das auch, denn Luise ist auf zack und lässt sich nix gefallen, immerhin zahlt sie für den Service. Ihren eingewachsenen Zehnagel beschreibt sie dann in aller Ausführlichkeit, was dann die Sachbearbeiter dazu veranlasst, mit den betroffenen Ärzten und Pflegekräften Rücksprache zu halten. Selbstverständlich bekommt Luise dann eine ausufernde Entschuldigungsmail mit dem Versprechen, dass ein solches Verhalten nicht wieder vorkommen werde, weil es den Qualitätsansprüchen des Hauses nicht entspräche. Hat das Konsequenzen? Natürlich nicht. Wenn sie mit ihrem Problemchen wieder in der Notaufnahme vorstellig wird, wird sie genauso lange warten und genauso schnell abgefertigt werden, weil sie da mit ihrem Wehwehchen einfach nichts verloren hat. Verloren haben Sachbearbeiter, Ärzte und Pflegekräfte nur ihre Arbeitszeit, die sie wieder mit Blödsinn füllen mussten.
Luise mag nicht der hellste Stern im Universum sein, allerdings ist sie ein Produkt eines systematischen Problems, das nicht nur das Fuß-Aua betrifft. Die abnehmende Anzahl an niedergelassenen Haus- und Fachärzten und die Schwierigkeiten bei der Terminvergabe führt dazu, dass Krankenhäuser häufiger aufgesucht werden als notwendig wäre. Dort ist ja immer ein Arzt zu finden. Das Problem ist bekannt, wird aber politisch gar nicht angegangen. Durch die Anwerbung ausländischer Fachkräfte sollte es behoben werden - die Realität ist aber, dass sich Deutschland mit der Anerkennung ausländischer Ausbildungen und Studiengänge schwer tut. Wir haben uns aber auch dafür ein dummes Verfahren ausgedacht: Ein Arzt, der außerhalb der Europäischen Union zu uns kommt, darf über einen befristeten Zeitraum praktizieren. Danach nicht mehr; dann muss er seine Approbation mühsam durchboxen und alle möglichen Nachweise über seine Kenntnisse und Fähigkeiten liefern. Mit anderen Worten: Er ist über einen Zeitraum von 1-2 Jahren keine Gefahr für die Menschheit und darf seine ärztliche Tätigkeit ausüben, mit Ablauf der Frist ist er plötzlich gefährlich und muss nachweisen, dass er es doch nicht ist. Was soll das?
Das sind nur ein paar wenige krankmachende Beispiele aus dem Gesundheitssystem. Ich bin optimistisch, dass alle Sektoren unseres Arbeitsmarktes ähnlich sinnfreie Beschäftigungen beinhalten und vor allem dadurch zur Mitarbeiterüberlastung führen. Wir haben keine Vorstellung davon, welchen volkswirtschaftlichen Schaden unsere eigenen Regelungen, unsere ineffizienten Prozesse, unsere Anspruchshaltung und unsere Ziellosigkeit anrichten. Der von Friedrich Merz angeprangerte Krankenstand von durchschnittlich ca. 15 Arbeitstagen pro Jahr ist das allerkleinste Problem unserer Gesellschaft und unseres Arbeitsmarktes. Im Angesicht all des beschrieben Unsinns - und, wie gesagt, das ist nur ein Bruchteil davon - können wir alle froh sein, dass es nur drei Wochen sind, die Beschäftigte in der Regel fehlen.
28.01.26
©Daniel Nuber
In dem Buch "Rost, Weed und Rakija" beschreibt Daniel Nuber seine Reise durch den Balkan. Ansonsten ist er als Fachwirt Spezialisiert auf das Gesundheits- und Sozialwesen und betätigt sich als Autor, Video- und Fotograf.
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Jens Spahn hatte es während seiner Zeit als Gesundheitsminister geschafft, die Krankenkassenbeiträge nicht steigen zu lassen. Das kam beim Wähler gut an. Nur wie er das geschafft hat, hat niemand hinterfragt - er zwang die Kassen nämlich dazu, ihre Ersparnisse aufzubrauchen, statt steigende Kosten mit Beitragserhöhungen aufzufangen. Das hat super während seiner Amtszeit funktioniert und danach war ihm eh wurscht, was kommt - da war er ja nicht mehr verantwortlich. Seit er glücklicherweise nicht mehr im Amt ist, müssen notwendigerweise die Beitragszahlungen ständig steigen, denn nicht nur die Kosten explodieren, auch Rücklagen müssen geschaffen werden, die ja nicht mehr da sind. Konsequenzen dieser Fehlpolitik? Gar keine. Stattdessen blödelt er im Bundestag herum und erzählt hier und da Stuss in Talkshows. Die Kohle, die er noch während seiner Fehlbesetzung als Minister hätte durch Beitragserhöhungen eintreiben müssen(!), fehlt nun natürlich an allen Ecken und Enden. Das sorgt noch immer für hohen Kostendruck in einem Gesundheitssystem, das praktisch gelebter Sozialismus in einem demokratischen Land ist - es mangelt am einfachsten, Kritik nach oben darf nicht geübt werden und die Obrigkeit muss nie für Fehler einstehen, ganz gleich, wie groß oder klein sie auch sind, aber sich selbst zu bereichern ist irgendwie okay (Maskendeals und so).
Nun könnten Sie meinen, dass das ein politisches Spiel gewesen sei, das beim Fußvolk - außer den jetzigen Beitragserhöhungen - keine spürbare Wirkung entfaltet hätte. Damit lägen Sie falsch. Der Kostendruck der Krankenkassen löst enormen Kostendruck bei den Behandlern aus, weil jede Gelegenheit genutzt wird, um erbrachte Leistungen nicht bezahlen zu müssen. Beispiel: Patient A wird wochenlang intensivmedizinisch behandelt. Alles in hunderten Seiten Patientendaten dokumentiert und nachweisbar. Die Rechnung über einen hohen fünfstelligen Betrag geht an seine Krankenkasse und die sagt: nö, glauben wir nicht. Musste A denn wirklich 7 Wochen auf der Intensivstation liegen? Musste er denn wirklich beatmet werden? War denn die Herzoperation wirklich notwendig? Hätte er nicht auf Eigenrechnung in einem Hotel in Ibiza gesund werden können? Dann kommt der Medizinische Dienst um die Ecke geiert, der sich als unabhängige Gutachterstelle darstellt, aber trotzdem vor allem Nachweise über die Unabdingbarkeit der Behandlungen haben will und zieht jedes Wort in Zweifel. Nicht selten endet das dann in einem Rechtsstreit, mit dem sich dann auch Gerichte befassen müssen. Keiner der Beteiligten kann etwas dafür. Ursprung dieses nicht seltenen Verfahrens sind massive politische Fehlentscheidungen, die bis heute nicht korrigiert wurden. Die Frustration darüber wächst aber unter den Beschäftigten. Sie dürfen raten, wer dann den Nachweis erbringen muss, dass die Therapien bei A medizinisch indiziert waren. Richtig! Der Behandler. Während der Patient schon entlassen oder tot ist, muss der sich dann mit Gutachten und Stellungnahmen auseinandersetzen - so, dass ihm wiederum Zeit fehlt, um sich um andere Patienten zu kümmern. Ärzte und Pflegekräfte sind im Krankenhaus zu mehr als der Hälfte ihrer Arbeitszeit Schreibkräfte. Jeder Furz muss aufgeschrieben werden, oft sogar mehrfach, Versicherungen wollen Gutachten, Gerichte ebenfalls. Das frustriert. Und Frustration führt auf Dauer zu Depressionen und die führen auf direktem Weg in den Krankenstand. Warum führen wir nicht einfach ein, dass die Krankenkassen und der Medizinischen Dienst nachweisen müssen, dass die Behandlung nicht notwendig war? Sie verfügen über alle Behandlungsdaten und könnten das ohne Weiteres tun. Dass sie das nicht wollen, hat einen Grund: Sie hoffen darauf, dass der Behandler auf die Zahlung verzichtet, weil ihm der Rechtsstreit über die Kosten zu aufwendig ist. Einer von verdammt vielen Systemfehlern.
Ein ungleich größeres betriebs- und volkswirtschaftliches Problem sind sinnbefreite Beschäftigungen, die ich gar nicht so sinnlos beschrieben kann, wie sie sind und sich anfühlen. Ein Beispiel aus jüngster Zeit aus meinem Arbeitsleben: Im Krankenhaus gibt es unzählige Gefahrenstoffe. Sauerstoff, ätzende Mittel und so weiter, an denen sich Menschen verletzen können oder bei unsachgemäßer Handhabung auch Brände oder gar Explosionen entstehen könnten. Dass gefährliche Stoffe nicht in beliebiger Menge auf Stationen gebunkert werden dürfen, sehe ich absolut ein. Was weder ich noch sonst jemand, den ich kenne, versteht: Dass die Warenerfassung nur ein einziges Mal im Jahr stattfinden muss. Nehmen wir an, auf Ihrer Station dürfen nur zehn Sauerstoffflaschen sein. Heute zählen Sie nach - es sind 9, jippy, alles richtig gemacht. Zwei Tage darauf sind es 26 Flaschen. Weil die niemand mehr zählen und schon gar nicht melden muss, hat das überhaupt keine Konsequenzen. Gar keine. Null. Nada. Also ist es auch vollkommen egal, dass Sie zwei Tage vorher sogar weniger als die erlaubten hatten. Warum zählen wir sie dann überhaupt? Nun denken Sie bloß nicht, dass nur offensichtlich gefährliche Stoffe erfasst werden müssen - wäre ja viel zu einfach. Es muss auch dokumentiert sein, wie viele Handseifen vorhanden sind und - kein Witz - auch, in welcher Form. Handelt es sich um Flüssigseife? Oder um Kernseife? Oder sind es Überreste von Heisenbergs Crystal Meth? An dieser Quatschaufgabe sind Pflegekräfte, Hygienebeauftragte, Verwaltungs- und Führungskräfte und Aufsichtsbehörden beteiligt. Und das dauert wochenlang, weil jede noch so kleine Flasche genau erfasst werden muss.
Das ist keine Arbeit. Das ist Beschäftigung. Von Beschäftigung haben wir sehr viel - wir könnten selbst 30 Tage in der gesamten Gesellschaft krank sein und trotzdem produktiver, wenn wir solche Aufgaben, die reinige Beschäftigungsmaßnahmen sind, durch produktive Arbeiten ersetzen würden. Mehr Beispiele gefällig? Wenn Sie als Patient in einem Krankenhaus aufgenommen werden, wird sowohl eine digitale als auch eine analoge Patientenakte für Sie angelegt. Sämtliche Behandlungen, Befunde und Dokumentationen werden digital im Patientenmanagementsystem eingepflegt. Nun glauben Sie bloß nicht, dass das ausreicht. Alle(!) Befunde, Briefe und sonstige Unterlagen, die in dieser Software gespeichert sind, werden spätestens nach Ihrer Entlassung ausgedruckt, in Ihre Papierakte gelegt, dann eingescannt und weggeworfen. Ich krieg' schon beim Schreiben ein Burnout.
Die Frage nach dem Warum kann ich sogar rational beantworten: Weil die Software, die für das Patientenmanagement genutzt wird, in der Regel kein zertifiziertes Medizinprodukt und damit deutlich günstiger in der Anschaffung ist. Weil die Zertifizierung fehlt, werden die digital vorhandenen Untersuchungsdaten jedoch so behandelt, als seien sie nie vollzogen worden. Das Krankenhaus könnte also nachweisen, dass Sie da waren, wenn aber wieder einmal die Behandlungsnotwendigkeit angezweifelt wird und nichts in Papierform vorhanden ist, heißt es, das Klinikum hätte mit Ihnen nichts gemacht und dementsprechend keine abrechenbaren Leistungen generiert. Irrsinn, oder? Und nun stellen Sie sich vor, Sie haben sechs, sieben oder mehr Jahre studiert und sich ausbilden lassen, um am Ende einen erheblichen Teil ihres Lebens damit zuzubringen, digitale Unterlagen auszudrucken, einzuscannen, in dasselbe digitale System einzupflegen und dann wegzuwerfen. Wie sollen Sie da nicht krank werden? Falls Sie sich fragen, warum die eingescannten Dokumente problemlos in demselben Managementsystem abgespeichert werden dürfen: Weil der Scan das Vorhandensein in Papierform beweist und die Papierform die Abrechnungsgrundlage bildet.
Das hört damit aber ja nicht auf. Kennen Sie Compliance? Eine super Sache - schafft noch mehr Beschäftigung. Unternehmen (und zwar ganz gleich, ob im Gesundheitswesen oder woanders) erfinden Regelungen, an die sich dann mit ihnen zusammenarbeitende Unternehmen halten müssen. Auch das hat in meiner Branche echte Folgen. Wenn wir eine Fortbildungsveranstaltung mit Sponsoren organisieren, dann bringt jeder Sponsor eigene Regeln mit, an die wir uns halten wollen müssen. Das kann alles beinhalten: Ethische Regelungen, die definieren, wie wir miteinander umgehen sollen, Transparenzregelungen bis hin zu Ausweiskontrollen von Vertretern, wenn diese bei den genannten Veranstaltungen einen Stand aufstellen möchten. Weil das immer anders ist, gibt es keinen Standard. Firma A möchte Identitätskontrollen, Firma B nicht. Firma B möchte aber gerne, dass auf den Flyern gegendert wird, Firma C möchte das auf keinen Fall, hätte aber gerne ein Bild von Honecker auf den Flyern, weil der noch immer Ehrenvorsitzender im Vorstand ist. Das ist nur Schwachsinn, der nichts, aber auch wirklich überhaupt nichts bringt - und zwar niemandem. Ich weiß aber aus eigener Erfahrung, dass es Menschen gibt, die unglaublich viel Bock haben, mit ihren eigenen erfundenen Regelungen anderen Menschen auf die Nerven zu gehen, die von den Geldern, die sie für die Befolgung ebendieser erhalten, abhängig sind. Nur deshalb wird das gemacht. Produktiv und sinnvoll ist das zu keinem einzigen Zeitpunkt - und: auch das ist etwas, das frustriert und krank machen kann, eben weil es völlig beliebig und sinnbefreit ist.
Einen großen Stellenwert im Beschäftigungsbingo hat auch das Beschwerdemanagement. Heutzutage beschwert sich jeder über alles - besonders in der Gesundheitsbranche, weil die Krankenkassenkarte als Zugangberechtigung zu einem All You Can Eat-Buffet verstanden wird. Wenn also Luise am Samstag um 3:00 Uhr nachts beschließt, mit ihren seit drei Wochen bestehenden Fußschmerzen in die Notaufnahme zu gehen, dann muss sie natürlich auch sofort behandelt werden. ,,Es kann nicht sein", wird sie später in den Google-Bewertungen schreiben, ,,dass ich da über 8 Stunden warten muss!" Und dann, wird sie sich weiter echauffieren, wird sie von dem Arzt, der gerade einmal 23 Stunden gearbeitet hat und doch dementsprechend frisch und motiviert sein muss, in zwei Minuten abgewimmelt. Unglaublich! Weil die Compliance (da haben wir den Scheiß wieder) des Hauses es so vorsieht, muss auf diesen geistigen Durchfall seriös geantwortet werden. Sie möge sich doch gerne an das Beschwerdemanagement wenden, dann würde Ihr Fall geprüft werden. Luise macht das auch, denn Luise ist auf zack und lässt sich nix gefallen, immerhin zahlt sie für den Service. Ihren eingewachsenen Zehnagel beschreibt sie dann in aller Ausführlichkeit, was dann die Sachbearbeiter dazu veranlasst, mit den betroffenen Ärzten und Pflegekräften Rücksprache zu halten. Selbstverständlich bekommt Luise dann eine ausufernde Entschuldigungsmail mit dem Versprechen, dass ein solches Verhalten nicht wieder vorkommen werde, weil es den Qualitätsansprüchen des Hauses nicht entspräche. Hat das Konsequenzen? Natürlich nicht. Wenn sie mit ihrem Problemchen wieder in der Notaufnahme vorstellig wird, wird sie genauso lange warten und genauso schnell abgefertigt werden, weil sie da mit ihrem Wehwehchen einfach nichts verloren hat. Verloren haben Sachbearbeiter, Ärzte und Pflegekräfte nur ihre Arbeitszeit, die sie wieder mit Blödsinn füllen mussten.
Luise mag nicht der hellste Stern im Universum sein, allerdings ist sie ein Produkt eines systematischen Problems, das nicht nur das Fuß-Aua betrifft. Die abnehmende Anzahl an niedergelassenen Haus- und Fachärzten und die Schwierigkeiten bei der Terminvergabe führt dazu, dass Krankenhäuser häufiger aufgesucht werden als notwendig wäre. Dort ist ja immer ein Arzt zu finden. Das Problem ist bekannt, wird aber politisch gar nicht angegangen. Durch die Anwerbung ausländischer Fachkräfte sollte es behoben werden - die Realität ist aber, dass sich Deutschland mit der Anerkennung ausländischer Ausbildungen und Studiengänge schwer tut. Wir haben uns aber auch dafür ein dummes Verfahren ausgedacht: Ein Arzt, der außerhalb der Europäischen Union zu uns kommt, darf über einen befristeten Zeitraum praktizieren. Danach nicht mehr; dann muss er seine Approbation mühsam durchboxen und alle möglichen Nachweise über seine Kenntnisse und Fähigkeiten liefern. Mit anderen Worten: Er ist über einen Zeitraum von 1-2 Jahren keine Gefahr für die Menschheit und darf seine ärztliche Tätigkeit ausüben, mit Ablauf der Frist ist er plötzlich gefährlich und muss nachweisen, dass er es doch nicht ist. Was soll das?
Das sind nur ein paar wenige krankmachende Beispiele aus dem Gesundheitssystem. Ich bin optimistisch, dass alle Sektoren unseres Arbeitsmarktes ähnlich sinnfreie Beschäftigungen beinhalten und vor allem dadurch zur Mitarbeiterüberlastung führen. Wir haben keine Vorstellung davon, welchen volkswirtschaftlichen Schaden unsere eigenen Regelungen, unsere ineffizienten Prozesse, unsere Anspruchshaltung und unsere Ziellosigkeit anrichten. Der von Friedrich Merz angeprangerte Krankenstand von durchschnittlich ca. 15 Arbeitstagen pro Jahr ist das allerkleinste Problem unserer Gesellschaft und unseres Arbeitsmarktes. Im Angesicht all des beschrieben Unsinns - und, wie gesagt, das ist nur ein Bruchteil davon - können wir alle froh sein, dass es nur drei Wochen sind, die Beschäftigte in der Regel fehlen.
28.01.26
©Daniel Nuber
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