Die Erosion des Jan Böhmermann
Das ZDF Magazin Royale war ein Auslaufmodell, unehrlich in seiner Grundkonstitution. Der Erfolg rechtfertigte lange genug, trotz aller Widersprüche, Fehler und unwürdiger Aktionen mit dem Format durchzuziehen. Jetzt kann offenbar nicht einmal mehr das ZDF seinen Moderator Jan Böhmermann aufrechterhalten.
Von Bent Erik Scholz
Von Bent Erik Scholz
Als Böhmermanns Satire-Show bei ZDFneo begann, wirkte sie mehr wie eine Art kabarettistischeres TV Total, mit dem es dem Öffentlich-Rechtlichen erstmals gelang, auch in den ,,neuen Medien" eine gewisse Kraft zu etablieren. Jan Böhmermann erschien hierbei wie die cleanere Ein-Personen-Variante von Joko und Klaas, eine Version dieses Konzepts, die man seiner Mutter vorstellen konnte.
Mit dem Varoufake und den eingeschleusten Kandidaten bei ,,Schwiegertochter gesucht" gelangen der Neo-Magazin-Redaktion dann zwei Coups. Ersteres ein reichlich ausgeschlachteter, doch im Kern harmloser Pennälerspaß, letzteres zwar mit viel Fanfaren und Tamtam, doch insgesamt wenig erkenntnisreich. Was Böhmermann und sein Team über die Kuppelshow von Vera Int-Veen zu berichten wussten, war nichts Neues: das deutsche Privatfernsehen nutzt für das Vollstopfen seines Nachmittagsprogramms die billigstmöglichen Arbeitskräfte - arme prekäre Seelen, meist finanziell schlecht aufgestellt und nicht selten geistig eingeschränkt - um sie sozial richtiggehend zu vernichten. Für jeden, der den Namen ,,Holger Kreymeier" kennt, war das 2016 schon längst keine neue Erkenntnis mehr.
Kurz davor: die Schmähgedicht-Affäre rund um Böhmermanns despektierlichen und vulgären Reime über den türkischen Staatspräsidenten im März 2016. Sie markiert womöglich den Wendepunkt: plötzlich hatte diese Spaßsendung, die das Tagesgeschehen aufs Korn nahm, ohne es dabei allzu ernst zu nehmen, derart akute politische Brisanz, dass sogar bilaterale Beziehungen auf dem Spiel standen und sich sogar Gesetze änderten. Und das Schmähgedicht zeigt auch, wie sich der Zeitgeist in den letzten zehn Jahren geändert hat: nicht wenige der groben Zoten in Böhmermanns Text greifen gängige rassistische Klischees über Türken auf. Selbstverständlich steht Jan Böhmermann nicht unmittelbar unter Verdacht, Sympathien mit Rassisten zu hegen - auch wenn er sich erstaunlich häufig und gelegentlich ohne erkennbaren Zusammenhang mit dem Thema der Sendung als Adolf Hitler verkleidete, samt unzensierter Hakenkreuzbinde. Würde jemand einen Text wie das ,,Schmähgedicht" jedoch im Jahr 2026 öffentlich vortragen, würde jemand wie Böhmermann ihn womöglich als Nazi beschimpfen.
Denn Jan Böhmermann hat einen merkwürdigen Drall hin zu dieser Vokabel - das Wort, die Bezeichnung ,,Nazi", fiel spätestens seit Böhmermanns Wechsel zum großen ZDF in beachtlicher Frequenz. Mal traf sie pauschal alle AfD-Wähler, mal den liberal-konservativen Chef der Polizeigewerkschaft, mal die CDU, ganz pauschal. Über die Frage, inwieweit es einer gemeinsamen, gesamtgesellschaftlichen Debatte förderlich ist, potenziell kontroversen Figuren das Prädikat totaler Unannehmbarkeit überzustülpen, lässt sich trefflich streiten. Eine andere Frage ist, ob eine derart konkrete und berechtigterweise massive Zuschreibung nicht gerade durch ihr Überstrapazieren an Wirkung verliert.
Was jedoch zunehmend deutlich wurde: Böhmermann geschahen Schnitzer, Kerben in der eigenen Reputation. Das Offenlegen der privaten Identitäten rechter Blogger wie Clownswelt wirkte am Ende nicht mehr wie ein journalistischer Coup, sondern wie ein Einschüchterungsversuch nach dem Motto ,,Schiri, ich weiß, wo dein Auto steht". Wer sich solcher Mittel bedient, öffnet eine fatale Tür, weil es in einer Auseinandersetzung über Inhalte den Rückgriff auf die privaten Details des Gegenübers legitimiert. Gerade angesichts der Tatsache, wie strikt Böhmermann sein eigenes Privatleben aus der Öffentlichkeit hält, wirkt die Art, wie er, gestützt von mehreren versierten Journalisten, einen Einzelnen aus der Schutzzone der Anonymität zerrte, fast schon mafiös. Auch dann, wenn man das, was dieser Einzelne verlautbart, ablehnt, kommt man nicht umhin, diesen Eingriff als überzogene Machtdemonstration zu verstehen. Böhmermann sendet für ein Millionenpublikum, und dieses stattet er mit Informationen über das Privatleben einer Person aus, die er im gleichen Atemzug als unliebsam deklariert. Das ist gleichsam riskant, übergriffig und alles andere als die viel zitierte Floskel, laut der Satire ,,nach oben treten" müsse.
Hierin liegt die Unehrlichkeit des Formats: der Ebenenwechsel nach Belieben. Mal geriert man sich als modernes investigatives Enthüllungsmagazin, mal zieht man sich auf die bequeme Position zurück, lediglich Satire zu sein. Doch die Arbeit der ZDF Magazin Royale-Redaktion legt es darauf an, Beben im Diskurs auszulösen, Dinge ans Licht zu holen, zu entlarven. Die Beispiele dafür sind zahlreich. Dabei unterlaufen jedoch Fehler. Sei es in der ,,Recherche" zum Fall Fynn Kliemann, seien es die angeblichen Offenlegungen über Arne Schönbohm, die nun in Teilen vom OLG München verboten wurden. Hier hatte fehlerhafte Berichterstattung durch das ZDF Magazin Royale reale Konsequenzen - für die betroffenen Personen, nicht für die Showmacher, die die Verantwortung an sich abperlen ließen, man mache schließlich Unterhaltung.
Dass man es auf die politische Brisanz anlegt, zeigt die Causa Julian Hessenthaler. Der österreichische Privatdetektiv, der das Ibiza-Video produzierte, suchte zum Schutz vor größeren Repressalien Rückhalt bei größeren Medienhäusern, die ihn bei der Veröffentlichung unterstützen sollten. Schließlich saß er da auf hochbrisantem Material: ein Vizekanzler, der in Anwesenheit einer angeblichen Oligarchentochter laut über den Kauf der größten Tageszeitung seines Landes nachdachte - heimlich in Bild und Ton festgehalten. Ein Dokument, das Regierungen implodieren lassen konnte. Entsprechend erpicht war Hessenthaler darauf, durch eine Zusammenarbeit mit renommierten Medien vom Quellenschutz zu profitieren. Er bot auch Böhmermann und seiner Redaktion das Ibiza-Video an. Jan Böhmermann beraumte ein Treffen mit Julian Hessenthaler an - um sein Angebot abzulehnen. Böhmermann war nun also Mitwisser einer der größten österreichischen Regierungsaffären der Gegenwart. Er gab, laut Hessenthaler, eine Vertraulichkeitsgarantie ab.
Wie also ging Böhmermann mit dieser hochbrisanten Info, die man ihm in die Hand gelegt hatte, um? Bei einer voraufgezeichneten Laudatio während der Romy-Gala 2019 plapperte er ohne jegliche Absprache Details aus dem Ibiza-Video aus. Dies führte nicht nur zu einer beschleunigten Veröffentlichung der zu dem Zeitpunkt fast zwei Jahre alten Aufnahmen, sondern auch zu der Vermutung, Böhmermann selbst sei in die Produktion des Videos involviert gewesen. Er hatte sich erfolgreich mit fremden Federn geschmückt, nachdem er dem eigentlichen Urheber einen Deal ausgeschlagen hatte, wurde dadurch kurzzeitig zum unverdienten Träger von Lorbeeren, für die er jegliche Gegenleistung verweigerte. Julian Hessenthaler indessen gab an, dass durch die nicht abgesprochenen, vorzeitigen Anspielungen von Böhmermann auf den Skandal die Situation derart eskalierte, dass er aus Österreich floh. Correctiv sah in Böhmermanns Alleingang einen Verstoß gegen den Pressekodex.
Auch aus reiner Zuschauerperspektive muss man konstatieren: irgendetwas hat sich verändert seit Böhmermanns Wechsel ins Hauptprogramm. Der Protagonist wirkte oft deutlich weniger lässig, immer häufiger bekam sein Vortrag etwas Atemloses, fast schon Fahriges. Die kulturelle Relevanz, die die Sendung noch im ZDFneo-Programm hatte, wich einer sich zunehmend festfahrenden Routine. Das spiegelte sich auch in den Quoten wider - punktuell immer noch sehr erfolgreich, fuhr das ZDF Magazin Royale 2026 jedoch auch einige Negativrekorde ein. Die lineare Zuschauerschaft schien immerzu stark von der Performance der davor laufenden Heute-Show abzuhängen.
Das Image des Moderators bekam Kratzer. Was viele Zuschauer als linke Selbstgerechtigkeit verstanden, biss sich zunehmend mit eher lauen Aktionen wie dem Format ,,Böhmi brutzelt", in dem der sonst so auf Klimagerechtigkeit pochende Host sich mit der Aussage hervortat, jedes Tier auf dem Planeten mindestens einmal essen zu wollen. Zunehmend lockte die Sendung nur noch die eigene Bubble hinterm Ofen vor, und Jan Böhmermann wurde zum Lieblingsprediger der Bekehrten, dessen Worte außerhalb dieses Kreises in Windeseile verhallten. Beiträge wie die Doctolib-Recherche versackten in der breiten Öffentlichkeit.
Schlagzeilen machten stattdessen Böhmermanns Tiraden gegen die Biologin Marie-Louise Vollbrecht. Vollbrecht, eine junge Doktorandin aus Berlin, fernab jeglicher finanziellen oder medialen Durchschlagskraft, wurde allein für die biologisch unstrittige Position, die Biologie kenne nur zwei Geschlechter, vom männlichen Host als ,,Scheißhaufen" deklassiert. Böhmermann berief sich dabei auf einen Artikel aus der ,,Nature" über Geschlecht als Spektrum, doch seine Interpretation war von der Autorin des Beitrags schon lang zuvor ausgeräumt worden. Für Vollbrecht, zuvor nur mäßig bekannt auf den Plattformen, hatte der Eklat und anschließende Empörungswellen über ihre angeblich ,,genderfeindlichen" Inhalte erhebliche Konsequenzen.
Der Eindruck, dass Böhmermann mit zweierlei Maß misst, musste auch zwangsläufig entstehen, wenn man den Gerichtsprozess zwischen ihm und dem Imker Rico Heinzig beobachtete. Böhmermann bezichtigte den Imker des ,,Beewashings" für das Vergeben von Bienenpatenschaften an andere Unternehmen. Beim Zuschauer kommt hier nicht zu Unrecht die Frage auf: welche Bienenexpertise haben Böhmermann und seine Redaktion? Heinzig fragte sich wohl dasselbe, und nahm den Beitrag zum Anlass, eine ironische Werbung für seinen Honig mit Böhmermann, deklariert als ,,führender Bienen- und Käferexperte", zu produzieren. Böhmermann klagte dagegen - und verlor in zwei Instanzen. Peinlich.
Aufschlussreich ist das Selbstbild, welches sich daraus ergibt: man tritt mit größter Selbstverständlichkeit als moralisch erhabener Erklärer vor die Welt, fast schon der Mansplainer der Nation, wähnt sich unantastbar, wird aber immer offensichtlicher unsouverän. Er pauschalisiert, demonstriert bedrohliche Übermacht eben nicht gegen ,,die da oben", sondern gegen Menschen, die seiner Medienreichweite deutlich ausgelieferter sind, und klagt gegen Leute, die sich gleicher Stilmittel bedienen wie er selbst.
Und nun endet das ZDF Magazin Royale im Winter. Haben die zwar auf hohem Niveau bleibenden, aber doch stagnierenden Quoten und die zunehmend verklingende Relevanz schlichtweg nicht mehr als Argument genügt, um Böhmermann noch zu halten? Angeblich wollte das ZDF die Sendung schon letztes Jahr beenden. Die letzte Vertragsverlängerung mit Böhmermann um lediglich ein Jahr, die komplette, sang- und klanglose Absage der fürs nächste Jahr geplanten Tour, das alles klingt nicht unbedingt nach dem siegreichen Ende einer glorreichen Erfolgsgeschichte. Bemerkte man auch beim Sender, dass die Show sich totgelaufen hat?
Über eine weitere Zusammenarbeit mit Böhmermann spricht man in der Presseerklärung zum Aus der Sendung maximal vage: man sei in ,,guten Gesprächen" zu einem ,,möglichen neuen Showkonzept". Andererseits kündigt das ZDF keine ganze Woche später eine neue Satire-Sendung mit dem Titel ,,Journal Deluxe" an. Nach dem ,,Magazin Royale" also das ,,Journal Deluxe", nach Böhmermann nun also Florian Schroeder. Wem die Ähnlichkeit der Titel entgeht, dem entgeht auch die Abgrenzung des neuen ZDF-Moderators Schroeder im Ankündigungstext: ,,Es erwartet uns eine neue Satirefarbe, die es so bisher nicht gibt. Eine, die liberaler ist, eine die keine Scheuklappen aufsetzt, eine die neue Stimmen zu Wort kommen lässt und selbst eine neue Stimme ist."
Es klingt wie das Eingeständnis eines Senders, dass die Zeit eines selbstgefälligen Meinungshoheitsentertainments, das nur noch wenig mit Satire geschweige denn mit Journalismus zu tun hat, vorbei ist. Der Zeitgeist hat Böhmermann radikal hinter sich gelassen, er ist einer der ,,Menschen von gestern" geworden, über die er sich vor zwei Jahren in einem Gastbeitrag in der ZEIT ausgelassen hatte. Was nun aus Böhmermann wird? Seinen lukrativen Spotify-Deal für harmloses Geplänkel mit Olli Schulz hat er weiterhin. Wenn wir ihn nochmal im ZDF sehen, dann vielleicht an der Front einer vergnüglichen Spielshow. Vielleicht wäre es ihm sogar zu wünschen. An dem, wozu seine Show zuletzt geworden ist, hatte wohl niemand mehr - auch er nicht - so richtig Spaß.
25.09.26
*Bent-Erik Scholz arbeitet als freier Mitarbeiter für den RBB
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Mit dem Varoufake und den eingeschleusten Kandidaten bei ,,Schwiegertochter gesucht" gelangen der Neo-Magazin-Redaktion dann zwei Coups. Ersteres ein reichlich ausgeschlachteter, doch im Kern harmloser Pennälerspaß, letzteres zwar mit viel Fanfaren und Tamtam, doch insgesamt wenig erkenntnisreich. Was Böhmermann und sein Team über die Kuppelshow von Vera Int-Veen zu berichten wussten, war nichts Neues: das deutsche Privatfernsehen nutzt für das Vollstopfen seines Nachmittagsprogramms die billigstmöglichen Arbeitskräfte - arme prekäre Seelen, meist finanziell schlecht aufgestellt und nicht selten geistig eingeschränkt - um sie sozial richtiggehend zu vernichten. Für jeden, der den Namen ,,Holger Kreymeier" kennt, war das 2016 schon längst keine neue Erkenntnis mehr.
Kurz davor: die Schmähgedicht-Affäre rund um Böhmermanns despektierlichen und vulgären Reime über den türkischen Staatspräsidenten im März 2016. Sie markiert womöglich den Wendepunkt: plötzlich hatte diese Spaßsendung, die das Tagesgeschehen aufs Korn nahm, ohne es dabei allzu ernst zu nehmen, derart akute politische Brisanz, dass sogar bilaterale Beziehungen auf dem Spiel standen und sich sogar Gesetze änderten. Und das Schmähgedicht zeigt auch, wie sich der Zeitgeist in den letzten zehn Jahren geändert hat: nicht wenige der groben Zoten in Böhmermanns Text greifen gängige rassistische Klischees über Türken auf. Selbstverständlich steht Jan Böhmermann nicht unmittelbar unter Verdacht, Sympathien mit Rassisten zu hegen - auch wenn er sich erstaunlich häufig und gelegentlich ohne erkennbaren Zusammenhang mit dem Thema der Sendung als Adolf Hitler verkleidete, samt unzensierter Hakenkreuzbinde. Würde jemand einen Text wie das ,,Schmähgedicht" jedoch im Jahr 2026 öffentlich vortragen, würde jemand wie Böhmermann ihn womöglich als Nazi beschimpfen.
Denn Jan Böhmermann hat einen merkwürdigen Drall hin zu dieser Vokabel - das Wort, die Bezeichnung ,,Nazi", fiel spätestens seit Böhmermanns Wechsel zum großen ZDF in beachtlicher Frequenz. Mal traf sie pauschal alle AfD-Wähler, mal den liberal-konservativen Chef der Polizeigewerkschaft, mal die CDU, ganz pauschal. Über die Frage, inwieweit es einer gemeinsamen, gesamtgesellschaftlichen Debatte förderlich ist, potenziell kontroversen Figuren das Prädikat totaler Unannehmbarkeit überzustülpen, lässt sich trefflich streiten. Eine andere Frage ist, ob eine derart konkrete und berechtigterweise massive Zuschreibung nicht gerade durch ihr Überstrapazieren an Wirkung verliert.
Was jedoch zunehmend deutlich wurde: Böhmermann geschahen Schnitzer, Kerben in der eigenen Reputation. Das Offenlegen der privaten Identitäten rechter Blogger wie Clownswelt wirkte am Ende nicht mehr wie ein journalistischer Coup, sondern wie ein Einschüchterungsversuch nach dem Motto ,,Schiri, ich weiß, wo dein Auto steht". Wer sich solcher Mittel bedient, öffnet eine fatale Tür, weil es in einer Auseinandersetzung über Inhalte den Rückgriff auf die privaten Details des Gegenübers legitimiert. Gerade angesichts der Tatsache, wie strikt Böhmermann sein eigenes Privatleben aus der Öffentlichkeit hält, wirkt die Art, wie er, gestützt von mehreren versierten Journalisten, einen Einzelnen aus der Schutzzone der Anonymität zerrte, fast schon mafiös. Auch dann, wenn man das, was dieser Einzelne verlautbart, ablehnt, kommt man nicht umhin, diesen Eingriff als überzogene Machtdemonstration zu verstehen. Böhmermann sendet für ein Millionenpublikum, und dieses stattet er mit Informationen über das Privatleben einer Person aus, die er im gleichen Atemzug als unliebsam deklariert. Das ist gleichsam riskant, übergriffig und alles andere als die viel zitierte Floskel, laut der Satire ,,nach oben treten" müsse.
Hierin liegt die Unehrlichkeit des Formats: der Ebenenwechsel nach Belieben. Mal geriert man sich als modernes investigatives Enthüllungsmagazin, mal zieht man sich auf die bequeme Position zurück, lediglich Satire zu sein. Doch die Arbeit der ZDF Magazin Royale-Redaktion legt es darauf an, Beben im Diskurs auszulösen, Dinge ans Licht zu holen, zu entlarven. Die Beispiele dafür sind zahlreich. Dabei unterlaufen jedoch Fehler. Sei es in der ,,Recherche" zum Fall Fynn Kliemann, seien es die angeblichen Offenlegungen über Arne Schönbohm, die nun in Teilen vom OLG München verboten wurden. Hier hatte fehlerhafte Berichterstattung durch das ZDF Magazin Royale reale Konsequenzen - für die betroffenen Personen, nicht für die Showmacher, die die Verantwortung an sich abperlen ließen, man mache schließlich Unterhaltung.
Dass man es auf die politische Brisanz anlegt, zeigt die Causa Julian Hessenthaler. Der österreichische Privatdetektiv, der das Ibiza-Video produzierte, suchte zum Schutz vor größeren Repressalien Rückhalt bei größeren Medienhäusern, die ihn bei der Veröffentlichung unterstützen sollten. Schließlich saß er da auf hochbrisantem Material: ein Vizekanzler, der in Anwesenheit einer angeblichen Oligarchentochter laut über den Kauf der größten Tageszeitung seines Landes nachdachte - heimlich in Bild und Ton festgehalten. Ein Dokument, das Regierungen implodieren lassen konnte. Entsprechend erpicht war Hessenthaler darauf, durch eine Zusammenarbeit mit renommierten Medien vom Quellenschutz zu profitieren. Er bot auch Böhmermann und seiner Redaktion das Ibiza-Video an. Jan Böhmermann beraumte ein Treffen mit Julian Hessenthaler an - um sein Angebot abzulehnen. Böhmermann war nun also Mitwisser einer der größten österreichischen Regierungsaffären der Gegenwart. Er gab, laut Hessenthaler, eine Vertraulichkeitsgarantie ab.
Wie also ging Böhmermann mit dieser hochbrisanten Info, die man ihm in die Hand gelegt hatte, um? Bei einer voraufgezeichneten Laudatio während der Romy-Gala 2019 plapperte er ohne jegliche Absprache Details aus dem Ibiza-Video aus. Dies führte nicht nur zu einer beschleunigten Veröffentlichung der zu dem Zeitpunkt fast zwei Jahre alten Aufnahmen, sondern auch zu der Vermutung, Böhmermann selbst sei in die Produktion des Videos involviert gewesen. Er hatte sich erfolgreich mit fremden Federn geschmückt, nachdem er dem eigentlichen Urheber einen Deal ausgeschlagen hatte, wurde dadurch kurzzeitig zum unverdienten Träger von Lorbeeren, für die er jegliche Gegenleistung verweigerte. Julian Hessenthaler indessen gab an, dass durch die nicht abgesprochenen, vorzeitigen Anspielungen von Böhmermann auf den Skandal die Situation derart eskalierte, dass er aus Österreich floh. Correctiv sah in Böhmermanns Alleingang einen Verstoß gegen den Pressekodex.
Auch aus reiner Zuschauerperspektive muss man konstatieren: irgendetwas hat sich verändert seit Böhmermanns Wechsel ins Hauptprogramm. Der Protagonist wirkte oft deutlich weniger lässig, immer häufiger bekam sein Vortrag etwas Atemloses, fast schon Fahriges. Die kulturelle Relevanz, die die Sendung noch im ZDFneo-Programm hatte, wich einer sich zunehmend festfahrenden Routine. Das spiegelte sich auch in den Quoten wider - punktuell immer noch sehr erfolgreich, fuhr das ZDF Magazin Royale 2026 jedoch auch einige Negativrekorde ein. Die lineare Zuschauerschaft schien immerzu stark von der Performance der davor laufenden Heute-Show abzuhängen.
Das Image des Moderators bekam Kratzer. Was viele Zuschauer als linke Selbstgerechtigkeit verstanden, biss sich zunehmend mit eher lauen Aktionen wie dem Format ,,Böhmi brutzelt", in dem der sonst so auf Klimagerechtigkeit pochende Host sich mit der Aussage hervortat, jedes Tier auf dem Planeten mindestens einmal essen zu wollen. Zunehmend lockte die Sendung nur noch die eigene Bubble hinterm Ofen vor, und Jan Böhmermann wurde zum Lieblingsprediger der Bekehrten, dessen Worte außerhalb dieses Kreises in Windeseile verhallten. Beiträge wie die Doctolib-Recherche versackten in der breiten Öffentlichkeit.
Schlagzeilen machten stattdessen Böhmermanns Tiraden gegen die Biologin Marie-Louise Vollbrecht. Vollbrecht, eine junge Doktorandin aus Berlin, fernab jeglicher finanziellen oder medialen Durchschlagskraft, wurde allein für die biologisch unstrittige Position, die Biologie kenne nur zwei Geschlechter, vom männlichen Host als ,,Scheißhaufen" deklassiert. Böhmermann berief sich dabei auf einen Artikel aus der ,,Nature" über Geschlecht als Spektrum, doch seine Interpretation war von der Autorin des Beitrags schon lang zuvor ausgeräumt worden. Für Vollbrecht, zuvor nur mäßig bekannt auf den Plattformen, hatte der Eklat und anschließende Empörungswellen über ihre angeblich ,,genderfeindlichen" Inhalte erhebliche Konsequenzen.
Der Eindruck, dass Böhmermann mit zweierlei Maß misst, musste auch zwangsläufig entstehen, wenn man den Gerichtsprozess zwischen ihm und dem Imker Rico Heinzig beobachtete. Böhmermann bezichtigte den Imker des ,,Beewashings" für das Vergeben von Bienenpatenschaften an andere Unternehmen. Beim Zuschauer kommt hier nicht zu Unrecht die Frage auf: welche Bienenexpertise haben Böhmermann und seine Redaktion? Heinzig fragte sich wohl dasselbe, und nahm den Beitrag zum Anlass, eine ironische Werbung für seinen Honig mit Böhmermann, deklariert als ,,führender Bienen- und Käferexperte", zu produzieren. Böhmermann klagte dagegen - und verlor in zwei Instanzen. Peinlich.
Aufschlussreich ist das Selbstbild, welches sich daraus ergibt: man tritt mit größter Selbstverständlichkeit als moralisch erhabener Erklärer vor die Welt, fast schon der Mansplainer der Nation, wähnt sich unantastbar, wird aber immer offensichtlicher unsouverän. Er pauschalisiert, demonstriert bedrohliche Übermacht eben nicht gegen ,,die da oben", sondern gegen Menschen, die seiner Medienreichweite deutlich ausgelieferter sind, und klagt gegen Leute, die sich gleicher Stilmittel bedienen wie er selbst.
Und nun endet das ZDF Magazin Royale im Winter. Haben die zwar auf hohem Niveau bleibenden, aber doch stagnierenden Quoten und die zunehmend verklingende Relevanz schlichtweg nicht mehr als Argument genügt, um Böhmermann noch zu halten? Angeblich wollte das ZDF die Sendung schon letztes Jahr beenden. Die letzte Vertragsverlängerung mit Böhmermann um lediglich ein Jahr, die komplette, sang- und klanglose Absage der fürs nächste Jahr geplanten Tour, das alles klingt nicht unbedingt nach dem siegreichen Ende einer glorreichen Erfolgsgeschichte. Bemerkte man auch beim Sender, dass die Show sich totgelaufen hat?
Über eine weitere Zusammenarbeit mit Böhmermann spricht man in der Presseerklärung zum Aus der Sendung maximal vage: man sei in ,,guten Gesprächen" zu einem ,,möglichen neuen Showkonzept". Andererseits kündigt das ZDF keine ganze Woche später eine neue Satire-Sendung mit dem Titel ,,Journal Deluxe" an. Nach dem ,,Magazin Royale" also das ,,Journal Deluxe", nach Böhmermann nun also Florian Schroeder. Wem die Ähnlichkeit der Titel entgeht, dem entgeht auch die Abgrenzung des neuen ZDF-Moderators Schroeder im Ankündigungstext: ,,Es erwartet uns eine neue Satirefarbe, die es so bisher nicht gibt. Eine, die liberaler ist, eine die keine Scheuklappen aufsetzt, eine die neue Stimmen zu Wort kommen lässt und selbst eine neue Stimme ist."
Es klingt wie das Eingeständnis eines Senders, dass die Zeit eines selbstgefälligen Meinungshoheitsentertainments, das nur noch wenig mit Satire geschweige denn mit Journalismus zu tun hat, vorbei ist. Der Zeitgeist hat Böhmermann radikal hinter sich gelassen, er ist einer der ,,Menschen von gestern" geworden, über die er sich vor zwei Jahren in einem Gastbeitrag in der ZEIT ausgelassen hatte. Was nun aus Böhmermann wird? Seinen lukrativen Spotify-Deal für harmloses Geplänkel mit Olli Schulz hat er weiterhin. Wenn wir ihn nochmal im ZDF sehen, dann vielleicht an der Front einer vergnüglichen Spielshow. Vielleicht wäre es ihm sogar zu wünschen. An dem, wozu seine Show zuletzt geworden ist, hatte wohl niemand mehr - auch er nicht - so richtig Spaß.
25.09.26
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