Generation Tattoo

Generation Tattoo

In meiner Kindheit waren Tattoos entweder für Seemänner, Knastis oder indigene Völker. Punkt. Aber es hatte auch immer etwas Prolliges an sich, sich irgendwelche Muster stechen zu lassen, die nach außen zeigen sollten, welches Geburtsdatum einem wichtig war, welche Person man liebte oder welches Ereignis das eigene Leben geprägt hatte.

von Serdar Somuncu
Es hat jedenfalls keine große Rolle gespielt. Man hat es wahrgenommen, vielleicht kurz hingesehen, und damit war es auch schon erledigt.

Mittlerweile leben wir dagegen in einer Gesellschaft, in der gefühlt die Mehrheit der Menschen irgendwo am Körper eine Verunstaltung trägt, die nach außen demonstrieren soll, wie individuell man sich fühlt oder wie sehr man sich von anderen abgrenzt, die tattoolos durch die Gegend laufen.

Und dabei ist es eigentlich noch schlimmer als in meiner Kindheit. Denn ich finde es heute noch prolliger zu sehen, welche ästhetischen Standards Menschen an sich und ihre Umgebung anlegen. Mittlerweile ist es fast zu einer Pest geworden.

Es gab unterschiedliche Phasen dieser Tattoo-Manie. Angefangen bei den bekannten Arschgeweihen über chinesische Schriftzeichen, deren Bedeutung vermutlich die Hälfte ihrer Träger selbst nicht kennt, Tribals, Totenköpfe und Rosen bis hin zu großflächigen Kitschbildern von Propheten, Engeln und religiösen Vorbildern. Dazu Wölfe, Löwen, Schlangen, Spinnen, Skorpione, Uhren ohne Zeiger, Kompasse für Menschen, die offensichtlich trotzdem nicht wissen, wohin sie wollen, und Lebensweisheiten in Schreibschrift, die aussehen, als hätte ein schlecht gelaunter Grundschüler sie mit einem Edding auf die Haut geschrieben.

Und weil offenbar irgendwann selbst der letzte freie Quadratzentimeter auf Armen, Beinen und Rücken verbraucht war, ist mittlerweile auch das Gesicht dran. Früher galt ein Gesichtstattoo noch als ziemlich verlässlicher Hinweis darauf, dass man entweder einer sehr speziellen Subkultur angehörte oder bei der Lebensplanung irgendwann eine interessante Abzweigung genommen hatte. Heute ist es Lifestyle. Kleine Schriftzüge an der Schläfe, Symbole unter den Augen, Sterne, Kreuze, Zahlen, Tränen oder irgendwelche Zeichen, die aussehen, als hätte jemand während eines Stromausfalls mit einer Nähnadel weitergemacht.

Dazu kommen die obligatorischen Piercings. Wahlweise durch die Nase, die Augenbraue, die Lippe, die Zunge, den Bauchnabel oder die Brustwarzen. Manche Menschen sehen inzwischen aus, als hätten sie ihr Gesicht während eines Praktikums im Baumarkt versehentlich durch die Eisenwarenabteilung gezogen. Man weiß gar nicht mehr, ob man einer Person begegnet oder der Abschlussprüfung eines Domina-Studiums. Überall Metall, Ringe, Stäbe, Ketten und kleine Kugeln. Es fehlt eigentlich nur noch jemand, der danebensteht und fragt, ob man für die Folterbank bitte noch einen Termin vereinbaren möchte.

Geht man im Sommer durch eine deutsche Innenstadt, hat man inzwischen das Gefühl, einem Panoptikum von Geschmacklosigkeiten ausgesetzt zu sein und wird unfreiwillig zum Zeugen kreativer Selbstverstümmelung.

Und vielleicht liegt genau in diesem Wort mehr Wahrheit, als man zunächst denkt: Selbstverstümmelung.

Natürlich ist nicht jeder, der sich tätowieren lässt, psychisch auffällig, und es wäre albern, aus jeder Rose auf dem Unterarm eine Diagnose abzuleiten. Aber als kulturelles Phänomen hat die Sache durchaus etwas Autoaggressives. Man fügt sich freiwillig Schmerz zu, verletzt die Haut, lässt Nadeln wieder und wieder in den Körper eindringen und erklärt das Ergebnis anschließend zum Ausdruck der eigenen Persönlichkeit.

Der Schmerz gehört sogar dazu. Er wird mitbezahlt, mitausgehalten und hinterher oft mit einem gewissen Stolz erzählt. ,,Das hat acht Stunden gedauert." ,,Die Rippen waren die Hölle." ,,Am Hals war es brutal." Es klingt manchmal weniger wie ein Besuch beim Tätowierer als wie der Bericht über eine erfolgreich absolvierte Mutprobe.

Vielleicht ist genau das ein Teil der Faszination: Schmerz wird in Bedeutung verwandelt.

Aus einer Verletzung wird ein Symbol.

Aus einer Narbe wird ein Statement.

Aus dem eigenen Körper wird Material.

Und damit kommt ein zweites Element ins Spiel: Exhibitionismus.

Nicht im klinischen Sinne, sondern im alltäglichen. Die Lust daran, etwas von sich zu zeigen. Der Körper wird zur Ausstellungsfläche. Was früher privat war - Trauer, Liebe, Sexualität, Familiengeschichte, religiöse Überzeugung, Erinnerungen - wird nach außen getragen und sichtbar gemacht.

Das Innere bekommt eine Außenfassade.

Ich liebe meine Mutter - also ihr Geburtsdatum auf den Unterarm.

Ich habe eine schwere Zeit überstanden - also ein Phönix auf den Rücken.

Ich bin spirituell - also Buddha, Kreuz, Mandala oder Sanskrit.

Ich bin gefährlich - also Wolf, Tiger oder Totenkopf.

Ich bin frei - also Vögel, die aus einer Feder fliegen.

Die Psyche wird zum Clipart-Katalog.

Und hier trifft die Autoaggression auf den Exhibitionismus und beide begegnen schließlich dem Kitsch.

Denn Kitsch entsteht ja oft genau dort, wo große Gefühle in möglichst eindeutige Symbole gepresst werden. Liebe wird zum Herz. Freiheit wird zum Vogel. Stärke wird zum Löwen. Vergänglichkeit wird zur Sanduhr. Familie wird zum Baum. Tod wird zum Totenkopf.

Nichts bleibt mehrdeutig.

Nichts darf geheim bleiben.

Alles muss illustriert werden.

Das Interessante daran ist, dass sich diese Menschen häufig gerade als besonders individuell empfinden. Dabei benutzen sie einen Bilderschatz, der millionenfach reproduziert wird. Derselbe Wolf, derselbe Kompass, dieselbe Rose, dieselben römischen Zahlen, dieselben Flügel, dieselben Sinnsprüche.

Individualität aus dem Katalog.

Dabei ist natürlich das Erstaunlichste, dass fast jeder Tätowierte glaubt, ausgerechnet sein Tattoo sei etwas Besonderes.

,,Das hat eine ganz persönliche Bedeutung."

Natürlich.

Das Datum der Geburt der Kinder. Die Koordinaten von Ibiza. Der Pfotenabdruck des verstorbenen Hundes. ,,Carpe Diem". ,,Family". Eine Feder, aus der Vögel fliegen. Ein Wald vor einem Berg. Ein Löwe mit blauen Augen. Ein Anker.

Alles selbstverständlich vollkommen einzigartig.

Und genau darin steckt vielleicht das eigentliche Phänomen unserer Zeit. Die Individualität wird zur Konfektionsware.

Man geht zu jemandem, blättert durch Vorlagen, sucht sich ein Symbol aus einer weltweit verwendeten Bildsprache aus und lässt sich anschließend für mehrere hundert oder tausend Euro bescheinigen, dass man unverwechselbar ist.

Das erinnert ein wenig an Menschen, die sich denselben SUV kaufen wie alle anderen und anschließend einen Aufkleber mit ,,Individual" daraufkleben.

Früher war ein Tattoo zumindest ein Zeichen von Abgrenzung. Wer tätowiert war, signalisierte tatsächlich etwas. Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe, Rebellion, Außenseitertum, vielleicht auch Kriminalität oder ein Leben auf See. Man konnte das gut oder schlecht finden, aber es hatte einen sozialen Code.

Heute ist der soziale Code eher: Ich gehe ins Fitnessstudio, esse Avocado, habe einen Vollbart, trage Sneakers für 250 Euro und auf meinem Unterarm steht ,,Only God Can Judge Me".

Das Revolutionäre daran hält sich in Grenzen.

Die einstige Rebellion ist zum Lifestyleprodukt geworden.

Und das gilt mittlerweile nicht nur für Tattoos. Wir leben überhaupt in einer Epoche, in der Menschen permanent sichtbar machen müssen, wer sie angeblich sind. Kleidung, Körper, Instagram-Profile, politische Statements, Ernährungsformen, sexuelle Identitäten, Autos, Urlaubsorte - alles wird zum öffentlichen Schaufenster der eigenen Persönlichkeit.

Das Tattoo ist vielleicht nur die dauerhafteste Form davon.

Der Körper wird zur Litfaßsäule des Ichs.

Man trägt seine Erinnerungen nicht mehr im Kopf, sondern auf dem Unterarm. Seine Gefühle nicht mehr im Inneren, sondern über dem Schlüsselbein. Seine Lebensphilosophie nicht mehr im Handeln, sondern auf den Rippen.

Vielleicht ist genau das das Merkwürdige daran.

Denn wenn eine Erfahrung wirklich wichtig ist, warum muss sie dann sichtbar auf der Haut stehen?

Ich habe auch Menschen geliebt. Ich habe Menschen verloren. Ich habe Kinder bekommen, Freunde beerdigt, Städte bereist, Erfolge gefeiert, Niederlagen erlebt, gelitten, mich verändert und Dinge verstanden.

Trotzdem brauche ich dafür keinen Delfin auf der Wade.

Das heißt nicht, dass niemand Tattoos schön finden darf. Jeder kann mit seinem Körper machen, was er will. Er darf ihn piercen, bemalen, beschriften, aufblasen, absaugen oder meinetwegen mit dem kompletten Text des Grundgesetzes versehen.

Aber genauso darf man sich das Ergebnis anschauen und sagen: Das sieht beschissen aus.

Diese merkwürdige Vorstellung, jede körperliche Selbstdarstellung müsse automatisch respektiert, interessant oder ästhetisch wertvoll gefunden werden, gehört ohnehin zu den seltsameren Errungenschaften unserer Zeit.

Nein.

Geschmack bleibt Geschmack.

Und Hässlichkeit wird nicht dadurch schöner, dass sie eine Geschichte hat.

Vielleicht ist die Generation Tattoo deshalb am Ende gar nicht so rebellisch, wie sie glaubt. Vielleicht ist sie vielmehr eine Generation, die Schmerz, Selbstdarstellung und Kitsch miteinander versöhnt hat.

Man verletzt sich ein bisschen.

Man zeigt sich sehr viel.

Und man nennt das Ganze Persönlichkeit.

Vielleicht wird also irgendwann genau das passieren, was bei jeder Mode passiert. Die Generation Tattoo wird älter. Die Löwen werden faltig. Die chinesischen Schriftzeichen wandern langsam Richtung Knie. Aus dem majestätischen Adler wird irgendwann ein schlecht gelauntes Huhn und der tätowierte Satz ,,Forever Young" bekommt mit 78 eine ganz neue Komik.

Und vielleicht sitzen dann irgendwo ein paar zwanzigjährige Menschen vollkommen unbemalt in einem Café.

Keine Tattoos. Keine Piercings. Keine Schriftzüge.

Einfach Haut.

Und ihre Eltern werden sie entsetzt fragen:

,,Willst du denn gar nichts aus dir machen?"

Und die Kinder werden antworten:

,,Doch. Deshalb lasse ich es so."

Vielleicht wäre das dann die letzte mögliche Form der Rebellion:

einfach nichts auf sich draufzumalen.


16.09.26
©Serdar Somuncu
Das neue Buch - Lügen -Kulturgeschichte einer menschlichen Schwäche"
*Serdar Somuncu ist Schauspieler und Regisseur

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