Macklemore & Ed Sheeran

Macklemore & Ed Sheeran

Der Mann, der aus der Ed Sheeran Tour gestrichen wurde und nun eine breite Solidaritätswelle unter Künstlerinnen und Künstlern erfährt, verkleidete sich 2014 während eines Konzerts in Seattle als Karikatur eines religiösen Juden mit langer Hakennase und zeigte den Hitlergruß.

von Jonas Schnabel
Man stelle sich einmal vor, ein Künstler würde als Mohammed Karikatur auftreten oder sich schwarz anmalen und Muslime oder People of Color imitieren. Wie sähen die berechtigten Reaktionen aus? Es gäbe Proteste, Boykottaufrufe, Demonstrationen, Strafanzeigen und vielleicht sogar Krawalle. Der Künstler würde selbstverständlich gecancelt werden und jeder, der ihn verteidigt, glücklicherweise ebenso.

Für Juden gilt wieder einmal etwas anderes.

Er habe ja nur ,,Free Palestine" gerufen und setze sich damit für ,,die Schwachen" ein. Vorgeschichte gibt es nicht, kein Wort. Der Superstar Ed Sheeran, der es ihm ermöglichte, in ausverkauften Arenen aufzutreten, ist nun zum Bösen erklärt, und was nicht fehlen darf: Robert Kraft, einer der Tour-Stadion-Eigentümer, der sich seit vielen Jahren gegen Antisemitismus einsetzt, zum heimlichen, reichen jüdischen Strippenzieher. Die Kommunikation dieser Erklärungen erfolgt in einer Selbstverständlichkeit. In dieser Welt gibt es kein Tabu mehr, diese Selbstverständlichkeit ist die neue Normalität.

Ob Tagesschau, das Heute Journal oder natürlich die TAZ: Berichte über 2014 oder die mehrfach geäußerten macklemoreschen Vernichtungsphantasien gegenüber dem Staat Israel: Fehlanzeige. Stattdessen selektives Auslassen von Fakten, Kreation einer eigenen Wirklichkeit.

In was für einer Welt leben wir, in der Jüdinnen und Juden nachweisen müssen, dass es sich bei einem Künstler, der sich mit langer Hakennase als Jude darstellt und den Hitlergruß zeigt, um einen verdammten Antisemiten handelt? In was für einer Welt leben wir, in der Nichtjuden sogar hierzu nicht nur schweigen, sondern sich teilweise explizit mit dem Täter solidarisieren? Es wird wieder verharmlost und relativiert, an einer Stelle, an der man gegenüber anderen bedrohten Minderheiten niemals verharmlosen oder relativieren würde.

Das alles einmal ganz unabhängig von der Frage, ob Künstlerinnen und Künstler sich grundsätzlich ständig das Recht herausnehmen sollten, sich zu politischen Experten aufzuschwingen und somit ihre Prominenz mit Kompetenz zu verwechseln.

Und was heißt eigentlich dieses ,,Free Palestine", hinter dem sich alle verstecken und moralisch auf der richtigen Seite wähnen?

Was kommt danach?
Wer regiert in Palästina?
Wo genau verlaufen die Grenzen?
Wird die palästinensische Seite den Staat Israel erstmals grundsätzlich anerkennen?
Und was wenn nicht? Was passiert mit den 7,5 Millionen Jüdinnen und Juden? ,,Back to Poland" um nicht von der Hamas und anderen Terrorgruppen abgeschlachtet zu werden?
Schafft die ,,gemäßigte" Fatah unter Holocaustleugner Mahmut Abbas das ,,Pay-for-Slay-Prinzip" ab?

Was ist mit den aus der gesamten arabischen Welt vertriebenen Jüdinnen und Juden? Wird ihnen bei der Rückkehr der rote Teppich ausgerollt? Refugees welcome in Bagdad?

Wollen die 2,3 Millionen israelischen Musliminnen und Muslime, Ärztinnen, Rechtsanwältinnen, Erzieherinnen, Universitätsprofessorinnen, Politikerinnen, Journalistinnen und viele andere, die gemäß der israelischen Verfassung im ,,Apartheidsstaat" dieselben Rechte wie Jüdinnen und Juden haben, wirklich lieber unter einem radikalen Islamistenregime leben, das alles und jeden vernichten möchte, was nicht ins eigene mittelalterliche Weltbild passt?

Das sind natürlich viel zu weitreichende Fragen für Menschen, die nicht einmal bereit sind, einen Antisemiten für eine Hakennase samt Hitlergruß zu verurteilen, sondern lieber denjenigen boykottieren möchten, der ihn aus seiner Tour ausschließt. Und das, wohlgemerkt, auf eine kritikwürdig diplomatische Weise. Wieso durfte er überhaupt jemals mit seiner Band als Vorgruppe auftreten?

Während es jedenfalls Mode geworden ist, für ein ,,Free Palestine" einzustehen, ohne zu wissen, was danach kommt, scheint es weniger wichtig zu sein, sich für hungernde Kinder und verfolgte Zivilisten im Jemen, im Sudan oder für echte Feministinnen im Iran, nicht Gratismutige in Deutschland, die im Kampf gegen das mörderische Mullah-Regime ihr Leben riskieren, einzusetzen. No Jews, No News. Bei den allermeisten, so scheint es, geht es längst nicht um das tatsächliche Leid der Menschen, sondern um die eigene Bühne, den eigenen Applaus und die Aufmerksamkeit, die sich daraus ziehen lässt.

Ginge es ihnen wirklich um das reale Leid der Menschen in Gaza, dann würden sie mindestens auch die Massenexekutionen unschuldiger Palästinenser durch die Hamas erwähnen.

Eines Tages werden wir unseren Enkelkindern vielleicht davon erzählen, dass es, wie schon in der NS-Zeit, Teile der Kunst- und Kulturwelt waren, die bis auf wenige Ausnahmen den Judenhass ihrer Zeit verharmlosten, tolerierten oder sogar verteidigten und sich dabei zugleich moralisch überlegen fühlten.

Wo auch immer wir dann leben werden: Der Exodus französischer Jüdinnen und Juden, über den ebenfalls niemand berichtet, hat bereits begonnen, und in Deutschlands Hauptstadt regieren bald linke Antisemiten, nachdem in Sachsen-Anhalt die Nachkommen der Nationalsozialisten an der absoluten Mehrheit kratzten. ,,Gute Aussichten" für die Enkelkindergeneration der wenigen Holocaustüberlebenden, die sich bis zum 7.10.2023 in Deutschland zu Hause fühlten, anstatt auf die warnenden Worte ihrer Großeltern zu hören.


18.09.26
©Jonas Schnabel
Jonas Schnabel ist Enkel von Überlebenden der Konzentrationslager Auschwitz und Bergen-Belsen. Er ist Mitglied der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und verfasste als freier Autor Meinungsbeiträge für die Jüdische Allgemeine und die taz.

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