Mein Problem mit deutschem Fußball

Mein Problem mit deutschem Fußball

Ich habe ein schwieriges Verhältnis zum deutschen Fußball. Nicht zum Spiel selbst. Nicht zu den Spielern. Und auch nicht zu den Menschen, die sich freuen, wenn die Nationalmannschaft gewinnt. Im Gegenteil: Ich verstehe sehr gut, warum Menschen sich von solchen Ereignissen mitreißen lassen. Fußball schafft etwas, das in unserer zunehmend fragmentierten Gesellschaft selten geworden ist: ein Gemeinschaftsgefühl. Für einen Moment scheint es keine Unterschiede mehr zu geben. Menschen stehen nebeneinander, die sich sonst nie begegnen würden. Sie feiern gemeinsam, leiden gemeinsam und erleben etwas, das größer ist als ihr Alltag.

von Serdar Somuncu
Daran ist zunächst nichts auszusetzen.

Mein Unbehagen beginnt erst später. Es beginnt an dem Punkt, an dem aus Freude Identität wird. Wenn aus Begeisterung für eine Mannschaft plötzlich Begeisterung für die Nation wird. Wenn aus dem Wunsch, gemeinsam einen sportlichen Erfolg zu feiern, das Bedürfnis entsteht, sich über nationale Symbole, nationale Zugehörigkeit und nationale Größe zu definieren.

Vielleicht bin ich deshalb nie warm geworden mit dem, was bis heute als das große deutsche Sommermärchen verklärt wird. Die Weltmeisterschaft 2006 gilt vielen als jener Moment, in dem Deutschland endlich ein entspanntes Verhältnis zu sich selbst gefunden habe. Überall Fahnen, überall Euphorie, überall Menschen, die sich plötzlich trauten, Schwarz-Rot-Gold zu zeigen, ohne dabei gleich in den Verdacht zu geraten, Nationalisten zu sein.

Das ist die Erzählung, die bis heute gepflegt wird.

Ich erinnere mich allerdings noch an etwas anderes. Ich erinnere mich daran, dass zur gleichen Zeit ein anderer Teil Deutschlands sichtbar wurde. Im April 2006 wurde der Deutsch-Äthiopier Ermyas Mulugeta in Potsdam brutal zusammengeschlagen und lebensgefährlich verletzt. Der Fall sorgte bundesweit für Entsetzen. Plötzlich wurde öffentlich darüber gesprochen, ob es in Ostdeutschland Regionen gebe, in denen Menschen mit anderer Hautfarbe besser nicht allein unterwegs sein sollten. Selbst der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble räumte ein, dass es solche Orte gebe.

Während die Kameras auf Fanmeilen gerichtet waren und die Republik sich selbst feierte, wurde gleichzeitig über rassistische Gewalt, rechte Netzwerke und sogenannte No-Go-Areas diskutiert. Diese beiden Realitäten existierten nebeneinander. Nur über die eine wurde bis heute lieber gesprochen als über die andere.

Ich habe nie behauptet, dass Fußball rechte Gewalt verursacht. Das wäre absurd. Aber ich halte es ebenso für naiv zu glauben, dass nationale Euphorie politisch neutral sei. Gefühle sind niemals politisch neutral. Sie können es gar nicht sein. Sie werden aufgegriffen, verstärkt und instrumentalisiert. Wer Menschen für eine nationale Idee begeistern möchte, beginnt selten mit Parolen. Er beginnt mit Emotionen.

Genau deshalb beobachte ich solche Großereignisse mit Skepsis.

Besonders auffällig ist dabei die Rolle der Medien. Gerade Boulevardmedien verstehen es seit Jahrzehnten, aus sportlichen Wettbewerben nationale Kraftproben zu machen. Fußball wird dort selten als Sport dargestellt. Es geht um Ehre, Stolz, Revanche und nationale Bewährung. Aus Gegnern werden Rivalen, aus Rivalen werden Feindbilder.

Vor dem WM-Halbfinale gegen Italien 2006 konnte man das besonders gut beobachten. Damals wurde ernsthaft über einen angeblichen Spaghetti-Boykott diskutiert. Italienische Klischees wurden ausgeschlachtet, Witze über die angebliche Mentalität der Italiener machten die Runde und vieles davon wurde als harmloser Spaß verkauft. Vielleicht war manches davon tatsächlich harmlos gemeint. Aber die Frage ist nicht, wie etwas gemeint ist. Die Frage ist, welche Wirkung es entfaltet.

Dasselbe Muster findet sich bis heute immer wieder. Boulevardzeitungen leben von der Erzählung eines nationalen ,,Wir". Die berühmte Schlagzeile ,,Wir sind Papst!" nach der Wahl Joseph Ratzingers zum Papst war dafür ebenso bezeichnend wie viele Titelgeschichten rund um große Fußballturniere. Immer geht es darum, individuelle Ereignisse in kollektive Identität umzuwandeln. Aus einem Erfolg wird unser Erfolg. Aus einer Niederlage wird unsere Niederlage. Aus einem Sportereignis wird eine nationale Angelegenheit.

Nun könnte man sagen: Was ist daran schlimm?

Die Antwort liegt in den Entwicklungen, die wir seit Jahren beobachten.

Während die öffentliche Aufmerksamkeit immer wieder auf islamistischen Terrorismus gelenkt wird, als handle es sich um die größte Gefahr für die Demokratie, werden rechtsextreme Entwicklungen häufig relativiert. Natürlich ist islamistischer Terrorismus eine reale Bedrohung. Niemand, der bei Verstand ist, wird das bestreiten. Aber die Zahlen zeigen seit Jahren, dass rechtsextreme Straftaten in Deutschland ein wesentlich größeres und vor allem alltäglicheres Problem darstellen.

2024 wurden mehr als 84.000 politisch motivierte Straftaten registriert. Über 42.000 davon wurden dem rechten Spektrum zugerechnet. Damit wurde erneut ein Höchststand erreicht. Auch die Zahl rechtsextremer Gewalttaten stieg weiter an. Wer die Statistiken liest, kann kaum zu einem anderen Ergebnis kommen: Der Rechtsextremismus ist keine Randerscheinung. Er ist kein Problem einiger versprengter Extremisten. Er ist eine gesellschaftliche Realität, die seit Jahren wächst.

Trotzdem begegnet man immer wieder derselben Reaktion. Sobald von rechter Gewalt die Rede ist, folgt irgendein ,,Ja, aber". Ja, aber die Linken. Ja, aber die Migration. Ja, aber die sozialen Probleme. Man stelle sich vor, dieselben Relativierungen würden nach einem islamistischen Anschlag geäußert. Niemand würde das akzeptieren. Beim Rechtsextremismus scheint es dagegen zum festen Bestandteil der Debatte geworden zu sein.

Doch mein Problem mit dem Fußball endet nicht beim Nationalismus. Es betrifft auch die Vorstellung, dass Nationen im modernen Fußball überhaupt noch die zentrale Rolle spielen.

Die ganze Idee einer Weltmeisterschaft stammt aus einer Zeit, in der Fußballer tatsächlich Repräsentanten ihrer Länder waren. Heute spielen die besten Spieler der Welt Woche für Woche in internationalen Ligen. Ein französischer Nationalspieler spielt in England, ein deutscher in Spanien, ein Brasilianer in Italien. Die eigentliche Heimat des modernen Profifußballers ist längst nicht mehr die Nation, sondern der Verein, der ihn bezahlt.

Nationalmannschaften wirken deshalb häufig wie Zweckgemeinschaften auf Zeit. Viele Spieler reisen nach einer langen Saison an, absolvieren ein Turnier und kehren anschließend wieder in ihren eigentlichen Fußballalltag zurück. Das bedeutet nicht, dass ihnen ihr Herkunftsland egal wäre. Aber die romantische Vorstellung, hier würden elf Männer stellvertretend für die Seele einer Nation kämpfen, wirkt zunehmend wie ein Relikt aus einer anderen Epoche.

Vielleicht erklärt das auch, warum die traditionellen Fußballmächte immer größere Schwierigkeiten haben. Brasilien, Spanien, Frankreich, Deutschland oder Italien verfügen zwar weiterhin über die individuell stärkeren Spieler. Dennoch tun sie sich regelmäßig schwer gegen Mannschaften aus kleineren Ländern. Dort scheint das Spielen für die Nationalmannschaft oft noch einen höheren Stellenwert zu besitzen als bei den etablierten Fußballnationen.

Wer in den vergangenen Jahren Mannschaften wie Kroatien, Marokko, Georgien oder Island beobachtet hat, konnte diesen Unterschied spüren. Dort ging es häufig nicht nur um ein weiteres Turnier. Dort ging es um eine historische Chance, das eigene Land auf einer großen Bühne sichtbar zu machen.

Paradoxerweise zeigt sich gerade darin die Leere des modernen Nationalismus. Während Fans und Medien noch so tun, als würden Nationen gegeneinander antreten, besteht der Spitzenfußball längst aus einem globalisierten Netzwerk von Vereinen, Investoren, Sponsoren und Vermarktungsinteressen. Die Fahnen sind geblieben. Die Welt, aus der sie stammen, existiert dagegen kaum noch.

Vielleicht liegt mein Unbehagen aber auch daran, dass die Weltmeisterschaft selbst immer mehr zu einem Produkt geworden ist. Früher war sie ein seltenes Ereignis. Heute wird alles größer, länger und kommerzieller. Mehr Mannschaften, mehr Spiele, mehr Vermarktung, mehr Sponsoren. Was früher außergewöhnlich war, droht zu einem Dauerzustand zu werden.

Je größer die Turniere werden, desto kleiner wird oft ihre Bedeutung.

Ich frage mich inzwischen, ob eine Vereinswelt mit starken internationalen Wettbewerben nicht viel besser zur Realität des modernen Fußballs passt als die immer weiter aufgeblähte Weltmeisterschaft. Die Champions League bildet die tatsächlichen Kräfteverhältnisse des Weltfußballs oft präziser ab als ein vierwöchiges Turnier der Nationalmannschaften.

Hinzu kommt die politische Dimension der Kommerzialisierung. Die Vergabe großer Turniere folgt längst nicht mehr nur sportlichen Kriterien. Die Weltmeisterschaft fand 2018 in Russland statt. 2022 in Katar. 2034 soll sie in Saudi-Arabien ausgetragen werden.

Immer wieder werden dabei Staaten ausgewählt, die wegen Menschenrechtsverletzungen, fehlender Pressefreiheit oder autoritärer Strukturen in der Kritik stehen. Der Fußball dient dabei zunehmend als Instrument des sogenannten Sportswashings. Regierungen kaufen sich mit Sportereignissen ein modernes Image, während die eigentlichen politischen Probleme in den Hintergrund treten.

Auch hier zeigt sich dieselbe Entwicklung wie beim Nationalismus: Der Fußball wird benutzt. Mal für politische Zwecke, mal für wirtschaftliche Interessen, mal für ideologische Erzählungen.

Vielleicht wäre es deshalb sinnvoll, die Weltmeisterschaft grundsätzlich neu zu denken. Kleinere Turniere. Weniger Kommerz. Eine stärkere Orientierung an gewachsenen Fußballkulturen. Vielleicht auch häufiger gemeinsame Bewerbungen mehrerer Länder, anstatt immer neue Prestigeprojekte in Staaten zu vergeben, in denen Fußball vor allem als politisches Instrument betrachtet wird.

Natürlich wird die nächste Weltmeisterschaft trotzdem Millionen Menschen begeistern. Und wahrscheinlich wird am Ende wieder eine der großen Fußballnationen den Titel gewinnen. Vielleicht sogar England. Ausgerechnet England, das sich seit Jahrzehnten als Erfinder des Fußballs versteht und trotzdem nur einen einzigen Weltmeistertitel vorweisen kann. Einen Titel, über dessen berühmtestes Tor bis heute gestritten wird.

Vielleicht liegt darin sogar eine gewisse Ironie. Denn während viele andere Nationen längst gelernt haben, mit Erfolgen umzugehen, wirkt England manchmal wie ein ewiger Wartender. Wie jemand, der seit Jahrzehnten an derselben Tür klopft und darauf hofft, endlich eingelassen zu werden. Vielleicht macht genau das eine Mannschaft gefährlich.

Am Ende ist mir allerdings wichtiger, wer wir als Gesellschaft sind, als wer Weltmeister wird.

Wir leben in einer Zeit, in der Antisemitismus wieder offen sichtbar geworden ist. In der rechtsextreme Straftaten Rekordwerte erreichen. In der demokratische Institutionen zunehmend unter Druck geraten. In einer solchen Zeit halte ich Wachsamkeit für wichtiger als nationale Euphorie.

Ich möchte mich über ein gutes Fußballspiel freuen können. Aber ich möchte nicht Teil eines Gefühls werden, das von den Falschen für die falschen Zwecke benutzt wird. Nicht in einem Land, dessen Geschichte uns eigentlich gelehrt haben sollte, wie schmal der Grat zwischen harmloser Begeisterung und gefährlicher Verführung sein kann.

Fußball ist nur Fußball.

Jedenfalls so lange, bis andere daraus etwas machen, das weit über den Sport hinausgeht.

Und genau dort beginnt mein Problem mit deutschem Fußball.


15.06.26
©Serdar Somuncu
Das neue Buch - Lügen -Kulturgeschichte einer menschlichen Schwäche"
*Serdar Somuncu ist Schauspieler und Regisseur

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