Sack-Session

Sack-Session

Der alte weiße Mann ist wieder da. Nur wenige Jahre hielt die Hoffnung, Women-Empowerment und mee-too-Bewegung würden zumindest in der westlichen Gesellschaft Spuren hinterlassen. Doch ach: sie wollen nicht gehen. Das hat auch mit der Unfähigkeit zu tun, seine Nachfolge zu regeln. Das wird noch schlimmer, glaubt Kai Blasberg.
Im Sommer 2017 saß ich mit meinem Gesellschafter, ich nannte ihn meinem Status gemäß meinen Besitzer, auf dem Marienplatz in München. Die Sonne stach, der Caesars Salat war verputzt, der Mocca kam, da unterbreitete ich ihm, dem postuliert vielhundertfachen Millionär und Weltmann, meine Demission. Ende 2018 solle Schluss sein. Das Blitzen in seinen Augen verriet ihn und sollte sagen: ,,das bestimmst nicht Du!". Was ich nicht wusste: man befand sich in der Nachfolgeregelung, und da bedarf es keiner ungünstigen Schwingungen von Angestellten wie mir; denn ich sollte dort eine mir angemessene, also dienende Rolle spielen. Gut für mich: ein neues Vertrags- und Stillhalteangebot war so gut gepolstert, dass ich noch zwei, drei, zugegeben sinnfreie, aber hochlukrative Jahre, in den karrieretechnischen Heimathafen dümpeln konnte. Das erlaubt mir hier, Euch als Hobby-Poet zu schreiben. Wäre es Absicht gewesen, würde ich mich dafür feiern.
In aller Öffentlichkeit wird gerade, auch in München, das Versagen bei Nachfolgefragen geradezu masochistisch zelebriert. Einer, der es schon lange nicht mehr richtig kann, ausgestattet mit einem Versagenskonto, prallgefüllt wie ein Beluga-Stör kurz vor der Ablaichung, vergeht sich an allen Statuten seines Aufsichtsratsmandats und verwechselt seine Meinung mit seiner Aufgabe. Die hochdotierten und durch eigene Verhaltenskodizes gemaßregelten Mitaufseher von Audi, Allianz und Adidas schweigen wie damals die Politbüroleichen in Ost-Berlin, wenn Erich Honecker zu seinen Sermon-Orgien ansetzte. Der Nämliche, Ulrich H. aus Ulm, sah es als wichtig an, seine Nachfolge als Geldverteiler eines Fußball-Vereins, höchst selbst zu regeln. Die Wahl fiel auf untalentierte Ex-Kicker, die für ihn den Vorteil hatten, als Membran-Manager seinen Willen als den ihren ausgeben zu dürfen.
Das musste scheitern. Und tat es. Die Folge beobachten wir Interessierte mit zunehmendem Amüsement.
Ebenso unterhaltsam wie peinlich ist das Wirken von Wolfgang Grupp, dem fast 90jährigen Affen einer mittelständischen T-Shirt-Bude nach altdeutscher Sitte. Der hat spät im Leben noch zwei Kinder das Licht der schwäbischen Alb erblicken lassen und scheucht sie nun mit seinen - nennen wir es mal konservativen - Weisheiten für alle sichtbar jahrelang am Nasenring durch seine Näherei, als gebe es nichts Schöneres, als die ewigen Deppen vom Altvorderen gehandelt zu werden. Ein Schicksal, das vor allem männliche Filiusse schwer auf dem meist schmalen Schultern zu tragen haben. Fragen Sie mal Hunter Biden oder die vollständig kriminell missratenen Zöglinge von Donald Trump. Letzterer hat wenigstens die Ausrede, dass er von seinem Vater auch bis heute erniedrigt wird. Und der ist seit 25 Jahren mausetot. Und so erfüllen die Nachfolger nie die Anforderungen der Moderne, da ihre Vorfahren die der Vergangenheit anlegen. Und als würden uns die Stammväter die Irrungen mit Angela Merkel, Kamella Harris und Hillary Clinton, Christine Lagarde und Uschi von der Leyen plakativ übel nehmen, kommt nichts mehr, dass auch nur ein bisschen wie eine Frau aussieht, nach vorne. Jetzt meldet sich sogar Fritze Merz. Ja! Der! Der Geschlagene. Der ewig Ungehörte. Der schwarze Baron der Propeller-Millionäre, er will Kanzler werden. Die späte Rache an Angela. Das Sauerländer Weltbild der Siebziger im schmissigen Cadenabbia-Türkis. Das haben wir nicht verdient. Keine Gedanken über seine Nachfolge macht sich Vladimir Putin. Der bleibt einfach immer. Auch wenn er stirbt. Bis dahin wird das, was er verbricht, KI längst können. Erdogan, Orban, Netanyahu. Alle alt. Alle ohne Alternative. Alle kriminell. Modi? Ping? Oder heißt der Xi? Mächtig Ü 70. Nachfolge? Die Sintflut.
,,Hütet Euch vor alten Männern, denn Sie haben nichts mehr zu verlieren." Das wusste G.B.Shaw schon vor über 100 Jahren. Wir hingegen, wir haben eine ganze Menge zu verlieren. Unsere Freiheit. Unser Recht, unsere Meinung zu sagen. Unsere Unversehrtheit am Leib und Leben. Soweit ist es gekommen, dass wir solche Sätze lesen und schreiben.
Die Bundesrepublik ist mitten in der Vergreisung. Das wird jetzt locker zwei Dekaden so bleiben. Alte Menschen, besonders Männer, mögen aber nichts mehr ändern.
Vielleicht aber gibt es ja doch Hoffnung:
,,Jugend ist ein Zustand der Seele" heißt ein kleines Büchlein von Rainer Groothuis. Jugend, heißt es da, sei nicht ein Abschnitt des Lebens, sondern ein Zustand der Seele. Jung sein bedeutet, sich im jedem Lebensalter Offenheit und Liebe zum Wunderbaren zu bewahren. Das kann jeder von uns. Und kann es jeden Tag.
Mein Besitzer übrigens hat seine Nachfolge mindestens konsequent geregelt. Es blieb Nichts. Grußlos und karg wurde alles aufgelöst. Vielleicht das Schönste, was man großen Werken zuteil werden lassen kann. Sie sind entweder für immer. Oder waren nie.

P.S.
Der Titel dieser Kolumne ist der Weltklasse-Serie ,,Succession" entlehnt.
In der geht es episch wie brillant um Nachfolge. Sehr zu empfehlen.

10.05.24
*Kai Blasberg war 40 Jahre in den privaten Medien in Deutschland beschäftigt
Kommentare
  • Ruediger Neuss
    10.05.2024 20:56
    … wie bereits an anderer Stelle ähnlich bemerkt: Du begeisterst ( mindestens mich ) mit deiner unvergleichlichen Art, wie in diesem Fall, Gewesenes als auch Aktuelles in einem ganz anderen Licht „erstrahlen“ zu lassen …
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