Saudades - Aus der Sicht einer überstimulierten Kartoffel
1. Oktober 2026, São Paulo.
Zur Mittagsstunde sitze ich in der schönen Küche im Haus der Familie meiner brasilianischen Frau. In den letzten Tagen hat es viel geregnet und wegen der Regenzeit zeigt sich die Sonne meist nur am Vormittag und das tut sie gerade.
von Manuel Ossenkopf
Zur Mittagsstunde sitze ich in der schönen Küche im Haus der Familie meiner brasilianischen Frau. In den letzten Tagen hat es viel geregnet und wegen der Regenzeit zeigt sich die Sonne meist nur am Vormittag und das tut sie gerade.
von Manuel Ossenkopf
Vor mir ein voller Teller, herrlich dampfender Feijoada. Eines der vielen leckeren Nationalgerichte Brasiliens. Ein Eintopf bestehend aus schwarzen Bohnen, Fleisch und Reis, der zur Kolonialzeit entstand, als die Menschen so wenig hatten, dass sie die Fleischreste von den Knochen nahmen und mit Bohnen und Reis aßen. Und nun sitze ich hier. In meiner japanisch-brasilianischen Familie am langen Tisch in der Küche. In drei Tagen sind Wahlen. Lula gegen Bolsonaro Jr. Lula tritt nun zum siebten Mal für die Partido dos Trabalhadores (,,Arbeiterpartei"), kurz PT, an. Links- bis Mitte-links. Flavio Bolsonaro tritt für die PL an, die Partido Liberal. Sie gilt als rechts bis rechtskonservativ. Und ich, was bin ich? Abgesehen von meiner politischen Ansicht bin ich erstmal eine Kartoffel in Brasilien.
Die Feijoada schmeckt sagenhaft. Mit vollem Mund schaue ich in den alten Fernseher am Ende des Esstisches. Dort läuft ein KI-generiertes Wahlvideo der PT. Eine Mutter läuft mit ihrem Kind durch ein brasilianisch aussehendes Wohngebiet. KI-generierte Schüsse und Einschusslöcher sind nun zu sehen. Mutter und Kind sind verschreckt. Danach sowas wie: ,,Wähl PT! Damit sowas nicht passiert!" Und ich denke mir so, mit meinem dicken Bauch und meinen sonnenverbrannten Armen: Ach du Scheiße - das ist eine Wahlwerbung für links. Leichte Empörung steigt auf. Dann esse ich die letzte Wurst aus der Feijoada und bestelle mir einen Uber. Das machen hier alle so. Der brasilianische Uberfahrer merkt sofort, dass ich Gringo und Deutscher bin. Erst unterhalten wir uns über das 7:1 von 2014, als die Nationalmannschaft (Betonung auf National) die Seleção in Belo Horizonte aus dem Stadion schoss. Hab gerade aus Versehen nach ,,schoss" ein Ausrufezeichen [?] geschrieben. Gerade wo ich merke, ich hab schon wieder Hunger, fängt der Uberdriver an, mich zu fragen, ob ich an Gott glaube. Ich antworte sowas wie: ,,Ja, ich glaube da schon an was, aber ich nenne es nicht Gott oder Jesus." Daraufhin erzählt er mir, dass dieses Land nur gerettet werden kann von einer Partei, die gottestreu sei. Also von Bolsonaro Jr. Ich komme mir außerordentlich dumm vor mit meiner Antwort. Auf den letzten Metern unserer holprigen Reise erzählt er mir noch, dass er einer Frau im brasilianischen Fitnessstudio verholfen hat, Gott zu finden. Impulsgesteuert bedanke ich mich überschwänglich und gebe ihm eine 5-Sterne-Bewertung.
An meinem Ziel angekommen, dem Haus der Tante meiner Frau, gibt's Pizza mit 5-schichtigem Käse und wir spielen laut Gesellschaftsspiele. Die Stimmung schwankt zwischen hysterisch freudig und betontem Ernst wegen der Wahl. Ich frage den Don der Familie, ob es in der brasilianischen Regierung eine Oppositionspartei gäbe. Er stellt sich breitbeinig hin und sagt, meine Idee sei intelligent, aber das System sei anders. Ich denke mir: ,,Ok." Also links oder rechts oder was? Oder was? (Es war toll.) Die Pizza schmeckt unfassbar. Am späteren Abend fahre ich auf eine Veranstaltung von brasilianischen Künstlern in einem Konferenzraum. Am Ende der Veranstaltung reißen alle die Hände nach oben und spreizen Zeigefinger und Daumen ab. Mir ist schwindelig. Ich höre Trompeten und weiß nicht warum. Ich brauche ein Pastel com Carne zur Beruhigung. Der Uberfahrer und ich sagen nichts auf der Rückfahrt. Währenddessen habe ich Angst, dass mir jemand das Telefon klauen könnte.
Zuhause küsse ich meine Frau, die auf Instagram antirassistische Reels postet. Sofort verstecke ich mich unter der Decke. Sie sieht es, wird sauer und nennt mich Nazi. Ich flüchte ins Badezimmer und lasse mir kaltes Wasser über meine Unterarme laufen. Ich skille. So sagt man das in therapeutischen Kreisen. Lippenbremse. Lange ausatmen. Deutschland. Ausatmen. Moment, was? Ja, jetzt ist es besser. Langsam komme ich zu mir. In der Nacht schaue ich an die Decke. Manchmal kann ich nicht mehr. Muss an diesen Satz eines dieser deutschen Politiker denken: ,,Ich sage immer das, was ich denke, und mache aber Fehler, aber dann ist man ehrlich." Langsam stehe ich auf und gucke in den schönen Nachthimmel von São Paulo und denke: Genau das ist falsch. Atmen. Den Impuls abwarten. Überlegen, dann sprechen. Egal wo auf der Welt.
28.10.26
©Manuel Ossenkopf
Manuel Ossenkopf ist Schauspieler und absolvierte von 2014 bis 2018 seine Ausbildung am Max Reinhardt Seminar in Wien. Er wirkte unter anderem in der Netflix-Serie Freud, dem Tatort, Helgoland 513 und der Prime-Video-Serie El Presidente mit. Seine Arbeit umfasst Film- und Fernsehproduktionen im deutschsprachigen und internationalen Kontext. Heute lebt und arbeitet er zwischen Hamburg und São Paulo.
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Die Feijoada schmeckt sagenhaft. Mit vollem Mund schaue ich in den alten Fernseher am Ende des Esstisches. Dort läuft ein KI-generiertes Wahlvideo der PT. Eine Mutter läuft mit ihrem Kind durch ein brasilianisch aussehendes Wohngebiet. KI-generierte Schüsse und Einschusslöcher sind nun zu sehen. Mutter und Kind sind verschreckt. Danach sowas wie: ,,Wähl PT! Damit sowas nicht passiert!" Und ich denke mir so, mit meinem dicken Bauch und meinen sonnenverbrannten Armen: Ach du Scheiße - das ist eine Wahlwerbung für links. Leichte Empörung steigt auf. Dann esse ich die letzte Wurst aus der Feijoada und bestelle mir einen Uber. Das machen hier alle so. Der brasilianische Uberfahrer merkt sofort, dass ich Gringo und Deutscher bin. Erst unterhalten wir uns über das 7:1 von 2014, als die Nationalmannschaft (Betonung auf National) die Seleção in Belo Horizonte aus dem Stadion schoss. Hab gerade aus Versehen nach ,,schoss" ein Ausrufezeichen [?] geschrieben. Gerade wo ich merke, ich hab schon wieder Hunger, fängt der Uberdriver an, mich zu fragen, ob ich an Gott glaube. Ich antworte sowas wie: ,,Ja, ich glaube da schon an was, aber ich nenne es nicht Gott oder Jesus." Daraufhin erzählt er mir, dass dieses Land nur gerettet werden kann von einer Partei, die gottestreu sei. Also von Bolsonaro Jr. Ich komme mir außerordentlich dumm vor mit meiner Antwort. Auf den letzten Metern unserer holprigen Reise erzählt er mir noch, dass er einer Frau im brasilianischen Fitnessstudio verholfen hat, Gott zu finden. Impulsgesteuert bedanke ich mich überschwänglich und gebe ihm eine 5-Sterne-Bewertung.
An meinem Ziel angekommen, dem Haus der Tante meiner Frau, gibt's Pizza mit 5-schichtigem Käse und wir spielen laut Gesellschaftsspiele. Die Stimmung schwankt zwischen hysterisch freudig und betontem Ernst wegen der Wahl. Ich frage den Don der Familie, ob es in der brasilianischen Regierung eine Oppositionspartei gäbe. Er stellt sich breitbeinig hin und sagt, meine Idee sei intelligent, aber das System sei anders. Ich denke mir: ,,Ok." Also links oder rechts oder was? Oder was? (Es war toll.) Die Pizza schmeckt unfassbar. Am späteren Abend fahre ich auf eine Veranstaltung von brasilianischen Künstlern in einem Konferenzraum. Am Ende der Veranstaltung reißen alle die Hände nach oben und spreizen Zeigefinger und Daumen ab. Mir ist schwindelig. Ich höre Trompeten und weiß nicht warum. Ich brauche ein Pastel com Carne zur Beruhigung. Der Uberfahrer und ich sagen nichts auf der Rückfahrt. Währenddessen habe ich Angst, dass mir jemand das Telefon klauen könnte.
Zuhause küsse ich meine Frau, die auf Instagram antirassistische Reels postet. Sofort verstecke ich mich unter der Decke. Sie sieht es, wird sauer und nennt mich Nazi. Ich flüchte ins Badezimmer und lasse mir kaltes Wasser über meine Unterarme laufen. Ich skille. So sagt man das in therapeutischen Kreisen. Lippenbremse. Lange ausatmen. Deutschland. Ausatmen. Moment, was? Ja, jetzt ist es besser. Langsam komme ich zu mir. In der Nacht schaue ich an die Decke. Manchmal kann ich nicht mehr. Muss an diesen Satz eines dieser deutschen Politiker denken: ,,Ich sage immer das, was ich denke, und mache aber Fehler, aber dann ist man ehrlich." Langsam stehe ich auf und gucke in den schönen Nachthimmel von São Paulo und denke: Genau das ist falsch. Atmen. Den Impuls abwarten. Überlegen, dann sprechen. Egal wo auf der Welt.
28.10.26
©Manuel Ossenkopf
Manuel Ossenkopf ist Schauspieler und absolvierte von 2014 bis 2018 seine Ausbildung am Max Reinhardt Seminar in Wien. Er wirkte unter anderem in der Netflix-Serie Freud, dem Tatort, Helgoland 513 und der Prime-Video-Serie El Presidente mit. Seine Arbeit umfasst Film- und Fernsehproduktionen im deutschsprachigen und internationalen Kontext. Heute lebt und arbeitet er zwischen Hamburg und São Paulo.
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