Sommerloch in der Truman Show
Das gefürchtete Sommerloch bekommt 2026 eine neue Bedeutung. Denn heuer fallen Drohnen und Raketen durch es hindurch.
von Alexander Kira
von Alexander Kira
Schwuuuuuuuuusch - und der Scheinwerfer liegt auf der Straße. Ein Scheinwerfer, der in der Truman-Show Filmgeschichte geschrieben hat. Der Protagonist wundert sich zuerst nur etwas, dann aber sehr, als er seinen Namen darauf liest. Ab diesem Moment ahnt er, dass hier etwas nicht stimmt.
Sieht man den ukrainischen Präsidenten kommt man nicht umhin eine Parallele zu ziehen. Oder eben keine. Sieht man in sein verständlicherweise ermattetes Gesicht wird klar, dass dort mehr ist als die Erschöpfung von drei Jahren Krieg. Unweigerlich denkt man: Es hat ihm keiner gesagt! Keiner hat es ihm gesagt. Er denkt immer noch, dass er in der Fortsetzung seiner Fernsehserie lebt. Wundert sich vielleicht über die vielen Cameo-Auftritte der Weltpolitik und über die aufwändigen Drehs an Originalschauplätzen. Doch nun regt sich in ihm langsam der revers trumaneske Verdacht, dass das um ihn herum kein Filmset ist, sondern irgendwie unter Umständen möglicherweise tatsächlich die Realität.
In Fernsehserien setzt der Quotenverfall langsam ein. Immer dann, wenn der Erfolg am größten ist. Irgendwann sind alle Geschichten erzählt, alle Gags geschrieben und was am Anfang faszinierend und anziehend erschien, erscheint gerade deswegen altbekannt und langweilig. In Kriegen geschieht dies auch gerne. Im Luc Besson Film Johanna von Orléans (The Messenger: The Story of Joan of Arc) von 1999 gibt es dafür eine sinnbildliche Szene. Milla Jovovich als Jeanne d´Arc steht vor einer belagerten Burg, die sich schlichtweg nicht ergeben will. Aber einnehmen kann man sie auch nicht. Im Hintergrund versuchen ein paar erschöpfte Mannen unmotiviert die Burg zu verteidigen, aber sie wirken eher wie Team Sisyphos.
Selenskyj ist nicht schuld an alledem, er tut den Job, für den er gecastet wurde. Schuld ist die Weltpolitik, die erst mit ihm schulterklopfend in einen Krieg gezogen ist, um dann festzustellen, dass ausgerechnet dieser Krieg zum ersten Mal seit Menschengedenken langwierig, wenig heroisch und leider tödlich ist. Charmanterweise jedoch nicht für EU-Soldaten. Schuld ist die westliche Weltpolitik, die Opfer ihrer eigenen Rhetorik von einem absoluten Sieg der Gerechtigkeit geworden ist - obwohl in jedem, wirklich jedem Geschichtsbuch steht, dass Gerechtigkeit weder gefallenen Soldaten und Zivilisten nützt - weil sie am Ende Perspektive und nicht Tatsache ist. In diesen Geschichtsbüchern steht auch, dass praktisch alle Kriege mit Verhandlungen und einem Kompromiss enden - was natürlich jedes Mal zur allgemeinen Überraschung im krassen Widerspruch zur anfänglichen Gewissheit vom unverrückbar sicheren Sieg steht.
Irgendwann damals, in den ersten Monaten des Krieges, hätte die Europäische Union eingreifen müssen. Dort oben im Mondraum, dem 13. Stock des Berlaymont-Gebäudes, dem mysteriösen, sagenumwobenen Appartement von Ursula von der Leyen, hat sie schließlich eine übergeordnete Sicht. Die Europäische Union hätte - zumindest aus Verantwortung für die täglich sterbenden Menschen auf beiden Seiten der Front - mit allen diplomatischen Mitteln eine Lösung herbeiführen müssen. Ein Schelm wer sagt, das wäre nicht möglich gewesen. Doch nicht nur das Fernsehbusiness ist unerbittlich. Scheinbar war noch etwas Quote zu holen, auch wenn man dafür die Ukraine in einen Abnutzungskrieg schickte, so episch wie die über 8.000 Folgen von Gute Zeiten Schlechte Zeiten. Nur geht diese Show täglich für irgendjemanden tödlich aus, zur besten Sendezeit. Und das auch, wenn nach Sendeschluss keiner mehr hinschaut.
Und somit wundert es wenig, dass nun auch die Scheinwerfer über unserem Studio locker werden und als Drohnen auf den Leipziger Flughafen fallen. Denn Leser von Philip K. Dick wissen nicht erst seit seiner Kurzgeschichte We Can Remember It for You Wholesale, aus der später der Blockbuster Total Recall wurde: Die zwingende Konsequenz daraus, dass ich erkenne, wie jemand anders in einer Illusion lebt ist, dass ich nicht erkennen kann, dass ich selbst in einer lebe. Apropos wundern: Ich fliege regelmäßig Waffen vom Leipziger Flughafen in ein nur ein Land weiter entfernt liegendes Kriegsgebiet. Wundert es jetzt ernsthaft jemanden, dass dieser Flughafen (von wem auch immer) angegriffen wird?
Am Ende steht ein Bild: Der ukrainische Präsident geht allein durch die langen, nächtlichen Gänge seines Befehlsstandes in Kiew, wie Ministerpräsident Andreotti in Sorrentinos Meisterwerk Il Divo. Immer merkwürdiger erscheint ihm diese Show, immer unlustiger die zunehmend realistische Inszenierung mit Raketen, Drohnen und Stromausfällen. Immer unverständlicher, dass die Fans vor seinem Fenster zunehmend wie Demonstranten wirken. Dann geht das grelle Fernsehlicht an - und wie an der Schauspielschule gelernt ist er auf Knopfdruck wieder ganz der Alte. The Truman Show must go on.
Der Subtext seiner Fernsehansprache könnte aus Georg Kreislers Lied Zu leise für mich stammen: ,,Denn sehen Sie, so ist das Leben: Erst geht man auf den Leim, dann bleibt man kleben." Doch leider hat weder dieses Lied noch diese Glosse ein Happy-End. Das Schwuuuuuuush des Scheinwerfers aus der Truman Show...klingt verdächtig nach Drohne.
Epilog: Unlängst spielte Vera Serduchka, die ukrainische Travestie-Pop-Nationalikone im Gasometer Wien. Der bescheidene Glossist stand mitten in der Menge von feiernden Ukrainern, mitgerissen von der Show. Wenig später stand er vor dem zwangsweise geschlossenen russischen Pavillon auf der Biennale in Venedig. Er dachte beide Male: Das ist alles so verrückt.
11.08.2026
Alexander Kira hat über internationalen Menschenrechtsschutz provomiert und ist Jurist, Moderator und Kabarettist. Er lebt und schreibt im Herzen von Berlin.
HIER GEHTS ZUM NEUEN BUCH
Sieht man den ukrainischen Präsidenten kommt man nicht umhin eine Parallele zu ziehen. Oder eben keine. Sieht man in sein verständlicherweise ermattetes Gesicht wird klar, dass dort mehr ist als die Erschöpfung von drei Jahren Krieg. Unweigerlich denkt man: Es hat ihm keiner gesagt! Keiner hat es ihm gesagt. Er denkt immer noch, dass er in der Fortsetzung seiner Fernsehserie lebt. Wundert sich vielleicht über die vielen Cameo-Auftritte der Weltpolitik und über die aufwändigen Drehs an Originalschauplätzen. Doch nun regt sich in ihm langsam der revers trumaneske Verdacht, dass das um ihn herum kein Filmset ist, sondern irgendwie unter Umständen möglicherweise tatsächlich die Realität.
In Fernsehserien setzt der Quotenverfall langsam ein. Immer dann, wenn der Erfolg am größten ist. Irgendwann sind alle Geschichten erzählt, alle Gags geschrieben und was am Anfang faszinierend und anziehend erschien, erscheint gerade deswegen altbekannt und langweilig. In Kriegen geschieht dies auch gerne. Im Luc Besson Film Johanna von Orléans (The Messenger: The Story of Joan of Arc) von 1999 gibt es dafür eine sinnbildliche Szene. Milla Jovovich als Jeanne d´Arc steht vor einer belagerten Burg, die sich schlichtweg nicht ergeben will. Aber einnehmen kann man sie auch nicht. Im Hintergrund versuchen ein paar erschöpfte Mannen unmotiviert die Burg zu verteidigen, aber sie wirken eher wie Team Sisyphos.
Selenskyj ist nicht schuld an alledem, er tut den Job, für den er gecastet wurde. Schuld ist die Weltpolitik, die erst mit ihm schulterklopfend in einen Krieg gezogen ist, um dann festzustellen, dass ausgerechnet dieser Krieg zum ersten Mal seit Menschengedenken langwierig, wenig heroisch und leider tödlich ist. Charmanterweise jedoch nicht für EU-Soldaten. Schuld ist die westliche Weltpolitik, die Opfer ihrer eigenen Rhetorik von einem absoluten Sieg der Gerechtigkeit geworden ist - obwohl in jedem, wirklich jedem Geschichtsbuch steht, dass Gerechtigkeit weder gefallenen Soldaten und Zivilisten nützt - weil sie am Ende Perspektive und nicht Tatsache ist. In diesen Geschichtsbüchern steht auch, dass praktisch alle Kriege mit Verhandlungen und einem Kompromiss enden - was natürlich jedes Mal zur allgemeinen Überraschung im krassen Widerspruch zur anfänglichen Gewissheit vom unverrückbar sicheren Sieg steht.
Irgendwann damals, in den ersten Monaten des Krieges, hätte die Europäische Union eingreifen müssen. Dort oben im Mondraum, dem 13. Stock des Berlaymont-Gebäudes, dem mysteriösen, sagenumwobenen Appartement von Ursula von der Leyen, hat sie schließlich eine übergeordnete Sicht. Die Europäische Union hätte - zumindest aus Verantwortung für die täglich sterbenden Menschen auf beiden Seiten der Front - mit allen diplomatischen Mitteln eine Lösung herbeiführen müssen. Ein Schelm wer sagt, das wäre nicht möglich gewesen. Doch nicht nur das Fernsehbusiness ist unerbittlich. Scheinbar war noch etwas Quote zu holen, auch wenn man dafür die Ukraine in einen Abnutzungskrieg schickte, so episch wie die über 8.000 Folgen von Gute Zeiten Schlechte Zeiten. Nur geht diese Show täglich für irgendjemanden tödlich aus, zur besten Sendezeit. Und das auch, wenn nach Sendeschluss keiner mehr hinschaut.
Und somit wundert es wenig, dass nun auch die Scheinwerfer über unserem Studio locker werden und als Drohnen auf den Leipziger Flughafen fallen. Denn Leser von Philip K. Dick wissen nicht erst seit seiner Kurzgeschichte We Can Remember It for You Wholesale, aus der später der Blockbuster Total Recall wurde: Die zwingende Konsequenz daraus, dass ich erkenne, wie jemand anders in einer Illusion lebt ist, dass ich nicht erkennen kann, dass ich selbst in einer lebe. Apropos wundern: Ich fliege regelmäßig Waffen vom Leipziger Flughafen in ein nur ein Land weiter entfernt liegendes Kriegsgebiet. Wundert es jetzt ernsthaft jemanden, dass dieser Flughafen (von wem auch immer) angegriffen wird?
Am Ende steht ein Bild: Der ukrainische Präsident geht allein durch die langen, nächtlichen Gänge seines Befehlsstandes in Kiew, wie Ministerpräsident Andreotti in Sorrentinos Meisterwerk Il Divo. Immer merkwürdiger erscheint ihm diese Show, immer unlustiger die zunehmend realistische Inszenierung mit Raketen, Drohnen und Stromausfällen. Immer unverständlicher, dass die Fans vor seinem Fenster zunehmend wie Demonstranten wirken. Dann geht das grelle Fernsehlicht an - und wie an der Schauspielschule gelernt ist er auf Knopfdruck wieder ganz der Alte. The Truman Show must go on.
Der Subtext seiner Fernsehansprache könnte aus Georg Kreislers Lied Zu leise für mich stammen: ,,Denn sehen Sie, so ist das Leben: Erst geht man auf den Leim, dann bleibt man kleben." Doch leider hat weder dieses Lied noch diese Glosse ein Happy-End. Das Schwuuuuuuush des Scheinwerfers aus der Truman Show...klingt verdächtig nach Drohne.
Epilog: Unlängst spielte Vera Serduchka, die ukrainische Travestie-Pop-Nationalikone im Gasometer Wien. Der bescheidene Glossist stand mitten in der Menge von feiernden Ukrainern, mitgerissen von der Show. Wenig später stand er vor dem zwangsweise geschlossenen russischen Pavillon auf der Biennale in Venedig. Er dachte beide Male: Das ist alles so verrückt.
11.08.2026
Alexander Kira hat über internationalen Menschenrechtsschutz provomiert und ist Jurist, Moderator und Kabarettist. Er lebt und schreibt im Herzen von Berlin.
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