Stay demokratisch

Stay demokratisch

Warum erinnern mich die Appelle zahlreicher Prominenter, die AfD nicht zu wählen, eigentlich so sehr an die unsägliche ,,Stay at Home"-Kampagne während Corona? Und warum sind es immer dieselben Leute mit demselben Habitus?

von Serdar Somuncu
Ich habe langsam den Eindruck, dass sich die kollektive Psychose von den Jebsens und Hildmanns in die gutbürgerlichen Wohnzimmer der kulturellen Bourgeoisie verlagert hat. Mit dem Unterschied, dass die einen damals glaubten, die Welt vor einer Verschwörung retten zu müssen, während die anderen heute glauben, sie vor dem Faschismus bewahren zu können.

Bevor jetzt wieder jemand Schnappatmung bekommt: Natürlich ist die AfD nicht dasselbe wie eine erfundene Weltverschwörung. Aber darum geht es auch gar nicht. Es geht um diesen unerträglichen Gestus der Selbstgewissheit, mit dem Menschen, deren größte politische Leistung darin besteht, in eine Kamera zu sprechen, anderen erklären, wie die Welt funktioniert.

Das hat etwas unfreiwillig Komisches. Da sitzen Leute, die vom Elend derjenigen, an die sie appellieren, vermutlich ungefähr so viel mitbekommen wie ich vom Alltag eines nepalesischen Reisbauerndorfes, und erklären mit bedeutungsschwangerer Miene, was jetzt unbedingt getan werden muss.

Besonders interessant wird es, wenn man sich anschaut, mit welchen Maßstäben inzwischen gemessen wird.

Da erklärt Kurt Krömer öffentlich, dass er keine AfD-Wähler in seinen Veranstaltungen haben möchte, weil deren Geld angeblich stinke und er keine Lust habe, in irgendwelche ,,Schweinegesichter" zu schauen. Ausgerechnet ein Künstler, dessen Beruf davon lebt, Menschen mit unterschiedlichen Ansichten zu erreichen, erklärt einen Teil der Bevölkerung zu unerwünschten Personen.

Und Jan Böhmermann lässt sich in einem satirischen Film auf einem Moped, in offensichtlicher Anspielung auf den AfD-Politiker Ulrich Siegmund, von einem Lastwagen überfahren, der anschließend noch einmal zurücksetzt.

Kann man machen. Ist Satire. Darf Satire. Aber ich würde gerne wissen, wie die Reaktionen ausfielen, wenn dieselbe Szene von einem rechten Kabarettisten mit einem grünen Politiker inszeniert worden wäre. Vermutlich würde man dann wieder tagelang über Gewaltfantasien, Menschenverachtung und die Grenzen des Sagbaren diskutieren.

Mich interessiert weniger, ob man solche Dinge darf. Mich interessiert, warum die Bewertung offenbar immer stärker davon abhängt, wer sie tut und gegen wen sie sich richten.

Es wird mit zweierlei Maß gemessen, und das Erstaunliche ist, dass diese Widersprüche kaum noch jemanden zu interessieren scheinen.

Da wird Toleranz gepredigt und gleichzeitig Ausgrenzung praktiziert. Da wird vor Hass gewarnt und im nächsten Satz eine ganze Wählergruppe beschimpft. Da wird die Menschenwürde beschworen, aber offenbar immer häufiger vorausgesetzt, dass man sie sich durch die richtige politische Gesinnung erst verdienen muss.

Ähnliche Widersprüche begegnen einem inzwischen auch in anderen gesellschaftlichen Debatten. Menschen, die aus ethischer Überzeugung auf tierische Produkte verzichten, können gleichzeitig vehement für Waffenlieferungen in Kriegsgebiete eintreten. Natürlich ist das kein logischer Widerspruch, denn man kann Tiere schützen und militärische Hilfe zur Verteidigung von Menschen befürworten. Aber interessant ist doch, wie unterschiedlich moralische Entscheidungen begründet werden.

Darf man da nicht wenigstens einmal zugespitzt fragen, warum das Töten von Tieren unter keinen Umständen akzeptabel sein soll, während das Töten von Menschen unter bestimmten Umständen als notwendiges Übel betrachtet wird? Sind Menschenleben plötzlich weniger wert als Tierleben? Oder ist Moral inzwischen einfach eine Frage der richtigen politischen Verpackung?

Ich frage mich ohnehin, wen diese ganzen Appelle eigentlich erreichen sollen. Glaubt irgendjemand ernsthaft, ein AfD-Wähler überlegt es sich noch einmal anders, weil ihm ein Schauspieler erklärt, dass er gefälligst die Demokratie retten soll?

Vielleicht geht es darum auch gar nicht. Vielleicht geht es einfach nur darum, sich gegenseitig zu versichern, dass man zu den Guten gehört. Eine Art öffentliches Gruppenkuscheln mit politischem Anspruch.

Während Corona hieß es: Bleibt zu Hause. Heute heißt es: Wählt das Richtige.

Und morgen erklären uns dieselben Leute wahrscheinlich, wie man richtig atmet.

Das Problem ist nicht, dass Prominente eine politische Meinung haben. Die sollen sie haben. Das Problem beginnt dort, wo aus einer Meinung eine moralische Dienstanweisung wird. Wo Widerspruch nicht mehr als Widerspruch verstanden wird, sondern als Beweis einer falschen Gesinnung. Und wo die eigenen moralischen Grundsätze offenbar nur noch für diejenigen gelten, die derselben politischen Überzeugung sind.

Man kann die AfD kritisieren, ohne sich dabei aufzuführen, als hätte man persönlich die Demokratie erfunden.

Und man kann gegen rechts sein, ohne deshalb automatisch recht zu haben.

16.10.26
©Serdar Somuncu
Das neue Buch - Lügen -Kulturgeschichte einer menschlichen Schwäche"
*Serdar Somuncu ist Schauspieler und Regisseur



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