Was am Sonntagabend nicht ausgestrahlt wurde

Was am Sonntagabend nicht ausgestrahlt wurde

Während in Deutschland der ,,Tatort" läuft und Zuschauer gebannt verfolgen, wie im Fernsehen Pistolen gezogen werden und Menschen von jenen Schüssen getroffen werden, eskaliert in Mexiko einmal mehr die reale Gewalt.

von Marcel Calsen
Auslöser der jüngsten Welle ist die Ermordung des langjährigen Anführers des ,,Cartel Jalisco Nueva Generación" (CJNG), Nemesio Oseguera alias "El Mencho", des sogenannten Kartells Jalisco der Neuen Generation - einer der mächtigsten und gefürchtetsten kriminellen Organisationen des Landes und der Welt. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer und versetzte ganze Regionen in Alarmbereitschaft.

Was folgte, war ein Szenario, das an bürgerkriegsähnliche Zustände erinnert: Straßensperren aus brennenden Lastwagen und Autos, errichtet von Narco-Terroristen. In Brand gesetzte Geschäfte. Einschüchterungsbotschaften. Warnungen an die Zivilbevölkerung. Bilder von Rauchschwaden über Städten, Sirenen, verlassene Straßen, Unsicherheit.

In Guadalajara kursierten Berichte, wonach ab 13 Uhr mittags kein Zivilist mehr das Haus verlassen solle - andernfalls drohe ,,das Schlimmste". Eine inoffizielle Ausgangssperre, diktiert nicht vom Staat, sondern von kriminellen Machtstrukturen.

Die Frage, die sich nun stellt, reicht über die aktuellen Ereignisse hinaus: Ist dies ein Vorgeschmack auf das, was passieren könnte, wenn externe Akteure - insbesondere die USA - beginnen, sich direkter in Mexikos innere Sicherheitsangelegenheiten einzumischen? Insbesondere mit Blick auf die Fußball-WM im lateinamerikanischen Land?

Die Dimension der Eskalation zeigt, wie fragil das Gleichgewicht der Macht in bestimmten Regionen ist. Ein gezielter Schlag gegen eine Führungsfigur löst keine Befriedung aus - sondern ein Machtvakuum. Und Machtvakuum bedeutet in der Logik der Kartelle fast immer: Gewalt.

Sollten internationale Interventionen - offen oder verdeckt - diese Dynamik zusätzlich anheizen, könnten die schlimmsten Befürchtungen Realität werden. Mexiko steht an einem neuralgischen Punkt: zwischen staatlicher Souveränität, organisierter Kriminalität und geopolitischem Druck. Dabei hat das Land ein riesiges wortschaftliches Wachstumspotential und könnte in 10 Jahren zu den "BRICS"-Staaten gehören.

Und während wir vor dem Fernseher sitzen - während der Tagesschau überlegen ob wir lieber den Tatort oder das Dschungelcamp gucken - hocken Millionen Mexikaner in ihren Wohnungen. In der Tagesschau wird gleich zwei Mal über Trump berichtet: die zweite Meldung wirkt angesichts der Bedeutung dieser Nachricht fast absurd, denn der Präsident habe am Vortag ein Lazarettschiff nach Grönland verlegt. Kein Wort über Lateinamerika.

Oder über die anderen Konflikte der Welt, die sich jenseits der westlichen Hemisphäre abspielen - Nöte, Sorgen und existentielle Krisen, an denen auch die westliche Welt ihren Anteil hat.

23.02.26
von Marcel Clasen
M. C. kommt aus Nordrhein-Westfalen und lebt nach Ausflügen ins Ruhrgebiet und nach Lateinamerika wieder in seiner Heimatstadt. Mit der Zeit entwickelte er Fernweh. In einem fünfmonatigen Sabbatical zog es ihn nach Peru und während des Studiums lebte er anderthalb Jahre in Mexiko. Seine Erfahrungen in Mexiko hat er in einem Buch verarbeitet.
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