Wogegen demonstrieren? Gegen den Juli?
Die Bilder kamen von den Feldern
Es braute sich schon im Juni und Juli zusammen. Auf Social Media, in den Feeds von Instagram, Facebook und X, mehrten sich die ersten Berichte direkt von den Feldern. Landwirte vor allem aus dem Süden, dem Westen und Teilen des Ostens, wo die Ernte witterungsbedingt als Erstes beginnt, teilten kurze Videos und Fotos ihrer Schläge. Es waren keine idyllischen Sommerbilder und keine Freude über die Ernte. Zu sehen waren kleine Körner und notreife Bestände, die die erste Hitzewelle hinterlassen hatte. In den Beiträgen mischte sich die Enttäuschung über die miese Ernte mit dem Frust über gleichzeitig niedrige Getreidepreise und hohe Kosten.
von René Rempt
Es braute sich schon im Juni und Juli zusammen. Auf Social Media, in den Feeds von Instagram, Facebook und X, mehrten sich die ersten Berichte direkt von den Feldern. Landwirte vor allem aus dem Süden, dem Westen und Teilen des Ostens, wo die Ernte witterungsbedingt als Erstes beginnt, teilten kurze Videos und Fotos ihrer Schläge. Es waren keine idyllischen Sommerbilder und keine Freude über die Ernte. Zu sehen waren kleine Körner und notreife Bestände, die die erste Hitzewelle hinterlassen hatte. In den Beiträgen mischte sich die Enttäuschung über die miese Ernte mit dem Frust über gleichzeitig niedrige Getreidepreise und hohe Kosten.
von René Rempt
Diese Notlage sah natürlich auch der Bauernverband, der daraufhin ein Hilfspaket ins Gespräch brachte und es auf der Erntepressekonferenz Anfang August selbst präsentierte. Bauernpräsident Joachim Rukwied trat vor die Kameras und forderte handfeste finanzielle Entlastungen für die Betriebe. Die für Deutschland vorgesehenen 60 Millionen Euro Düngemittelbeihilfe aus Brüssel sollten mit Bundesmitteln auf 180 Millionen verdreifacht werden. 80 Prozent der europäischen Direktzahlungen sollten bereits im Oktober auf den Höfen ankommen. Zudem forderte er eine Entlastung beim Agrardiesel und drängte auf die zügige Einführung der steuerlichen Risikoausgleichsrücklage.
Die Empörung im Minutentakt
Was sich daraufhin auf X entlud, und das schon seit mehreren Wochen, war für mich fast aufschlussreicher als die Forderungen der Agrarlobby selbst. Während ich durch meine Timeline scrollte, formierte sich dort verlässlich die gewohnte Welle der Empörung. Aus dem urbanen Umfeld kam die übliche Kritik. In unzähligen Beiträgen wurden die Landwirte als unbelehrbar, rückschrittlich und schlicht ewiggestrig abgestempelt.
Im Minutentakt las ich denselben Vorwurf. Warum rollen die Traktoren nach Berlin, wenn Beihilfen gekürzt werden, aber kein einziger Schlepper bewegt sich, um gegen die Erderwärmung und die Klimapolitik der Bundesregierung zu protestieren? Das Übliche: ,,Wenn die Grünen an der Regierung wären, hättet ihr protestiert." Warum ruft die Branche schon wieder nach Steuergeldern, statt endlich gegen den Klimawandel auf die Straße zu gehen, der ihre Böden austrocknet? Immer dasselbe Spiel, hieß es da, immer der reflexhafte Griff in die Staatskasse.
Nach dem zwanzigsten Beitrag dieser Art blieb bei mir eine ganz konkrete Frage hängen. Was genau erwarten diese Leute eigentlich von einem Landwirt? Soll er nach sechs Wochen ohne einen Tropfen Regen mit einem Pappschild vor das Bundeskanzleramt ziehen und eine Kundgebung gegen ein blockierendes Hochdruckgebiet anmelden? Soll er gegen die Hitze protestieren? Gegen drei Tage mit sengender Sonne, an denen der Weizen auf dem Halm zusammenbricht? Wogegen genau soll er demonstrieren? Gegen den Monat Juli, und das alles während einer der arbeitsreichsten Zeiten des Jahres?
Drei Ebenen, die durcheinandergehen
Ich arbeite als unabhängiger Berater mit Ackerbaubetrieben. Ich sehe tagtäglich mit eigenen Augen, was draußen auf den Feldern passiert, und ich sehe genauso nüchtern in die Bilanzen und Buchhaltungsunterlagen der Höfe. Genau aus diesem Grund stört mich an den Beiträgen auf X nicht die Kritik an der Landwirtschaft an sich. Kritik ist legitim und notwendig. Mich stört, dass hier völlig unterschiedliche Ebenen unreflektiert zusammengerührt werden. Es geht um globalen Klimaschutz, um betriebliche Klimaanpassung und um die schlichte Zahlungsfähigkeit eines Unternehmens im Spätsommer.
Nach der Ernte ist vor der Aussaat
Wer noch nie einen landwirtschaftlichen Betrieb aus der Nähe erlebt hat, stellt sich das Wirtschaftsjahr oft linear vor. Im Sommer wird geerntet, das Korn wird verkauft, und danach herrscht erst einmal Ruhe. Doch auf dem Acker gibt es keine Pause. In dem Moment, in dem die Erntemaschine das Feld verlässt, beginnt bereits das Wirtschaftsjahr der kommenden Saison. Die Stoppeln müssen bearbeitet werden, Zwischenfrüchte und Raps müssen sofort in die noch verbliebene Bodenfeuchte gesät werden, kurz darauf folgt das Wintergetreide.
Hier wird aus einer Debatte über Ernteerträge binnen weniger Wochen eine knallharte Frage der Liquidität. Die Natur wartet nicht darauf, dass sich der Weizenpreis an den Börsen erholt. Der Raps fragt vor der Aussaat nicht, ob das Vorjahr ein finanzielles Desaster war. Um die nächste Ernte überhaupt in die Erde zu bringen, muss ein Betrieb im August und September massiv in Vorleistung gehen. Neues Saatgut will bezahlt sein, Dünger muss geordert werden, die Maschinen verbrauchen Treibstoff, Pachten werden fällig, Versicherungen und Kredite müssen bedient werden. Wer im Sommer wetterbedingt deutlich weniger gedroschen hat, steht im Frühherbst vor einer gewaltigen Finanzierungslücke.
Kein Millimeter Niederschlag, aber bezahlbare Rechnungen
Nimmt man Rukwieds Forderungen nüchtern auseinander, fällt etwas Banales auf. Kein einziger Punkt aus diesem Katalog bringt auch nur einen Millimeter Niederschlag auf den Boden. Keiner senkt die Temperaturen im Hochsommer. Das ist aber auch überhaupt nicht ihr Zweck. Diese Forderungen erheben nicht einmal den Anspruch, eine Antwort auf die Klimakrise zu sein. Sie sind die nüchterne Antwort auf Rechnungen, die auf dem Schreibtisch liegen und bezahlt werden müssen.
Die vorgezogenen Direktzahlungen verschaffen schlicht schnelleren Zugriff auf Geld, das den Höfen ohnehin zusteht. Die Düngerhilfe und die Entlastung beim Treibstoff dämpfen akute Ausgaben. Die steuerfreie Risikoausgleichsrücklage ist dabei das spannendste Instrument, weil sie über das aktuelle Jahr hinausweist. Das Prinzip ist denkbar simpel. In guten Jahren mit reicher Ernte und hohen Preisen legt ein Betrieb steuerfrei Geld zurück, um in Dürrejahren davon zu leben. Eigentlich klassische unternehmerische Vorsorge. Das Problem ist nur Folgendes. Um Reserven anzusparen, braucht man erst einmal gute Jahre. Wenn sich schlechte Ernten, schwache Erzeugerpreise und hohe Betriebskosten über Jahre aneinanderreihen, ist irgendwann kein Puffer mehr vorhanden. Genau so geht es vielen Ackerbaubetrieben in den letzten drei Jahren. Dann geht es nicht mehr um Rendite, sondern um die Frage, ob der Betrieb die nächste Aussaat überhaupt noch vorfinanzieren kann.
Kritik ja, Kurzschluss nein
Man kann jede einzelne dieser Verbandsforderungen politisch und ökonomisch ablehnen. Man kann diskutieren, ob der Staat schlechte Erntejahre abfedern sollte. Man kann die Entlastung beim Agrardiesel für den falschen Hebel halten. Man kann fragen, warum öffentliche Mittel beim Dünger helfen sollen. Das ist eine vollkommen legitime wirtschaftspolitische Debatte.
Was man jedoch redlicherweise nicht tun sollte, ist, diese Debatte als Beweis dafür heranzuziehen, die Landwirte hätten den Klimawandel nicht verstanden. Ein Landwirt kann modern wirtschaften, Humus aufbauen, vielfältige Fruchtfolgen etablieren und Wasser im Boden halten, so gut es die Wissenschaft erlaubt. Wenn im Laufe des Jahres eine Dürre-, Hitze-, Kälte- oder Nässeperiode zuschlägt, verliert auch der nachhaltigste Betrieb Ertrag und damit seinen finanziellen Spielraum. Wenn derselbe Betrieb anschließend finanzielle Hilfe einfordert, um handlungsfähig zu bleiben, liegt darin kein Widerspruch.
Die Frage, wie wir unsere Landwirtschaft klimafest machen, ist existenziell. Wer diese Transformation fordert, muss den Betrieben aber die wirtschaftliche Luft zum Atmen lassen, um das nächste Frühjahr überhaupt zu erreichen. Denn ohne Geld im Herbst wächst im kommenden Jahr schlicht gar nichts.
28.04.2025
René Rempt ist Agrarwissenschaftler und Berater für regenerative No-Till-Landwirtschaft. Aufgewachsen auf einem Agrarbetrieb, sammelte er umfangreiche Praxiserfahrung im Landhandel, Biogasbereich und in Precision Farming-Projekten. Heute verbindet er traditionelle Landwirtschaft mit innovativen Technologien wie KI und digitalen Tools. Sein Hobby ist landwirtschaftliche Öffentlichkeitsarbeit. (zu finden bin ich auch auf x, LinkedIn, Instagram und tiktok)
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Die Empörung im Minutentakt
Was sich daraufhin auf X entlud, und das schon seit mehreren Wochen, war für mich fast aufschlussreicher als die Forderungen der Agrarlobby selbst. Während ich durch meine Timeline scrollte, formierte sich dort verlässlich die gewohnte Welle der Empörung. Aus dem urbanen Umfeld kam die übliche Kritik. In unzähligen Beiträgen wurden die Landwirte als unbelehrbar, rückschrittlich und schlicht ewiggestrig abgestempelt.
Im Minutentakt las ich denselben Vorwurf. Warum rollen die Traktoren nach Berlin, wenn Beihilfen gekürzt werden, aber kein einziger Schlepper bewegt sich, um gegen die Erderwärmung und die Klimapolitik der Bundesregierung zu protestieren? Das Übliche: ,,Wenn die Grünen an der Regierung wären, hättet ihr protestiert." Warum ruft die Branche schon wieder nach Steuergeldern, statt endlich gegen den Klimawandel auf die Straße zu gehen, der ihre Böden austrocknet? Immer dasselbe Spiel, hieß es da, immer der reflexhafte Griff in die Staatskasse.
Nach dem zwanzigsten Beitrag dieser Art blieb bei mir eine ganz konkrete Frage hängen. Was genau erwarten diese Leute eigentlich von einem Landwirt? Soll er nach sechs Wochen ohne einen Tropfen Regen mit einem Pappschild vor das Bundeskanzleramt ziehen und eine Kundgebung gegen ein blockierendes Hochdruckgebiet anmelden? Soll er gegen die Hitze protestieren? Gegen drei Tage mit sengender Sonne, an denen der Weizen auf dem Halm zusammenbricht? Wogegen genau soll er demonstrieren? Gegen den Monat Juli, und das alles während einer der arbeitsreichsten Zeiten des Jahres?
Drei Ebenen, die durcheinandergehen
Ich arbeite als unabhängiger Berater mit Ackerbaubetrieben. Ich sehe tagtäglich mit eigenen Augen, was draußen auf den Feldern passiert, und ich sehe genauso nüchtern in die Bilanzen und Buchhaltungsunterlagen der Höfe. Genau aus diesem Grund stört mich an den Beiträgen auf X nicht die Kritik an der Landwirtschaft an sich. Kritik ist legitim und notwendig. Mich stört, dass hier völlig unterschiedliche Ebenen unreflektiert zusammengerührt werden. Es geht um globalen Klimaschutz, um betriebliche Klimaanpassung und um die schlichte Zahlungsfähigkeit eines Unternehmens im Spätsommer.
Nach der Ernte ist vor der Aussaat
Wer noch nie einen landwirtschaftlichen Betrieb aus der Nähe erlebt hat, stellt sich das Wirtschaftsjahr oft linear vor. Im Sommer wird geerntet, das Korn wird verkauft, und danach herrscht erst einmal Ruhe. Doch auf dem Acker gibt es keine Pause. In dem Moment, in dem die Erntemaschine das Feld verlässt, beginnt bereits das Wirtschaftsjahr der kommenden Saison. Die Stoppeln müssen bearbeitet werden, Zwischenfrüchte und Raps müssen sofort in die noch verbliebene Bodenfeuchte gesät werden, kurz darauf folgt das Wintergetreide.
Hier wird aus einer Debatte über Ernteerträge binnen weniger Wochen eine knallharte Frage der Liquidität. Die Natur wartet nicht darauf, dass sich der Weizenpreis an den Börsen erholt. Der Raps fragt vor der Aussaat nicht, ob das Vorjahr ein finanzielles Desaster war. Um die nächste Ernte überhaupt in die Erde zu bringen, muss ein Betrieb im August und September massiv in Vorleistung gehen. Neues Saatgut will bezahlt sein, Dünger muss geordert werden, die Maschinen verbrauchen Treibstoff, Pachten werden fällig, Versicherungen und Kredite müssen bedient werden. Wer im Sommer wetterbedingt deutlich weniger gedroschen hat, steht im Frühherbst vor einer gewaltigen Finanzierungslücke.
Kein Millimeter Niederschlag, aber bezahlbare Rechnungen
Nimmt man Rukwieds Forderungen nüchtern auseinander, fällt etwas Banales auf. Kein einziger Punkt aus diesem Katalog bringt auch nur einen Millimeter Niederschlag auf den Boden. Keiner senkt die Temperaturen im Hochsommer. Das ist aber auch überhaupt nicht ihr Zweck. Diese Forderungen erheben nicht einmal den Anspruch, eine Antwort auf die Klimakrise zu sein. Sie sind die nüchterne Antwort auf Rechnungen, die auf dem Schreibtisch liegen und bezahlt werden müssen.
Die vorgezogenen Direktzahlungen verschaffen schlicht schnelleren Zugriff auf Geld, das den Höfen ohnehin zusteht. Die Düngerhilfe und die Entlastung beim Treibstoff dämpfen akute Ausgaben. Die steuerfreie Risikoausgleichsrücklage ist dabei das spannendste Instrument, weil sie über das aktuelle Jahr hinausweist. Das Prinzip ist denkbar simpel. In guten Jahren mit reicher Ernte und hohen Preisen legt ein Betrieb steuerfrei Geld zurück, um in Dürrejahren davon zu leben. Eigentlich klassische unternehmerische Vorsorge. Das Problem ist nur Folgendes. Um Reserven anzusparen, braucht man erst einmal gute Jahre. Wenn sich schlechte Ernten, schwache Erzeugerpreise und hohe Betriebskosten über Jahre aneinanderreihen, ist irgendwann kein Puffer mehr vorhanden. Genau so geht es vielen Ackerbaubetrieben in den letzten drei Jahren. Dann geht es nicht mehr um Rendite, sondern um die Frage, ob der Betrieb die nächste Aussaat überhaupt noch vorfinanzieren kann.
Kritik ja, Kurzschluss nein
Man kann jede einzelne dieser Verbandsforderungen politisch und ökonomisch ablehnen. Man kann diskutieren, ob der Staat schlechte Erntejahre abfedern sollte. Man kann die Entlastung beim Agrardiesel für den falschen Hebel halten. Man kann fragen, warum öffentliche Mittel beim Dünger helfen sollen. Das ist eine vollkommen legitime wirtschaftspolitische Debatte.
Was man jedoch redlicherweise nicht tun sollte, ist, diese Debatte als Beweis dafür heranzuziehen, die Landwirte hätten den Klimawandel nicht verstanden. Ein Landwirt kann modern wirtschaften, Humus aufbauen, vielfältige Fruchtfolgen etablieren und Wasser im Boden halten, so gut es die Wissenschaft erlaubt. Wenn im Laufe des Jahres eine Dürre-, Hitze-, Kälte- oder Nässeperiode zuschlägt, verliert auch der nachhaltigste Betrieb Ertrag und damit seinen finanziellen Spielraum. Wenn derselbe Betrieb anschließend finanzielle Hilfe einfordert, um handlungsfähig zu bleiben, liegt darin kein Widerspruch.
Die Frage, wie wir unsere Landwirtschaft klimafest machen, ist existenziell. Wer diese Transformation fordert, muss den Betrieben aber die wirtschaftliche Luft zum Atmen lassen, um das nächste Frühjahr überhaupt zu erreichen. Denn ohne Geld im Herbst wächst im kommenden Jahr schlicht gar nichts.
28.04.2025
René Rempt ist Agrarwissenschaftler und Berater für regenerative No-Till-Landwirtschaft. Aufgewachsen auf einem Agrarbetrieb, sammelte er umfangreiche Praxiserfahrung im Landhandel, Biogasbereich und in Precision Farming-Projekten. Heute verbindet er traditionelle Landwirtschaft mit innovativen Technologien wie KI und digitalen Tools. Sein Hobby ist landwirtschaftliche Öffentlichkeitsarbeit. (zu finden bin ich auch auf x, LinkedIn, Instagram und tiktok)
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