Der schlafende Riese erwacht
Seit einem halben Jahrhundert verharrt der Iran im Zustand eines schlafenden Riesen. Geführt - oder genauer: fest im Griff gehalten - von einer machtbesessenen Elite aus alternden Mullahs, Revolutionswächtern und Funktionären, die ein religiös aufgeladenes Herrschaftssystem errichtet haben, dessen zentrales Ziel nicht Glaube, sondern Machterhalt ist. Der Iran wurde nicht regiert, sondern ruhiggestellt. Nicht entwickelt, sondern kontrolliert.
Doch dieser Zustand ist instabil. Und das längst.
von Serdar Somuncu
Doch dieser Zustand ist instabil. Und das längst.
von Serdar Somuncu
Schon seit Jahren bröckelt die Macht der Mullahs. Nicht durch einen einzelnen Umsturz, sondern durch einen fortschreitenden Legitimationsverlust. Politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich. Was dem Regime zunehmend fehlt, ist Zustimmung. Was bleibt, ist Repression. Und Repression ist immer das Eingeständnis eigener Schwäche.
Der schleichende Autoritätsverlust
Die Proteste im Iran sind kein neues Phänomen. Bereits 1999 gingen Studierende gegen Zensur und Willkür auf die Straße. 2009 erschütterte die sogenannte Grüne Bewegung das Land, nachdem offensichtlich manipulierte Wahlergebnisse Millionen Iranerinnen und Iraner offen am demokratischen Anspruch des Systems zweifeln ließen. Die Reaktion folgte nach bekanntem Muster: Gewalt, Verhaftungen, Schweigen.
In den Jahren 2017 und 2019 kam es erneut zu landesweiten Protesten - diesmal getragen von sozialen und ökonomischen Nöten. Steigende Lebenshaltungskosten, Perspektivlosigkeit, Korruption. Die Forderungen wurden grundlegender, der Ton schärfer. Das Regime antwortete mit scharfer Munition, Internetabschaltungen und tausendfacher Verdrängung der Wahrheit.
Der Tod von **Mahsa Amini** markierte schließlich einen qualitativen Bruch. Ihr Tod war nicht Ursache, sondern Katalysator. In ihm bündelten sich jahrzehntelange Entrechtung, insbesondere von Frauen, staatliche Willkür und religiöse Bevormundung. Die folgenden Proteste waren kein punktuelles Aufflammen, sondern ein gesellschaftlicher Dammbruch. Die Angst wechselte sichtbar die Seite.
Reformrhetorik als Beruhigungsmittel
Auf diesen schwindenden Rückhalt reagierte das Regime stets mit derselben Strategie: der Inszenierung von Reformbereitschaft. Präsidenten mit moderater Sprache, diplomatischem Ton, westlich anschlussfähigen Gesten. Dialog, Öffnung, Hoffnung. Doch diese sogenannte liberale Politik blieb Fassade.
Zu keinem Zeitpunkt wurde die Machtstruktur der Islamischen Republik ernsthaft angetastet. Der Wächterrat kontrolliert weiterhin, wer überhaupt kandidieren darf. Frauen bleiben systematisch entrechtet. Opposition existiert nur innerhalb eng gezogener Grenzen. Die eigentliche Macht liegt bei religiösen Institutionen und den Revolutionsgarden - nicht bei gewählten Vertretern.
Diese Diskrepanz ist der Bevölkerung längst bewusst. Die Wahlbeteiligung sank zuletzt drastisch. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus bewusster Verweigerung. Wer nicht mehr wählt, erkennt dem System die Legitimität ab.
Die historische Chance - und ihr Preis
Der Iran steht heute an einer historischen Schwelle. Ein ideologisch erstarrtes, personell überaltertes Regime trifft auf eine junge, gebildete, digital vernetzte Gesellschaft. Dieser Widerspruch ist nicht dauerhaft auflösbar. Der schlafende Riese beginnt, sich zu regen.
Doch dieser Prozess ist riskant. Das Regime wird seine Macht nicht freiwillig abgeben. Gewalt, innere Brüche, Machtkämpfe und externe Einflussnahme sind reale Gefahren. Wer das verschweigt, betreibt Romantisierung statt Analyse.
Gleichzeitig ist klar: Ein Weiter-so ist unmöglich. Dieses System kann nicht reformiert werden, ohne sich selbst zu zerstören. Genau darin liegt seine Angst - und die Hoffnung derjenigen, die auf die Straße gehen.
Über den Iran hinaus
Ein Iran, der sich von der Geißel des Mullah-Regimes befreit, wäre mehr als ein nationaler Umbruch. Er hätte das Potenzial, die politischen Koordinaten des Nahen Ostens neu zu ordnen. Weniger ideologisch geführte Stellvertreterkriege, weniger religiöse Mobilisierung, weniger permanente Eskalation.
Der schlafende Riese ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass er seit Jahrzehnten am Aufstehen gehindert wird. Wenn er sich erhebt, wird es unruhig. Aber es könnte der Moment sein, in dem sich festgefahrene Konflikte lösen - nicht durch Dominanz, sondern durch Veränderung.
09.01.26
©Serdar Somuncu
Das neue Buch - Lügen -Kulturgeschichte einer menschlichen Schwäche"
*Serdar Somuncu ist Schauspieler und Regisseur
HIER GEHTS ZUM NEUEN BUCH
Der schleichende Autoritätsverlust
Die Proteste im Iran sind kein neues Phänomen. Bereits 1999 gingen Studierende gegen Zensur und Willkür auf die Straße. 2009 erschütterte die sogenannte Grüne Bewegung das Land, nachdem offensichtlich manipulierte Wahlergebnisse Millionen Iranerinnen und Iraner offen am demokratischen Anspruch des Systems zweifeln ließen. Die Reaktion folgte nach bekanntem Muster: Gewalt, Verhaftungen, Schweigen.
In den Jahren 2017 und 2019 kam es erneut zu landesweiten Protesten - diesmal getragen von sozialen und ökonomischen Nöten. Steigende Lebenshaltungskosten, Perspektivlosigkeit, Korruption. Die Forderungen wurden grundlegender, der Ton schärfer. Das Regime antwortete mit scharfer Munition, Internetabschaltungen und tausendfacher Verdrängung der Wahrheit.
Der Tod von **Mahsa Amini** markierte schließlich einen qualitativen Bruch. Ihr Tod war nicht Ursache, sondern Katalysator. In ihm bündelten sich jahrzehntelange Entrechtung, insbesondere von Frauen, staatliche Willkür und religiöse Bevormundung. Die folgenden Proteste waren kein punktuelles Aufflammen, sondern ein gesellschaftlicher Dammbruch. Die Angst wechselte sichtbar die Seite.
Reformrhetorik als Beruhigungsmittel
Auf diesen schwindenden Rückhalt reagierte das Regime stets mit derselben Strategie: der Inszenierung von Reformbereitschaft. Präsidenten mit moderater Sprache, diplomatischem Ton, westlich anschlussfähigen Gesten. Dialog, Öffnung, Hoffnung. Doch diese sogenannte liberale Politik blieb Fassade.
Zu keinem Zeitpunkt wurde die Machtstruktur der Islamischen Republik ernsthaft angetastet. Der Wächterrat kontrolliert weiterhin, wer überhaupt kandidieren darf. Frauen bleiben systematisch entrechtet. Opposition existiert nur innerhalb eng gezogener Grenzen. Die eigentliche Macht liegt bei religiösen Institutionen und den Revolutionsgarden - nicht bei gewählten Vertretern.
Diese Diskrepanz ist der Bevölkerung längst bewusst. Die Wahlbeteiligung sank zuletzt drastisch. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus bewusster Verweigerung. Wer nicht mehr wählt, erkennt dem System die Legitimität ab.
Die historische Chance - und ihr Preis
Der Iran steht heute an einer historischen Schwelle. Ein ideologisch erstarrtes, personell überaltertes Regime trifft auf eine junge, gebildete, digital vernetzte Gesellschaft. Dieser Widerspruch ist nicht dauerhaft auflösbar. Der schlafende Riese beginnt, sich zu regen.
Doch dieser Prozess ist riskant. Das Regime wird seine Macht nicht freiwillig abgeben. Gewalt, innere Brüche, Machtkämpfe und externe Einflussnahme sind reale Gefahren. Wer das verschweigt, betreibt Romantisierung statt Analyse.
Gleichzeitig ist klar: Ein Weiter-so ist unmöglich. Dieses System kann nicht reformiert werden, ohne sich selbst zu zerstören. Genau darin liegt seine Angst - und die Hoffnung derjenigen, die auf die Straße gehen.
Über den Iran hinaus
Ein Iran, der sich von der Geißel des Mullah-Regimes befreit, wäre mehr als ein nationaler Umbruch. Er hätte das Potenzial, die politischen Koordinaten des Nahen Ostens neu zu ordnen. Weniger ideologisch geführte Stellvertreterkriege, weniger religiöse Mobilisierung, weniger permanente Eskalation.
Der schlafende Riese ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass er seit Jahrzehnten am Aufstehen gehindert wird. Wenn er sich erhebt, wird es unruhig. Aber es könnte der Moment sein, in dem sich festgefahrene Konflikte lösen - nicht durch Dominanz, sondern durch Veränderung.
09.01.26
©Serdar Somuncu
Das neue Buch - Lügen -Kulturgeschichte einer menschlichen Schwäche"
*Serdar Somuncu ist Schauspieler und Regisseur
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Im Iran wird Herrschaft längst nicht mehr allein durch Ideologie, religiöse Vorschriften oder offene Gewalt gesichert, sondern durch Knappheit. Durch das gezielte Unsicher-Machen von Dingen, die zum Leben notwendig sind: Wasser, Strom, Brot, Medikamente, Internet. Nichts davon wird vollständig entzogen. Alles bleibt theoretisch vorhanden. Praktisch jedoch unzuverlässig, regional unterschiedlich, jederzeit widerrufbar.
Wasser ist dabei das wirkungsvollste Instrument. Nicht, weil es spektakulär wäre, sondern weil es alltäglich ist. Jeder nutzt es täglich. Kaum jemand denkt darüber nach, solange es aus dem Hahn kommt. Genau darin liegt seine Macht. Wer das Wasser kontrolliert, kontrolliert Gesundheit, Landwirtschaft, Ernährung, Industrie – und am Ende das Verhalten.
Die Proteste der letzten Jahre im Iran richteten sich nicht nur gegen kulturelle Bevormundung oder politische Repression. Sie richteten sich gegen das Umleiten von Flüssen, gegen ausgetrocknete Felder, gegen Städte ohne verlässliche Versorgung. Wasserknappheit ist dort kein Naturereignis, sondern ein politisches Werkzeug: administriert, erklärbar, abstreitbar.
Dieses Prinzip ist kein iranischer Sonderfall. Wer verstehen will, wie leise Macht funktioniert, muss nicht einmal im Iran bleiben. In Şanlıurfa, im überwiegend kurdisch geprägten Ostanatolien, wird der Atatürk-Staudamm am Euphrat als Touristenattraktion vermarktet – als Symbol von Fortschritt und technischer Stärke. Gleichzeitig erzählen Einheimische ganz selbstverständlich von der Abhängigkeit Syriens von diesem Stausee. Von zugesagten Wassermengen, die in politischen Krisenphasen drastisch reduziert werden. Kein Geheimnis, keine Empörung. Ein Schulterzucken. Macht, die so normal geworden ist, dass sie kaum noch als solche wahrgenommen wird.
Kein Schuss fällt, kein Soldat marschiert ein. Und doch sterben Felder, verlieren Menschen ihre Existenz, werden Gesellschaften erpressbar. Wasser wird zur lautlosen Geisel – effektiver als jede Invasion.
Herrschaft durch Knappheit funktioniert nicht über Angst allein, sondern über Erschöpfung. Wer täglich organisiert, improvisiert und wartet, protestiert nicht. Wer um Grundversorgung kämpft, hat keine Kraft für politische Auseinandersetzung. Knappheit bindet Zeit, Energie und Aufmerksamkeit – und genau das macht sie so stabil.
Diese Form der Macht ist unscheinbar, legal, technisch. Sie produziert keine Bilder, keine Schlagzeilen, keine klaren Schuldigen. Und genau deshalb ist sie so gefährlich. Denn solange das Wasser irgendwo noch fließt, fragt niemand, wem es gehört – oder warum es anderswo nicht mehr ankommt.