Ursache und Wirkung - Wie Terror unsere Gesellschaft spaltet

Ursache und Wirkung - Wie Terror unsere Gesellschaft spaltet

Mittlerweile gehört es fast schon mit bedrückender Regelmäßigkeit zu unserer Wirklichkeit: Ein fanatisierter Attentäter greift unsere offene Gesellschaft an. Mit Mitteln und Waffen, die die Menschenverachtung seiner Ideologie widerspiegeln. Und jedes Mal geraten nicht nur das Leben unschuldiger Menschen aus den Fugen, sondern auch unser Vertrauen in eine gerechte und sichere Welt. Wir erleben auf grausame Weise, wie Verblendung, Fanatismus und Hass immer näher an unseren Alltag heranrücken.

von Serdar Somuncu
Gleichzeitig wird beinahe jeder Anschlag sofort zum politischen Instrument. Noch bevor die Opfer betrauert und die Hintergründe aufgeklärt sind, beginnen Schuldzuweisungen, ideologische Vereinnahmungen und mediale Kampagnen. Die einen sehen ihre Vorurteile bestätigt, die anderen relativieren die Tat, um ihr eigenes Weltbild zu schützen. Beides wird den Opfern nicht gerecht. Gerade in solchen Momenten stünden uns allen zunächst Zurückhaltung, Respekt vor den Betroffenen und die Bereitschaft, die Fakten abzuwarten, besser zu Gesicht als vorschnelle Urteile.

Terror entsteht nicht im luftleeren Raum. Das bedeutet weder, ihn zu entschuldigen, noch seine Täter zu relativieren. Die Verantwortung für eine Gewalttat trägt immer derjenige, der sie begeht. Wer Menschen ermordet, entscheidet sich bewusst gegen jede Form von Menschlichkeit. Dennoch wäre es ebenso falsch, so zu tun, als entstünde Radikalisierung ohne gesellschaftliche, politische oder historische Zusammenhänge. Gewalt hat Ursachen - und diese zu benennen, heißt nicht, sie zu rechtfertigen.

Wir leben in einer Welt, in der Kriege, Armut, Ausbeutung und Perspektivlosigkeit Millionen Menschen betreffen. Wo Hoffnung schwindet, gewinnen Ideologien leichter an Einfluss. Extremistische Bewegungen - gleich welcher religiösen oder politischen Ausrichtung - nutzen genau diese Verzweiflung aus und verwandeln sie in Hass. Das entbindet niemanden von seiner persönlichen Verantwortung. Es erklärt lediglich, warum Terrorismus immer wieder neue Anhänger findet.

Auch Anschläge auf Veranstaltungen, die für Freiheit, Vielfalt und Selbstbestimmung stehen, zeigen, wie verletzlich eine offene Gesellschaft geworden ist. Angegriffen werden nicht nur einzelne Menschen, sondern die Idee, dass jeder sein Leben frei und ohne Angst führen darf. Genau diese Freiheit dürfen wir nicht preisgeben - weder aus Angst noch aus Wut.

Wer nun einfache Antworten verspricht, macht es sich zu leicht. Weder die Parolen der Extremisten noch eine naive Gleichgültigkeit gegenüber den Problemen unserer Zeit werden uns weiterbringen. Ebenso wenig hilft es, ganze Bevölkerungsgruppen oder Religionen unter Generalverdacht zu stellen. Die überwältigende Mehrheit der Menschen - unabhängig von Herkunft, Kultur oder Glauben - lehnt Gewalt entschieden ab.

Es braucht stattdessen den Mut zu einer ehrlichen Analyse. Internationale Organisationen und zahlreiche wissenschaftliche Studien weisen seit Jahren darauf hin, dass extreme soziale Ungleichheit, fehlende Bildungschancen, Korruption und ungelöste Konflikte Instabilität und Radikalisierung begünstigen. Eine gerechtere Welt allein wird Terror nicht verhindern. Aber eine ungerechte Welt erleichtert es seinen Ideologen, Menschen für ihre Ziele zu gewinnen.

Unsere Aufgabe besteht deshalb darin, Ungerechtigkeit nicht gleichgültig hinzunehmen. Solidarität darf nicht an Staatsgrenzen oder kulturellen Unterschieden enden. Mitgefühl ist keine Schwäche, sondern eine Voraussetzung für eine friedliche Gesellschaft. Gleichzeitig dürfen wir von jedem, der in einer demokratischen Gesellschaft lebt, erwarten, ihre Regeln uneingeschränkt zu respektieren. Nicht religiöse Gebote oder politische Heilsversprechen stehen über dem Gesetz, sondern die freiheitlich-demokratische Ordnung, die für alle gleichermaßen gilt.

Wenn wir unsere Freiheit bewahren wollen, müssen wir beides zugleich leisten: den Terror mit der ganzen Konsequenz des Rechtsstaats bekämpfen und gleichzeitig den Nährboden austrocknen, auf dem Fanatismus gedeiht. Wer nur die Täter sieht, übersieht die Ursachen. Wer nur die Ursachen sieht, verkennt die Verantwortung der Täter. Erst wenn wir beides zusammen denken, haben wir eine Chance, den Kreislauf aus Gewalt, Angst und gesellschaftlicher Spaltung zu durchbrechen. Denn eine freie Gesellschaft verteidigt sich nicht allein mit Stärke, sondern auch mit Vernunft, Gerechtigkeit und der Fähigkeit, die Wirklichkeit auszuhalten - selbst dann, wenn sie unbequem ist.


27.07.26
©Serdar Somuncu
Das neue Buch - Lügen -Kulturgeschichte einer menschlichen Schwäche"
*Serdar Somuncu ist Schauspieler und Regisseur

HIER GEHTS ZUM NEUEN BUCH
Schreibe einen Kommentar
Datenschutzhinweis