Walrückblick
Selten ist über einen Walausgang so diskutiert worden wie über die Rettung von Timmy. Nach dem Walduell zwischen Mensch und Tier ist es nun an der Zeit für eine Walnachlese.
von Alexander Kira
von Alexander Kira
Am Ende schließt sich der Kreis. Als Johan Wolfgang von Goethe 1809 die Wahlverwandtschaften schrieb, hatte er in Wirklichkeit eine Art Moby Dick in der Ilm im Weimarer Schlossgarten im Sinn. Arbeitstitel war folgerichtig auch Walverwandtschaften. Inspiriert von einem längeren Grillabend auf Rügen - und einer leichten Überdosis Granatapfel - bei dem Timmy angeblich engagiert durch die Bucht geschwommen ist. Das ist nicht metaphorisch gemeint; Wale haben eine lange Lebenserwartung - Timmys Vetter der Grönlandwal lebt gerne mal 200 Jahre.
Berücksichtigt man diese Lebenserwartung, wird das Verhalten von Timmy erklärlich. Er hatte sich nicht festgeschwommen...er hatte einfach keine Lust mehr. Über seinen Kopf ist bereits der Kaiser mit der SMY Hohenzollern II geschippert. Der Besatzung vom Boot musste er ständig ausweichen und hat ,,It's a Long Way to Tipperary" seitdem als Ohrwurm in seinem empfindlichen Gehör. Dann der ganze Kriegswahnsinn und die Atom-U-Boote des kalten Krieges. Und als er sich endlich an den Lärm der Squashplätze auf den Ölbohrinseln und der Windräder gewöhnt hatte, flogen ihm die Nord-Stream-Pipelines um die Ohren.
Wundert sich da einer, dass Timmy nicht mehr wollte? Was soll noch kommen? Etwa die bereits zum ,,Seuchenschiff" erklärte MV Hondius mit ihren maladen Reisenden gar die Christina O aus Triangel of Sadness nebst ihren Multimilliardären? Doch gerade das Zeitgeschehen führte dazu, dass Timmy sich am Ende doch in den schwimmenden Swimmingpool verfrachten ließ: Die tapferen Retter hatten ihn zuerst unter keinen Umständen überreden können, es noch einmal zu versuchen. Verständlich. Doch als bei der Hubschrauberrettung eines seiner Retter ein Handy ins Wasser fiel, warf er leider eines seiner müden Augen darauf und sah die Tagesschau. Damit war es um ihn geschehen und er wollte nur noch weg.
Denn er hatte sofort einen Verdacht. Was, wenn die Retter aufgeben und die PR-Abteilung der Marine auf die Idee kommen würde, nun die Rettung zu übernehmen? Timmy ist der Traum jedes PR-Beraters - insbesondere für die neue Zielgruppe der Gen-Z-Soldaten: Die Tarnanzüge sind schon grün, nun zieht die Marine ,,auf Mission Walrettung" nach; mit der Rainbow Warrier III. Auf Plakatsäulen und Straßenbahnen würde sich dies perfekt in die Reihe der bereits eingeführten Namen für Kriegsgerät wie ,,Marder" und ,,Leopard" einreihen.
Im Sinne einer zukünftigen geopolitischen Bedeutung Deutschlands könnte man den Wal dann bei der Rettung gleich in die Straße von Hormus schleppen. Vorgeblich, weil er dann nur sehr schwer zurück kann - in Wirklichkeit, weil er dort gleich als Diplomat der Wahl aktiv sein könnte: Wer will sich schon bekriegen, wenn ein possierlicher Wal friedlich seine Bahnen in den azurfarbenen Gestaden der Straße von Hormus schwimmt?
Das wäre der Coup, den die Bundesregierung bräuchte, um ihre Sympathiewerte wieder in den Bereich des Messbaren zu bringen. Helmut Kohl wurde immer als Elefant bezeichnet, was ihn immerhin durch 16 Jahre Kanzlerschaft gebracht hatte. Was wäre erst, wenn unser Bundeskanzler es schaffen würde, in der Wahrnehmung der Wähler als Wahl wahrgenommen zu werden? Auch wählerischste Wähler hätten keine Zweifel mehr bei ihrer Wahlentscheidung, selbst der Wahl-O-Mat würde nur einen Wahlausgang wahrnehmen.
Der bescheidene Satiriker dieser Zeilen ist sich dessen bewusst, dass diese Folgerungskette trotz ihrer Stringenz für manche weit hergeholt scheint. Doch sie fußt auf einem Indizienbeweis. Denn Timmy hat wie bereits erwähnt ein sehr gutes Gehör. Mit diesem hatte er zufällig den Schiffschor der Gorch Fock gehört, der sich allabendlich an Deck trifft. Zuerst hatte dieser den Wal mit der Liedvariante ,,Kleiner Wal, schwimm nach Helgoland. Bring dem Mädchen, das ich liebe, einen Gruß." besungen. Doch die Metaphorik erschien der Besatzung trotz hohen Seegangs etwas holprig. Deshalb wurde schnell ein ganz neues Shanty auf dem Schifferklavier verfasst - und da wurde Timmy dann doch stutzig:
,,Timmy der Wal / schwimmt nur wenn er muss / deswegen schwimmt er nun mit uns / bis zur Straße / zur Straße / zur Straße von Hormus"
12.05.2026
Alexander Kira hat über internationalen Menschenrechtsschutz provomiert und ist Jurist, Moderator und Kabarettist. Er lebt und schreibt im Herzen von Berlin.
HIER GEHTS ZUM NEUEN BUCH
Berücksichtigt man diese Lebenserwartung, wird das Verhalten von Timmy erklärlich. Er hatte sich nicht festgeschwommen...er hatte einfach keine Lust mehr. Über seinen Kopf ist bereits der Kaiser mit der SMY Hohenzollern II geschippert. Der Besatzung vom Boot musste er ständig ausweichen und hat ,,It's a Long Way to Tipperary" seitdem als Ohrwurm in seinem empfindlichen Gehör. Dann der ganze Kriegswahnsinn und die Atom-U-Boote des kalten Krieges. Und als er sich endlich an den Lärm der Squashplätze auf den Ölbohrinseln und der Windräder gewöhnt hatte, flogen ihm die Nord-Stream-Pipelines um die Ohren.
Wundert sich da einer, dass Timmy nicht mehr wollte? Was soll noch kommen? Etwa die bereits zum ,,Seuchenschiff" erklärte MV Hondius mit ihren maladen Reisenden gar die Christina O aus Triangel of Sadness nebst ihren Multimilliardären? Doch gerade das Zeitgeschehen führte dazu, dass Timmy sich am Ende doch in den schwimmenden Swimmingpool verfrachten ließ: Die tapferen Retter hatten ihn zuerst unter keinen Umständen überreden können, es noch einmal zu versuchen. Verständlich. Doch als bei der Hubschrauberrettung eines seiner Retter ein Handy ins Wasser fiel, warf er leider eines seiner müden Augen darauf und sah die Tagesschau. Damit war es um ihn geschehen und er wollte nur noch weg.
Denn er hatte sofort einen Verdacht. Was, wenn die Retter aufgeben und die PR-Abteilung der Marine auf die Idee kommen würde, nun die Rettung zu übernehmen? Timmy ist der Traum jedes PR-Beraters - insbesondere für die neue Zielgruppe der Gen-Z-Soldaten: Die Tarnanzüge sind schon grün, nun zieht die Marine ,,auf Mission Walrettung" nach; mit der Rainbow Warrier III. Auf Plakatsäulen und Straßenbahnen würde sich dies perfekt in die Reihe der bereits eingeführten Namen für Kriegsgerät wie ,,Marder" und ,,Leopard" einreihen.
Im Sinne einer zukünftigen geopolitischen Bedeutung Deutschlands könnte man den Wal dann bei der Rettung gleich in die Straße von Hormus schleppen. Vorgeblich, weil er dann nur sehr schwer zurück kann - in Wirklichkeit, weil er dort gleich als Diplomat der Wahl aktiv sein könnte: Wer will sich schon bekriegen, wenn ein possierlicher Wal friedlich seine Bahnen in den azurfarbenen Gestaden der Straße von Hormus schwimmt?
Das wäre der Coup, den die Bundesregierung bräuchte, um ihre Sympathiewerte wieder in den Bereich des Messbaren zu bringen. Helmut Kohl wurde immer als Elefant bezeichnet, was ihn immerhin durch 16 Jahre Kanzlerschaft gebracht hatte. Was wäre erst, wenn unser Bundeskanzler es schaffen würde, in der Wahrnehmung der Wähler als Wahl wahrgenommen zu werden? Auch wählerischste Wähler hätten keine Zweifel mehr bei ihrer Wahlentscheidung, selbst der Wahl-O-Mat würde nur einen Wahlausgang wahrnehmen.
Der bescheidene Satiriker dieser Zeilen ist sich dessen bewusst, dass diese Folgerungskette trotz ihrer Stringenz für manche weit hergeholt scheint. Doch sie fußt auf einem Indizienbeweis. Denn Timmy hat wie bereits erwähnt ein sehr gutes Gehör. Mit diesem hatte er zufällig den Schiffschor der Gorch Fock gehört, der sich allabendlich an Deck trifft. Zuerst hatte dieser den Wal mit der Liedvariante ,,Kleiner Wal, schwimm nach Helgoland. Bring dem Mädchen, das ich liebe, einen Gruß." besungen. Doch die Metaphorik erschien der Besatzung trotz hohen Seegangs etwas holprig. Deshalb wurde schnell ein ganz neues Shanty auf dem Schifferklavier verfasst - und da wurde Timmy dann doch stutzig:
,,Timmy der Wal / schwimmt nur wenn er muss / deswegen schwimmt er nun mit uns / bis zur Straße / zur Straße / zur Straße von Hormus"
12.05.2026
Alexander Kira hat über internationalen Menschenrechtsschutz provomiert und ist Jurist, Moderator und Kabarettist. Er lebt und schreibt im Herzen von Berlin.
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