Die große Shitshow
Man kann sich das alles inzwischen wie ein schlecht inszeniertes Theaterstück vorstellen, nur dass niemand mehr weiß, wer eigentlich Regie führt. Bühne: Öffentlichkeit. Requisiten: Vorwürfe, Empörung, Hashtags. Publikum: wir alle. Und irgendwo zwischen Tragödie, Boulevard und moralischem Improvisationstheater spielt sich die große Ulmen Shitshow ab.
von Serdar Somuncu
von Serdar Somuncu
Was diesen Fall so bemerkenswert macht, ist nicht nur das, was behauptet wird, sondern die Geschwindigkeit und die Lust, mit der daraus ein öffentliches Spektakel gemacht wird. Kaum waren die ersten Vorwürfe im Raum, lief die Maschinerie an wie ein perfekt geölter Apparat: Medien, Aktivisten, Prominente - alle griffbereit, alle vorbereitet, alle mit fertigen Sätzen in der Tasche. Es ist, als würde man auf ein Stichwort warten, um die immer gleichen Rollen zu besetzen. Was wir beobachten, ist weniger Aufklärung als Inszenierung. Der Übergang vom Verdacht zur moralischen Gewissheit erfolgt heute nicht mehr über Beweise, sondern über Wiederholung, Lautstärke und Haltungssimulation. Wer am schnellsten, am deutlichsten und am emotionalsten reagiert, gewinnt kurzfristig die Deutungshoheit. Dass dabei die Faktenlage oft hinterherhinkt, wird nicht als Problem empfunden, sondern als Detail.
Und dann kommt ein zweites Phänomen dazu, das fast noch entlarvender ist: die sofort einsetzende Meme- und Wortspielkultur. Noch bevor irgendetwas geklärt ist, entstehen Begriffe, Spitznamen, Verballhornungen - aus Collien Fernandes wird in Teilen des Netzes innerhalb kürzester Zeit ,,zu Erfandes". Das ist nicht nur geschmacklos, es zeigt vor allem, wie schnell ein realer Mensch in der öffentlichen Wahrnehmung zur Projektionsfläche wird. Es geht dann nicht mehr um den konkreten Fall, sondern um ein Narrativ, das sich verselbständigt und in dem Ironie, Häme und moralische Überlegenheit miteinander verschwimmen. Diese Form der digitalen Verarbeitung ist keine Randerscheinung, sondern zentraler Bestandteil der Dynamik: Sie entmenschlicht, vereinfacht und beschleunigt.
Besonders auffällig ist dabei die Haltung jener, die sich selbst als Teil eines progressiven, feministischen Diskurses verstehen. Der Feminismus, der einmal als ernsthafte, notwendige und historisch begründete Bewegung für Gleichberechtigung stand, wirkt in solchen Momenten wie eine Karikatur seiner selbst. Nicht, weil das Anliegen falsch wäre - im Gegenteil. Sondern weil es in der aktuellen Praxis häufig durch eine Mischung aus Pathos, moralischer Überhöhung und selektiver Empörung ersetzt wird. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wo verläuft eigentlich die Grenze zwischen Engagement und Inszenierung? Echtes Engagement ist unbequem, langfristig, oft leise und selten glamourös. Es besteht aus Arbeit, aus Differenzierung, aus der Bereitschaft, auch dann hinzusehen, wenn es nicht ins eigene Weltbild passt. Aktivismus hingegen - zumindest in seiner heutigen, medial verwertbaren Form - ist oft das Gegenteil: laut, schnell, eindeutig und vor allem sichtbar. Pathos ersetzt Argument, Haltung ersetzt Analyse. Und das Ergebnis ist eine Debatte, die mehr mit Selbstvergewisserung als mit Erkenntnis zu tun hat.
Gerade im aktuellen Fall zeigt sich diese Verschiebung besonders deutlich. Die gleichen Stimmen, die in anderen Kontexten differenzierte Betrachtung einfordern, sind hier auffallend schnell mit klaren Urteilen zur Stelle. Und es sind nicht selten genau diejenigen, die selbst in der Vergangenheit durch Grenzüberschreitungen, Doppelmoral oder fragwürdige Inszenierungen aufgefallen sind, die nun mit maximaler moralischer Schärfe auftreten. Das ist kein Zufall. Es ist ein Mechanismus: Wer laut urteilt, wird selten selbst hinterfragt. In dieses Bild passt auch die Art und Weise, wie Collien Fernandes selbst in die Öffentlichkeit tritt. Der Auftritt in Hamburg wirkte weniger wie ein kontrollierter, reflektierter Umgang mit einer hochsensiblen Situation, sondern eher wie ein Moment, in dem Emotionalität und Inszenierung ineinandergriffen. Die anschließend angekündigte Deutschland-Tour verstärkte diesen Eindruck noch. Wenn ein hochkomplexer, juristisch ungeklärter Sachverhalt in eine Form überführt wird, die an öffentliche Aufarbeitungsshows erinnert, stellt sich zwangsläufig die Frage nach der Motivation. Geht es hier um Aufklärung - oder um Deutungshoheit?
Gleichzeitig wird ein Narrativ aufgebaut, das kaum noch Raum für Widerspruch lässt. Wer Zweifel äußert, wird schnell in eine Ecke gestellt. Wer Differenzierung einfordert, gilt als unsensibel. Dabei ist genau das der Punkt: Differenzierung ist keine Relativierung, sondern Voraussetzung jeder ernsthaften Auseinandersetzung. Was zusätzlich irritiert, ist die selektive Wahrnehmung von Widersprüchen. Während jede kleinste Inkonsistenz auf der einen Seite sofort skandalisiert wird, werden Unklarheiten auf der anderen Seite erstaunlich großzügig übergangen. Aussagen, die nicht zusammenpassen, zeitliche Abläufe, die Fragen aufwerfen, fehlende Belege - all das verschwindet oft hinter der größeren Erzählung, die längst feststeht.
Und genau hier schließt sich der Kreis zur medialen Dynamik. Denn diese lebt nicht von Klarheit, sondern von Zuspitzung. Nicht von Wahrheit, sondern von Aufmerksamkeit. Das System belohnt nicht den, der abwägt, sondern den, der zuspitzt. Und so entsteht eine Spirale, in der sich Empörung selbst verstärkt und Realität zunehmend zweitrangig wird. Vielleicht ist das der eigentliche Kern dieser Shitshow: dass sie weniger über den konkreten Fall aussagt als über den Zustand unserer öffentlichen Debattenkultur. Über die Bereitschaft, komplexe Sachverhalte in einfache Narrative zu pressen. Über die Lust, moralisch zu urteilen, bevor man versteht. Und über eine Form von Aktivismus, die sich oft mehr für ihre eigene Sichtbarkeit interessiert als für die Konsequenzen ihres Handelns.
Am Ende bleibt deshalb nicht die Frage, wer hier recht hat. Dafür gibt es Verfahren, Beweise und - im Idealfall - ein funktionierendes Rechtssystem. Die interessantere Frage ist, warum wir immer wieder bereit sind, uns an solchen öffentlichen Tribunalen zu beteiligen. Warum wir die gleiche Dramaturgie immer wieder akzeptieren. Und warum wir scheinbar nichts daraus lernen. Oder anders gesagt: Vielleicht geht es gar nicht mehr nur um den Fall selbst. Sondern um das, was wir daraus machen.
27.03.26
©Serdar Somuncu
Das neue Buch - Lügen -Kulturgeschichte einer menschlichen Schwäche"
*Serdar Somuncu ist Schauspieler und Regisseur
HIER GEHTS ZUM NEUEN BUCH
Und dann kommt ein zweites Phänomen dazu, das fast noch entlarvender ist: die sofort einsetzende Meme- und Wortspielkultur. Noch bevor irgendetwas geklärt ist, entstehen Begriffe, Spitznamen, Verballhornungen - aus Collien Fernandes wird in Teilen des Netzes innerhalb kürzester Zeit ,,zu Erfandes". Das ist nicht nur geschmacklos, es zeigt vor allem, wie schnell ein realer Mensch in der öffentlichen Wahrnehmung zur Projektionsfläche wird. Es geht dann nicht mehr um den konkreten Fall, sondern um ein Narrativ, das sich verselbständigt und in dem Ironie, Häme und moralische Überlegenheit miteinander verschwimmen. Diese Form der digitalen Verarbeitung ist keine Randerscheinung, sondern zentraler Bestandteil der Dynamik: Sie entmenschlicht, vereinfacht und beschleunigt.
Besonders auffällig ist dabei die Haltung jener, die sich selbst als Teil eines progressiven, feministischen Diskurses verstehen. Der Feminismus, der einmal als ernsthafte, notwendige und historisch begründete Bewegung für Gleichberechtigung stand, wirkt in solchen Momenten wie eine Karikatur seiner selbst. Nicht, weil das Anliegen falsch wäre - im Gegenteil. Sondern weil es in der aktuellen Praxis häufig durch eine Mischung aus Pathos, moralischer Überhöhung und selektiver Empörung ersetzt wird. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wo verläuft eigentlich die Grenze zwischen Engagement und Inszenierung? Echtes Engagement ist unbequem, langfristig, oft leise und selten glamourös. Es besteht aus Arbeit, aus Differenzierung, aus der Bereitschaft, auch dann hinzusehen, wenn es nicht ins eigene Weltbild passt. Aktivismus hingegen - zumindest in seiner heutigen, medial verwertbaren Form - ist oft das Gegenteil: laut, schnell, eindeutig und vor allem sichtbar. Pathos ersetzt Argument, Haltung ersetzt Analyse. Und das Ergebnis ist eine Debatte, die mehr mit Selbstvergewisserung als mit Erkenntnis zu tun hat.
Gerade im aktuellen Fall zeigt sich diese Verschiebung besonders deutlich. Die gleichen Stimmen, die in anderen Kontexten differenzierte Betrachtung einfordern, sind hier auffallend schnell mit klaren Urteilen zur Stelle. Und es sind nicht selten genau diejenigen, die selbst in der Vergangenheit durch Grenzüberschreitungen, Doppelmoral oder fragwürdige Inszenierungen aufgefallen sind, die nun mit maximaler moralischer Schärfe auftreten. Das ist kein Zufall. Es ist ein Mechanismus: Wer laut urteilt, wird selten selbst hinterfragt. In dieses Bild passt auch die Art und Weise, wie Collien Fernandes selbst in die Öffentlichkeit tritt. Der Auftritt in Hamburg wirkte weniger wie ein kontrollierter, reflektierter Umgang mit einer hochsensiblen Situation, sondern eher wie ein Moment, in dem Emotionalität und Inszenierung ineinandergriffen. Die anschließend angekündigte Deutschland-Tour verstärkte diesen Eindruck noch. Wenn ein hochkomplexer, juristisch ungeklärter Sachverhalt in eine Form überführt wird, die an öffentliche Aufarbeitungsshows erinnert, stellt sich zwangsläufig die Frage nach der Motivation. Geht es hier um Aufklärung - oder um Deutungshoheit?
Gleichzeitig wird ein Narrativ aufgebaut, das kaum noch Raum für Widerspruch lässt. Wer Zweifel äußert, wird schnell in eine Ecke gestellt. Wer Differenzierung einfordert, gilt als unsensibel. Dabei ist genau das der Punkt: Differenzierung ist keine Relativierung, sondern Voraussetzung jeder ernsthaften Auseinandersetzung. Was zusätzlich irritiert, ist die selektive Wahrnehmung von Widersprüchen. Während jede kleinste Inkonsistenz auf der einen Seite sofort skandalisiert wird, werden Unklarheiten auf der anderen Seite erstaunlich großzügig übergangen. Aussagen, die nicht zusammenpassen, zeitliche Abläufe, die Fragen aufwerfen, fehlende Belege - all das verschwindet oft hinter der größeren Erzählung, die längst feststeht.
Und genau hier schließt sich der Kreis zur medialen Dynamik. Denn diese lebt nicht von Klarheit, sondern von Zuspitzung. Nicht von Wahrheit, sondern von Aufmerksamkeit. Das System belohnt nicht den, der abwägt, sondern den, der zuspitzt. Und so entsteht eine Spirale, in der sich Empörung selbst verstärkt und Realität zunehmend zweitrangig wird. Vielleicht ist das der eigentliche Kern dieser Shitshow: dass sie weniger über den konkreten Fall aussagt als über den Zustand unserer öffentlichen Debattenkultur. Über die Bereitschaft, komplexe Sachverhalte in einfache Narrative zu pressen. Über die Lust, moralisch zu urteilen, bevor man versteht. Und über eine Form von Aktivismus, die sich oft mehr für ihre eigene Sichtbarkeit interessiert als für die Konsequenzen ihres Handelns.
Am Ende bleibt deshalb nicht die Frage, wer hier recht hat. Dafür gibt es Verfahren, Beweise und - im Idealfall - ein funktionierendes Rechtssystem. Die interessantere Frage ist, warum wir immer wieder bereit sind, uns an solchen öffentlichen Tribunalen zu beteiligen. Warum wir die gleiche Dramaturgie immer wieder akzeptieren. Und warum wir scheinbar nichts daraus lernen. Oder anders gesagt: Vielleicht geht es gar nicht mehr nur um den Fall selbst. Sondern um das, was wir daraus machen.
27.03.26
©Serdar Somuncu
Das neue Buch - Lügen -Kulturgeschichte einer menschlichen Schwäche"
*Serdar Somuncu ist Schauspieler und Regisseur
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""Der Täter hat die Taten zugegeben ".
Diese Aussage stützt sich auf eine Behauptung des vermeintlichen Opfers.
Es stellt Niemand auch die Verfasserin des Kommentars auf den Sie sich beziehen in Abrede,dass die Taten sich so wie Frau F.behauptet nicht tatsächlich ereignet haben können.Die Betonung liegt hierbei auf können..
Gott sei Dank leben wir aber in in einem Rechtsstaat und so obliegt es am Ende einem Gericht und nicht der breiten Öffentlichkeit nach gesicherter Ermittlungslage welche durch Polizei und Staatsanwaltschaft zu erfolgen hat eine Person für schuldig und somit als Täter zu benennen .
Bevor diese Ermittlungsverfahren/ Gerichtsverfahren nicht abgeschlossen sind gilt die Unschuldsvermutung und ist es somit unzulässig eine Person öffentlich als Täter zu bezeichnen.
Letzteres stellt gar einen Straftatbestand dar.
Diese Handhabe dient letztendlich dem Schutz von uns allen .
Man stelle sich vor es passiert in der Nachbarschaft ein Mord und Sie Franz finden sich plötzlich in einer JVA wieder ohne Ermittlungsverfahren,ohne Gerichtsverhandlung und entsprechendem Urteil, erhalten eine Haftstrafe mit gar anschließender Sicherheitsverwahrung und Sie argumentieren und fragen wie kann das sein und würden zur Antwort erhalten Person XY behauptet Sie haben ihr die Tat gestanden.
Insofern finde ich persönlich können wir uns froh und glücklich schätzen in einem Staat zu leben in dem bis zum Beweis des Gegenteils die Unschuldsvermutung gilt und jeder Mensch das Recht auf ein faires Ermittlungs- und Gerichtsverfahren hat.
Tja, was soll man bei solchen Argumenten noch erwidern.
Zum Text: 100% Zustimmung