Es ist auch mein Verein

Es ist auch mein Verein

Ich liebe den Fußball. Und ich liebe meinen Verein. Seit meiner Kindheit fiebere ich mit bei jedem Spiel. Fast jedes Wochenende bin ich im Stadion. Ich habe die Höhen und die Tiefen mitgemacht, und es fühlt sich so an, als würde dieser Verein mich mein ganzes Leben lang begleiten. Als Fußballfan weiß man, dass die Liebe zu einem Verein unkündbar ist. Sie geht durch Krisen und Erfolge. Man leidet und man feiert.

von Serdar Somuncu
In den letzten Jahren war es für mich nicht leicht. Mein Verein dümpelt irgendwo in der Tabellenmitte vor sich hin. Spieler kommen und gehen. Und mal kämpfen ,,wir" gegen den Abstieg, mal um Europa. Von der Meisterschaft können wir nur träumen. Wir blicken neidisch auf andere Vereine, die sich modernisieren konnten und den Großen die Stirn bieten. Und wir blicken wehmütig zurück auf die Zeiten, in denen wir noch zu den Großen gehörten. In meiner Kindheit stand mein Verein für das Verwegene und Anarchistische. Wir waren das Gegenstück zur Spießigkeit. Unsere Spieler trugen lange Haare und wechselten sich selbst ein. So wurden wir fünfmal deutscher Meister, gewannen zweimal den DFB-Pokal und waren auch international erfolgreich. All das ist lange her. Heute wird unser Verein von Bürokraten geführt, denen es fast egal zu sein scheint, was die Fans denken. Wenn wir unseren Unmut über eine zu defensive Spielweise äußern, dann werden wir zurechtgewiesen, wie kleine Kinder, die keine Ahnung haben. Aber freuen dürfen wir uns wenigstens. Leider nur viel zu selten.

In den letzten Jahren haben wir zahlreiche Trainer gehabt. Und irgendwie hat sich nichts geändert. Ich frage mich, woran das liegt. Ist es die Mentalität der Spieler? Oder ist es die Unfähigkeit der Trainer? Es ist schwierig zu sagen, was eine erfolgreiche Mannschaft ausmacht. Es ist ein komplexes System, in dem jede Schraube ineinandergreifen muss. Vor allem aber braucht ein Verein eine Seele, einen gemeinsamen Spirit, eine Identifikation. Etwas, was einen berührt und mitnimmt. Und daran hapert es in den letzten Jahren gewaltig.

Fußball ist ein Geschäft geworden. Und so stereotyp dieser Satz auch klingt, tatsächlich sind die Vereine nichts anderes mehr als Wirtschaftsunternehmen, denen es um Profit und Umsatz geht. Mittlerweile hat die Veröffentlichung eines Trikots mehr Aufmerksamkeit als die Erinnerung an den eigenen Mythos. Alles wird stilisiert und vermarktet, und so sehr es vielleicht auch zu wünschen ist, dass im Umfeld eines Vereins viele Dinge existieren, die mit Fußball wenig zu tun haben. So schön wäre es doch auch, wenn man sich wieder an die einfachen Tugenden des Fußballs erinnern könnte. Mannschaftsgeist, Siegeswille, Disziplin und Einsatz. Heute spiegelt sich die Vergänglichkeit dieser Ideale im Fußball wie auch in der Gesellschaft. Unsere Beziehungen sind nicht geprägt von Empathie und Einfühlungsvermögen, von Anteilnahme und Mitgefühl, sondern oft von Pragmatismus und Nützlichkeit. Unsere Meinung bilden wir nicht durch Erfahrungen, sondern durch Zugehörigkeitsgefühl und Geltungsdrang. Unsere Grundsätze sind oft austauschbar und mehr denn je bestimmt die Verwertbarkeit einer Idee die Treue zu unserem Ideal. Das ist auf der einen Seite sehr traurig, aber auf der anderen Seite auch normal. Denn alles verändert sich. Der Fußball ist nur ein Abbild der Gesellschaft. Und so wie alles unmittelbarer und vergänglicher in unserem alltäglichen Leben wird, so ist es auch im Fußball. Erfolge sind nur Momentaufnahmen und das ganze Brimborium drumherum ist oft nichts anderes als Werbestrategie, die uns Fans an den Verein binden soll.

Immer wenn ich im Stadion bin, sehe ich, wie automatisiert all diese Dinge geworden sind. Fangesänge, Fahnen und Feuerwerk. Und am Ende bleibt es doch nur ein Spiel, bei dem es um Sieg und Niederlage geht. Fast schon berechenbar und simpel. Warum wir in den letzten Wochen so erfolglos sind, kann ich allerdings nicht erklären. Denn eigentlich stimmt alles. Bis auf die Taktik. Und das ist besonders ärgerlich. Weshalb wir uns nach einer frühen Führung zurückziehen und darauf warten, dass der Gegner stärker wird, oder weshalb wir mutlos agieren, obwohl wir eigentlich nichts zu verlieren haben? Ich verstehe weder die Gründe, noch kenne dich Lösung, weil ich kein Experte bin. Aber ich weiß auch, dass es mich ärgert und ich mir wünsche, dass es sich ändert. Den wir Fans sind der Souverän. Im Leben wie im Fußball. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die in solchen Situationen sofort einen neuen Trainer fordern. Aber ich würde mir wünschen, dass in diese Mannschaft endlich eine neue Mentalität einzieht.


19.05.25
©Serdar Somuncu
Das neue Buch - Lügen -Kulturgeschichte einer menschlichen Schwäche"
*Serdar Somuncu ist Schauspieler und Regisseur

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Kommentare
  • Stefan
    19.05.2025 12:37
    Guten Tag, der viertletzte Satz ist für mich irgendwie nicht verständlich "Den wir Fans sind der Souverän."

    Ich weiß nur nicht ob es an meinem fehlenden Intellekt, oder am Satz liegt. Oder an Beidem. ;)

    Dieser Kommentar muss auch nicht veröffentlicht werden, ich wollte nur vorsichtshalber darauf hinweisen.

    Ansonsten vielen Dank für den tollen Beitrag. Genauso geht es mir aktuell auch. Ich denke das im Verein aktuell eine Menge zusammenkommt, was seitJahren für diese merkwürdigen Darbietungen sorgt. Eine nicht gut zusammengestellte Mannschaft, ein Trainer der so viel Feuer hat wie ein leeres BIC-Feuerzeug, und eine Vereinsführung, die nur noch jammert und keinerlei Ehrgeiz versprüht, sondern den Verein ständig kleiner redet, als er ist.
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