Zwischen Bruch und Bewegung - Die Bilanz eines unruhigen Jahres

Zwischen Bruch und Bewegung - Die Bilanz eines unruhigen Jahres

2025 ist ein Jahr, das nicht stillsteht. Es erzwingt Gegenwart, stellt Gewissheiten infrage und drängt die Gesellschaft in eine unbequeme Ehrlichkeit. Politik, Kultur und Öffentlichkeit laufen nicht mehr parallel, sondern prallen aufeinander. Die tröstliche Erzählung von Stabilität hält nicht mehr. Dieses Jahr wirkt, als wolle es die Gesellschaft dazu zwingen, erwachsener zu werden.

von Serdar Somuncu
Deutschland trägt die Folgen einer Entscheidung, die bereits im Dezember 2024 fällt: Olaf Scholz stellt die Vertrauensfrage - und verliert sie. Damit beginnt das Jahr 2025 unter dem Vorzeichen politischer Unsicherheit. Die Koalition, ohnehin gelähmt durch Haushaltsstreitigkeiten, zerfällt. Die Ankündigung von Neuwahlen ist weniger Neubeginn als Eingeständnis eines Realitätsverlusts. Das ,,Sondervermögen", über Jahre als politisches Allheilmittel inszeniert, steht nun sinnbildlich für eine Ära rhetorischer Buchhaltung. Während die Regierung taumelt, verschiebt sich das politische Klima. Die AfD wächst - getragen nicht von Zukunftsvisionen, sondern von der wachsenden Frustration vieler Wähler. Gleichzeitig erlebt das BSW einen spektakulären Kurzflug: ein rascher Aufstieg, eine überhitzte mediale Phase, ein ebenso rascher Niedergang. 2025 zeigt, dass politische Bewegungen wie Trendprodukte funktionieren können: kurz aufregend, schnell verbraucht.

International bleibt die Welt in Aufruhr. Der Gaza-Konflikt polarisiert und erschöpft zugleich. Russland erweitert seinen geopolitischen Spielraum, kühl, kalkuliert, ohne Eile. Westliche Regierungen reagieren tastend, teilweise nervös. 2025 ist das Jahr, in dem sich die globale Machtverteilung sichtbar verschiebt - nicht durch große Eruptionen, sondern durch das langsame Auseinanderdriften politischer Gewissheiten.

Europa erlebt gleichzeitig einen Moment kollektiver Trauer: Der Tod von Margot Friedländer markiert das Ende einer Epoche. Mit ihr geht eine der letzten lebenden Stimmen des Holocaust. Ihr Tod ist mehr als ein Nachrichtenevent - er ist ein historisch-emotionaler Einschnitt. Und während der politische Betrieb würdevoll kondoliert, wächst auf den Straßen die Diskrepanz: antisemitische Proteste, laut und enthemmt, bestimmen das Bild in zahlreichen europäischen Städten.
Oben: Gedenkreden, Mahnungen, gelobte Verantwortung.
Unten: Parolen, Aggression, Symbolzerstörung.
2025 zeigt gnadenlos, wie weit Erinnerungskultur und Realität auseinanderdriften können.

Inmitten dieser Spannungen geraten auch moralische Ikonen unter Druck. Greta Thunberg, lange Zeit Klima-Gewissen des Westens, versucht, im Konfliktgeschehen eine neue Rolle zu finden - und scheitert. Ihre Aktionen wirken 2025 gezwungen, hochgradig politisiert und letztlich kontraproduktiv. Die Nachahmerinnen, die ihren Stil imitieren, verstärken diese Wirkung. Es ist das Jahr, in dem ein Teil der Öffentlichkeit erkennt, wie schnell moralische Bewegungen in Ritualisierung kippen.

In den USA erschüttert der Mord an Charlie Kirk - ohne grafische Darstellung - die politische Landschaft. Er wird zum Mahnmal einer Eskalation, die aus Worten Taten macht. Ein Moment nationaler Schockstarre, der zeigt, wie dünn die Grenze zwischen politischer Polarisierung und persönlicher Gefahr geworden ist.

Auch kulturell vollzieht sich ein Bruch. Die Debatte um Thomas Gottschalk legt offen, wie mechanisch Empörungsreflexe inzwischen ablaufen. Lange galt die moralische Strenge der Wokeness als dominanter Taktgeber; 2025 verliert sie spürbar an Wirkmacht. Das Publikum verfällt nicht dem Zynismus - aber es wendet sich ab von moralischen Schablonen.

Parallel dazu erlebt die Kultur eine Renaissance des Analogen. Säle füllen sich, Bühnen leben, Menschen suchen Nähe, Unmittelbarkeit, Ungefiltertes. Kultur wird 2025 zum Gegenentwurf gegen die Überhitze digitaler Räume und gegen die politische Dauerkrise. Sie liefert nicht die großen Antworten - aber die besseren Fragen.

Technologisch bleibt 2025 ein Jahr der Ambivalenz. KI ist Heilsversprechen und Bedrohung zugleich. Doch die Wissenschaft arbeitet jenseits der rhetorischen Überdehnung weiter: Durchbrüche in der KI-gestützten Krebsfrüherkennung, Fortschritte in Energietechnik und neue Diagnosesysteme zeigen, dass technologische Zukunft nicht aus Visionen entsteht, sondern aus stiller, konzentrierter Forschung.

Und so steht 2025 am Ende als ein Jahr, das die Gesellschaft nicht beruhigt, sondern klarer macht. Ein Jahr, das zeigt, wie stabil Instabilität eigentlich ist. Dass politische Mythen verfallen, aber gesellschaftliche Resilienz wächst. Und dass Streit kein Zerfall ist - sondern vielleicht die einzige Form, in der eine moderne Gesellschaft sich überhaupt erneuern kann.

19.12.25
©Serdar Somuncu
Das neue Buch - Lügen -Kulturgeschichte einer menschlichen Schwäche"
*Serdar Somuncu ist Schauspieler und Regisseur

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Kommentare
  • 22.01.2026 06:27
    Hallo Serdar Somuncu,

    ich verfolge dich schon länger, und ich muss sagen: Du trägst viele Gedanken in dir, die sich in mir selbst widerspiegeln. Das ist kein blinder Zuspruch, sondern ein Wiedererkennen.

    Ich möchte heute bewusst nicht auf die vielen Frauen aus dem Iran eingehen, auch nicht auf das Jahr 2025 oder auf einen ehemaligen Kanzler, der sich an vieles nicht erinnern konnte – Olaf Scholz. Natürlich tut mir das Leid der iranischen Frauen leid, aber es trifft mich nicht mehr so tief wie vielleicht dich. Vielleicht liegt das daran, dass ich mir in den letzten Jahren eine Art Schutzklappe aufgebaut habe – nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Selbstschutz. Diese Klappen brauche ich noch, um nicht völlig zu zerbrechen.

    Gleichzeitig habe ich meinen inneren Kompass verloren, was meinen Selbstwert angeht. Ich weiß nicht, ob das an dieser verrückten Welt liegt, an den Nachwirkungen der Corona-Zeit oder daran, dass in meinem Kopf etwas dauerhaft verrutscht ist. Ich wurde nie geimpft und war am Ende für viele nur noch ein „Aluhutträger“. Dadurch habe ich sehr viele Freunde verloren.

    Dann kam 2024 – eine weitere Erschütterung. Gesellschaftlich, politisch, menschlich. Und genau da beschreibst du Szenen, die ich exakt genauso wahrnehme. Es ist, als würden unsere Gedanken in dieselbe Richtung laufen, wie über eine Bluetooth-Verbindung synchronisiert.

    Wenn ich mir politische Analysen ansehe – etwa bei n‑tv mit Niki Beisenherz oder dieses „Zweite sehen Sie besser“, wo Jan Böhmermann seine Hetzkarawanen losschickt – habe ich oft das Gefühl, dass dort inhaltlich nichts mehr vorhanden ist. Viel Oberfläche, viel Moral, wenig Substanz. Werbung ersetzt Denken.

    Ausgenommen davon war für mich lange Florian Schröder, mit dem du ja selbst öfter auf der Bühne standest. Aber ehrlich gesagt habe ich nie verstanden, warum ihr zusammenpasst – für mich war da immer eine Dissonanz.

    Umso mehr habe ich deine eigenen Podcasts verfolgt, vor allem im Videoformat auf YouTube. In vielen deiner Denkanstöße hast du erstaunlich oft die richtige Prognose geliefert – ob im Gespräch mit Sahra Wagenknecht oder mit anderen. Das hat mir etwas gegeben, weil ich gemerkt habe: Ich bilde mir meine Wahrnehmung nicht nur ein.

    Trotzdem möchte ich dir etwas sagen – ganz offen: Lass dich nicht zu sehr triggern. Denn sonst wirst du am Ende über Dunya Hayali „verpetzt“, bei Meldebehörden gemeldet und landest schneller in irgendwelchen Akten, als dir lieb ist. Leute wie Hendrik Wüst oder Daniel Günther aus der CDU warten nicht auf Argumente, sondern auf Vorwände.

    Bleib du selbst, so wie du bisher warst. Es wäre ein Trauerspiel, wenn das alles ein schlechtes Ende nehmen würde.

    Ich selbst setze hin und wieder auch mal ein blaues Herz – aber längst nicht bei allem. Heidi Reichinnek ist für mich allerdings auch keine Option. Innerlich bin ich eher konservativ, aber bezogen auf Werte, Kultur, Haltung – und genau diese Dinge sind längst zerstört worden.

    Nimm die paar guten Jahre mit, die noch gehen. So mache ich es auch. Alles andere macht einen nur krank im Kopf.

    Heute Nacht habe ich darüber nachgedacht, was ich dir schreiben soll, und dabei deine Boygroup-Folge 73 über Günther und die USA gehört. Wenn du dich einmal intensiver mit der Monroe-Doktrin beschäftigst, wirst du verstehen, warum jemand wie Trump Grönland haben will. Das ist keine Spinnerei, sondern geopolitische Logik.

    Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft, Spaß und Klarheit bei deinen Bühnenauftritten und Videopodcasts. Ich schaue sie mir gerne an – alles andere kann ich mir momentan schlicht nicht leisten. Das ist nicht böse gemeint, meine Mittel sind aktuell einfach begrenzt.

    Alles Gute
    Andreas
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